Das Vermächtnis der Engelssteine: Engelstropfen – Leseprobe

Prolog

 

Wir haben immer eine Wahl.

Die meisten Menschen sind nur zu selbstsüchtig, um die Richtige zu treffen. Aber was ist schon richtig und was ist schon falsch?

Das Leben besteht aus einer Aneinanderreihung von Entscheidungen.

Und ich weiß, dass diese meine Letzte sein wird.

 


Kapitel 1

 

Gabe küsste meinen Nacken, während seine Fingerspitzen sanft mein Schlüsselbein nachfuhren. Ich schloss die Augen und lauschte meinem Herzen, das aufgeregt gegen meine Brust hämmerte. Gabes Lippen fanden meine und als er mich auf seinen Schoß zog, vergaß ich einfach alles.

Ich vergaß, dass wir vor knapp vierundzwanzig Stunden beinahe gestorben wären. Vergaß, dass wir beide unser Leben würden geben müssen, um die Engel zu besiegen. Ich vergaß, dass der Erzengel Killian mein Vater war, vergaß, dass meine Mutter mich jahrelang belogen hatte, und schob den Gedanken daran beiseite, dass der Krieg zwischen Engeln und Todesengeln kurz bevorstand. Ich vergaß das flammende Diamantschwert, vergaß das Medaillon um meinen Hals und vergaß, dass ich nicht vergessen konnte.

Es gab nur Gabe und mich, seine Hände auf meiner Haut, seinen Herzschlag unter meinen Fingern … und ein energisches Hämmern an der Tür.

Gabes Finger hielten in ihrer Bewegung inne und widerwillig schlug ich die Augen auf. Wir lagen mittlerweile halb aufeinander, die weiche Matratze in meinem Rücken und meine Beine um seine geschlungen, während das Klopfen gegen die Tür penetrant lauter wurde. Der dumpfe Ton zerrte an meinem Geduldsfaden, der zurzeit zugegebenermaßen dünn gesponnen war.

Gabe setzte sich seufzend auf und ließ seinen Kopf mit einem lauten Klonk gegen die Steinwand fallen.

Ich legte eine Hand über die Augen. »Nein!«

»Doch!«, drang Leahs Stimme durch die Tür.

»Nein! Wir sind nicht zu Hause!«

»Dass du nicht in deinem Zimmer bist, weiß ich auch! Aber ihr werdet hier draußen gebraucht.«

Nein. Wurden wir nicht. Ich wollte nicht aus diesem Zimmer gehen. Sobald ich diesen Raum verließ, würde die Realität über mir zusammenbrechen. Ich wollte hierbleiben, in meiner Blase. Der Blase, in der Gabe mich liebte, und es nichts anderes gab außer ihn und mich. Meine kitschige, kleine Blase, in der endlich alles gut werden würde. In der Schmetterlinge herumflatterten, pinke Elfen tanzten und mein Herz mit Helium gefüllt war.

»Komm später wieder, Leah.«

»Das würde ich ja, wenn Akasha mir nicht eine solche Angst einjagen würde! Sie hat gesagt, dass sie sofort mit euch sprechen will – und dann hat sie ihren Zeigefinger gehoben, Ella! Du weißt, dass ich Zeigefinger nicht abkann, also kommt raus, bevor sie auch noch den anderen hebt.«

Ich schnaubte und setzte mich ebenfalls hin. »Sie hat doch gerade erst mit Gabe gesprochen.«

»Hat sie nicht«, rief Leah.

»Hat sie nicht«, murmelte Gabe.

»Hat sie nicht?« Ich sah Gabe verwirrt an. »Ich dachte, du hättest ihr direkt Bericht erstattet.«

Er schüttelte den Kopf und zeichnete gedankenverloren meine Rippenbögen nach, bevor seine Finger zu meinem Schlüsselbein glitten. »Nein. Ich wollte sichergehen, dass ich hier bin, sobald du mit Ian gesprochen hast.«

»Hallo? Seid ihr noch da? Ella, ich möchte zu Lao. Ihm geht es nicht gut. Bitte, kommt da raus.«

Richtig. Lao.

Lao, der von zwei aufeinanderprallenden Schilden fast zu Tode gequetscht worden war. Natürlich wollte Leah bei ihm sein, nur …

»Ich möchte nicht da raus«, flüsterte ich und senkte den Blick. »Ich möchte sie nicht alle anlügen. Ich …« … möchte nicht sterben müssen.

Wenn ich durch diese Tür ging, würde ich mich einen weiteren Schritt auf meinen Tod zubewegen. Jeder Meter, den ich zurücklegte, brachte mich näher an mein Ende – doch je länger ich bräuchte, desto mehr Menschen würden sterben. Wenn ich je in einer Dilemma-Situation gesteckt hatte, dann war es diese.

»Ich weiß«, flüsterte Gabe. »Aber das Lügen wird leichter.«

Ich biss mir schmerzhaft auf die Unterlippe und starrte auf meine im Schoß verschränkten Hände. »Aber ich will nicht, dass es leichter wird. Ich will keine gute Lügnerin werden.«

»Du hast keine Wahl. Du weißt, dass wir ihnen nicht die Wahrheit sagen können, Ella.«

Ich ließ die Stirn in meine Hand sinken und presste meine Augenlider fest zusammen. »Gabe, ich weiß nicht, ob ich das kann. Ich weiß nicht, ob ich einfach …«

»Ich weiß«, wiederholte er leise. Seine Arme schlossen sich um mich und hüllten mich in Wärme. Er küsste meinen Scheitel – und seine Worte hingen in der stickigen Luft, als warteten sie darauf, dass er ihnen noch etwas hinzufügte. Doch das tat er nicht. Was hätte er auch sagen sollen? Es gab nichts, was die Situation besser gemacht hätte.

Egal, welches Szenario ich durchging … es endete mit unserem Tod. Es war simpel:

 

Drei Hand in Hand, die Farben entflammen,

Drei geben sich selbst, die Macht wird zerschlagen.

Die Steine vereint, die Welt zu verdammen,

Wer opfert sich selbst?, bleibt offen zu fragen.

 

Es gab drei Engelssteine: den Blutopal, den Todessaphir und den Engelstopas. Jeder konnte nur von der dazugehörigen Rasse berührt werden: den Menschen, den Todesengeln und den Engeln. Zusammen hatten sie die Macht, Menschen in Engel zu verwandeln, und zerstört werden konnten sie nur, indem man ihnen seine Energie gab – all seine Energie.

Es war nur logisch, dass Gabe und ich dazu auserwählt worden waren, uns zu opfern. Abgesehen davon, dass ich schlichtweg der einzige Engel war, der dieser Seite zur Verfügung stand, waren wir Halbwesen. Halb Mensch, halb Engel beziehungsweise Todesengel. Rein rechnerisch gesehen, war es sinnvoll, uns zu nehmen. So müssten nur zwei geopfert werden und nicht drei.

Nur … Logik war nicht das, womit ich meinen Tod betrachten wollte. Logik war etwas für Matheaufgaben. Für Statistiken. Für kalte, emotionslose Engel. Nicht für ein Teenagermädchen wie mich, das endlich mit dem Kerl zusammengekommen war, den es liebte, nur um dann zu erfahren, dass sie beide sich bald würden umbringen müssen!

»Macht ihr da drinnen rum, oder was?«

Ich löste mich aus Gabes Umarmung und stand vom Bett auf. »Wir kommen, Leah«, antwortete ich und schloss für einen kurzen Moment noch einmal die Augen.

Mein Kopf schmerzte von all den Informationen, die er in den letzten zwölf Stunden hatte verarbeiten müssen. Meine Glieder schmerzten, seit Killian mir all die Energie genommen hatte. Selbst meine Haarspitzen schienen zu schmerzen. Ich war so müde, dass ich das Gefühl hatte, im Stehen schlafen zu können.

»Komm«, murmelte Gabe und seine Lippen streiften meine Schläfe, bevor er meine Hand nahm. »Wir machen es kurz.«

Ich schnaubte. »Genau. Ist ja kaum etwas passiert in den letzten Wochen. Das können wir locker in einer Fünf-Minuten-Präsentation zusammenfassen.«

Wir öffneten die Tür, vor der Leah mit ungeduldiger Miene ihr Bein mit den Fäusten malträtierte. Als ihr Blick mein Gesicht streifte, schnappte sie schockiert nach Luft. »Oh mein Gott, ist alles in Ordnung?«

Ich blinzelte und umklammerte Gabes Hand fester. Wie um mich selbst daran zu erinnern, dass er noch da war. »Klar. Wir sind da alle lebend raus, oder? Wir können uns glücklich schätzen.«

Leah starrte mich weiter an. Betrachtete meine tränennassen Wangen. Meine verkrampfte Haltung.

Ich wandte das Gesicht ab.

»Ella. Es ist nicht deine Schuld. Das mit Lao und dem Todessaphir. Das weißt du, oder?«

Ihre Worte trieben mir erneut Tränen in die Augen, doch ich schluckte sie hinunter und lehnte mich an Gabes Seite. Er hielt mich am Boden. Schien im Moment das einzig Reale, Echte zu sein.

»Das weiß ich«, antwortete ich.

»Du machst dir keine Vorwürfe?«, hakte Leah skeptisch weiter nach.

»Nein. Lass uns gehen, ja? Lao wartet bestimmt auf dich. Und Akasha auf uns.«

Meine beste Freundin sah immer noch besorgt aus, doch ihr Drang, nach Lao zu schauen, war stärker als der, mich weiter zu löchern. Also warf sie nur noch einen misstrauischen Blick auf Gabe, der auffällig stumm geblieben war, und trieb uns dann die engen, leeren Steingänge entlang. Die elektrischen Fackeln warfen langgezogene Schatten auf den Boden und der Geruch der feuchten Erde trieb mir die Übelkeit in den Magen.

Wir werden sterben.

Wir durchquerten den vollkommen ausgestorbenen Aufenthaltsraum, liefen durch die Flure aus festgetretenem Lehm und Dreck und stiegen zwei weitere steile Treppen hinab, die in dem Gang zum Refugium und zum Krankenzimmer mündeten.

Leah verabschiedete sich und zog die hölzerne Tür auf, hinter der Lao wohl noch immer behandelt wurde. Bevor sie jedoch dahinter verschwand, warf sie mir einen weiteren verwirrten und besorgten Blick zu, der mir fast das Herz brach. Sie machte sich schon genug Sorgen. Hatte genug eigene Probleme. Ihre Haut war blass, die bläulichen Adern stachen deutlich darunter hervor und ihre Lippen hatte sie den ganzen Weg lang aufeinandergepresst gehalten. Lao hatte eine heftige Gehirnerschütterung und einige Knochenbrüche erlitten – und ich wusste, dass sie ihn liebte. Sie kannte ihn erst seit einigen Wochen, aber mehr hatte sie nicht gebraucht. Ich wollte sie nicht auch noch damit belasten, dass sie glaubte, ich hätte Schuldgefühle. Die ich natürlich hatte, die aber nicht der Grund dafür waren, dass ich so beschissen aussah!

Ich hasste es, meine beste Freundin leiden zu sehen, und noch mehr hasste ich es, sie anzulügen. Doch ich konnte ihr weder die Wahrheit sagen, noch fühlte ich mich im Moment dazu in der Lage, aufmunternde Worte zu finden. Mein eigenes Schicksal sah gerade nicht sehr fröhlich aus und das hinderte mich daran, allzu optimistische Gedanken zu formen.

Gabe hatte seine Finger noch immer mit meinen verschränkt. Es mochte eine unschuldige Geste sein, doch mir bedeutete sie mehr, als ich zugeben wollte. Ich hatte lange genug darauf gewartet, dass er eine solche Art der Nähe überhaupt zuließ – und er war die einzige Person, die wissen konnte, wie ich mich fühlte. Die einzige Person, die alles wusste. Vor der ich keine Geheimnisse hatte.

Bis auf die Tatsache, dass Killian mein Erzeuger war.

Ich sah Gabe von der Seite her an und fragte mich, ob diese Information für ihn etwas ändern würde. Für Ian hatte es nichts geändert. Aber er war auch praktisch mein Vater.

Wir bogen nach rechts ab und schwiegen noch immer. Gabe sah genauso müde aus, wie ich mich fühlte. Seine schwarzen Haare hingen ihm in die Stirn und mussten dringend geschnitten werden, ein Bartschatten bedeckte Wangen und Kinn und seine dunklen Augen schienen mehr als nur den Gang vor uns zu sehen.

Ich schloss meine Finger enger um seine, als fürchtete ich, ihn an seine Gedanken zu verlieren.

Als wir das Refugium passierten, blickte ich überrascht durch die offenstehende steinerne Tür. Der Saal war brechend voll. An den vier senkrecht auf das Podium zulaufenden Tischreihen saß eine Unmenge an Findern und Kämpfern. Ich kniff die Augen zusammen und erkannte, dass auch auf dem Podest bereits mehrere, in schwarz gekleidete Personen Platz genommen hatten. Es musste bereits nach ein Uhr morgens sein. Warum zum Teufel waren noch alle wach?

Ich wollte stehen bleiben, um mir das Innere genauer anzusehen, doch Gabe zog mich weiter. »Es wird wohl doch ein wenig später«, stellte er trocken fest, während er sich mit der freien Hand übers Gesicht fuhr. »Akasha scheint eine Vollversammlung einberufen zu haben.«

Na klasse. Noch mehr Fremde, die mich anstarren und Fragen stellen würden, die ich allesamt nicht beantworten wollte.

»Die Prioritäten hier unten werden falsch gesetzt«, murmelte ich. »Eine Horde Todesengel, eine Menge schlechter Neuigkeiten, aber kein Buffet. Was für eine Art von Empfang ist das?«

Gabe grinste und küsste meine Handknöchel. »Keiner, auf den ich um ein Uhr nachts gehen möchte.«

Wir waren an einer schweren Holztür angelangt, die anstelle eines Türknaufs nur eine bronzene Faust zierte, die man als Türklopfer benutzen konnte. Kaum hatte Gabe sie auf das Holz fallen lassen, schwang die Tür auch schon auf.

Ein ovaler Raum kam zum Vorschein, der bis auf einen antiken Holzschreibtisch und den daran lehnenden Todesengel vollkommen leer war.

Ich hatte Akasha schon in vielen verschiedenen Gemütszuständen gesehen: Ruhig. Berechnend. Besorgt. Wissend. Alle davon sehr kontrolliert.

Dieser emotionale Zustand hier war mir jedoch neu. Sie strahlte eine Mischung aus Ungeduld, Anspannung und unterdrückter Wut aus. Ihre dunkelroten Haare waren in einem untypisch lockeren Dutt auf ihrem Kopf zusammengefasst und ihre hellbraunen Augen zu Schlitzen verengt. »Da seid ihr ja endlich. Ich hatte vor Stunden mit eurem Bericht gerechnet!« Obwohl sie mit uns beiden sprach, fixierte sie nur Gabe.

»Endlich?«, echote ich tonlos, während die Tür hinter uns ins Schloss fiel. »Da sind wir endlich?«

Meine Hand verkrampfte sich in Gabes und mein Schild prickelte plötzlich auf meiner Haut.

Wie konnte Akasha sich anmaßen, entrüstet zu sein? Wie konnte die Frau, die mir seit drei Monaten verschwieg, dass ihr Plan auf meinen Tod hinauslief, sich dem Irrglauben hingeben, sie hätte das Recht, sich zu beschweren?

Der Erztodesengel seufzte und ihr Blick schwenkte zu mir. »Ich verstehe, dass ihr müde seid. Ihr habt eine Menge durchgemacht. Aber hier aufzutauchen, einen verletzten Lao mitzubringen, mir zu sagen, dass der Todessaphir in Killians Händen ist, und mich dann nicht weiter zu informieren – das ist inakzeptabel!«

»Inakzeptabel?« Ruckartig entriss ich Gabe meine Hand und meine Stimme war so laut geworden, dass mir die Stimmbänder wehtaten. Die Wut, die ich vergessen geglaubt hatte, kochte in mir hoch und schäumte über. »Du kannst froh sein, dass ich überhaupt noch hier bin, Akasha!«, schrie ich.

Als wüsste Gabe, dass ich kurz davor war, wortwörtlich zu explodieren, legte er mir beruhigend eine Hand auf die Schulter.

Die Geste verfehlte ihren Zweck.

»Wie kannst du das Wort ›inakzeptabel‹ auch nur in den Mund nehmen?«, brüllte ich weiter und ballte meine Hände zu Fäusten. Ich hatte Akasha sonst immer nur gesiezt, aber bei Todesengeln, die ich nicht länger respektierte, kam mir die Höflichkeitsform wie eine Verschwendung vor. Meine Fingernägel gruben sich schmerzhaft in meine Haut, doch es war mir egal. »Inakzeptabel ist es, dass ihr mir seit drei Monaten verschweigt, dass ich sterben muss, um die Engelssteine zu zerstören! Dass ihr mich wie eine Schachfigur auf eurem Brett hin und her geschoben habt, ohne euch einen Scheiß für mich zu interessieren! Die ganze Zeit bin ich nur Mittel zum Zweck für dich gewesen und jede Sekunde, in der ich dich nicht gegen die Wand klatschte, ist ein Lob an meine Selbstbeherrschung!«