Kapitel 1
Stella
Von mir gehasst zu werden, war etwas Besonderes.
Nicht, »Oh, ein vierblättriges Kleeblatt«-besonders. Nicht »Da ist eine Gräte in meinem Fischfilet«-besonders.
Nein. Von mir gehasst zu werden, war »Ein Magier zieht einen T-Rex anstelle eines Kaninchens aus dem Hut«-besonders.
Es war unmöglich, absurd, undenkbar und erschreckend zugleich. Einfach etwas, mit dem man in hundert Jahren nicht rechnete.
Mein Hass besaß Seltenheitswert. Wäre er ein Stein oder ein Gemälde, würden Wissenschaftler und Kunstfanatiker auf der ganzen Welt ihn mit großem Enthusiasmus untersuchen. Er würde in Museen ausgestellt, auf Conventions besprochen und seine Geschichte mit Timothée Chalamet in der Hauptrolle verfilmt werden. Titel: Stellas Hass – eine unglaublich unwahrscheinliche Geschichte!
Meine Schwester behauptete gern, ich wäre optimistischer als Taylor Swift bei den Grammys und es gäbe nur drei Dinge, die ich verabscheute: Enden, Allein-sein und Kapern.
Aber das war davor gewesen. Vor Rowan Easton.
Gott, ich verachtete selbst den Schatten von dem Kerl. Denn er war so groß und düster, dass er hilflosen Blumen die Chance zum Wachsen nahm. Doch am meisten hasste ich, wenn er ebenso wie ich geradewegs auf die fast leere Kaffeekanne in der Büroküche zuhielt.
O nein. Ich hatte heute schon zwei Blickduelle mit ihm und einen Streit über die Lebensspanne von Haifischen verloren – aber wer hätte auch ahnen können, das Grönlandhaie bis zu fünfhundert Jahre alt wurden? Und war Rowan verdammter Hobby-Biologe oder was?! –, also beschleunigte ich meine Schritte.
Mir war egal, ob ich gewann. In meiner Welt stand es immer Eins zu Null für Spaß. Ich wollte nur, dass Rowan verlor. Denn er war es nicht gewöhnt, und jedes Mal, wenn ich ihn in einem albernen, nicht offiziellen Wettbewerb schlug, erschien diese steile Falte zwischen seinen Augenbrauen, die mir mehr Genugtuung gab als Bryans strahlendes Lächeln. Auch wenn mein Freund das nicht wusste. Aber ein paar Geheimnisse hielten die Beziehung schließlich auf Trab.
Ich wich nach rechts aus, um nicht mit unserer Marketinghexe Clarisse zusammenzustoßen, die ohnehin immer nach einem Grund suchte, mich anzumeckern … und das war der Moment, in dem Rowan mich eiskalt überholte.
Nein!
Verbissen hechtete ich durch die Tür, stürzte nach vorn und versuchte, den Griff der Kaffeekanne zu erwischen, aber Rowan, mit seinen blöden Drei-Meter-Beinen und mindestens ebenso langen Armen, war schneller. Elegant wie ein Gepard (die er in seiner Freizeit sicherlich zusammen mit Elefanten jagte) schnappte er mir die Kanne weg und trat einen Schritt nach hinten, damit ich nicht mit ihm kollidierte.
Stattdessen knallte ich fast gegen die Anrichte.
Einzig und allein meine Wut hielt mich auf den Füßen. Scheiße. Mein Puls pochte viel zu laut in meinen Ohren, während ich verkniffen zu Rowan auf und auf und auf sah. Ich hätte meine Sandalen mit den Keilabsätzen anziehen sollen. Es war nicht fair, wie leicht er auf mich herabsehen konnte.
„Sorry, wolltest du was?“, fragte er trocken und schaute mir in die Augen, während er den letzten Rest meiner dampfenden Rettung in einen Becher goss und die leere Kanne abstellte.
Ich schob die Fäuste in die Taschen meines Kleides, damit sie sich nicht verselbstständigten. „Ein Gentleman würde die letzte Tasse Kaffee seiner Kollegin anbieten und neuen machen“, informierte ich ihn.
„Ich bin nur in Gegenwart einer Lady ein Gentleman“, erwiderte er achselzuckend, lächelte breit und trank zwei große Schlucke.
Dieser Mistkerl.
Ich atmete tief durch. Theoretisch war ich körperlich durchaus dazu in der Lage, Kaffee zu kochen – hier ging es allerdings ums Prinzip.
„Du bist aber gut gelaunt heute“, presste ich zwischen den Zähnen hervor. „Du lächelst. Wie seltsam. Das machst du doch sonst nur zu Vollmond, wenn du kurz vor deiner Verwandlung stehst. Hattest du heute Morgen die Chance, einer alten Dame ihren Krückstock zu stehlen? Oder woher kommt der glückselige Ausdruck auf deinem Gesicht?“
„Sie hat ihn mir freiwillig gegeben, als ich ihr erklärt habe, dass ich ihn brauche, um dich für deine große Klappe zu bestrafen.“
„Aha“, erwiderte ich ungerührt. „Wusste nicht, dass du auf S und M stehst.“
Er hob die Augenbrauen und neigte kaum merklich den Kopf. So als hielte er es für eine äußerst dämliche Idee von mir, das Gespräch in diese Richtung zu lenken.
Aber was sollte ich sagen? Dämliche Ideen waren meine größte Stärke. Und er verwehrte mir mein Koffein! Ich konnte also ganz offensichtlich nicht klar denken.
„Ich dachte, das ist öffentlich bekannt. S und M steht für Snickers und Milky Way, richtig?“
Oh, bitte, seinem lästig muskulösen Körper und scharfen Blick nach zu urteilen, ernährte er sich offensichtlich nur von Proteinpulver und Möhren.
„Welch jungfräulicher Kommentar von dir, Rowan“, bemerkte ich leichthin. „Dabei bist du Stier.“ Ich wusste das Sternzeichen von jedem Mitglied der Redaktion. Aber ich schrieb nun einmal die Horoskope, es war also Teil meiner Jobbeschreibung. „Ich muss dir jedoch leider mitteilen, dass das eine sehr schlechte Woche für das Sternzeichen Stier ist. Venus sagt dir eine gebrochene Nase und womöglich auch ein wenig Fußpilz voraus. Weitere schlimme Dinge stehen dir bevor, die du nicht kommen sehen wirst. Denn Jupiter befindet sich auf einer Linie mit Mars. Das heißt, du wirst einen wichtigen Kampf verlieren. Spoiler Alert: Du führst ihn mit mir.“
Rowan nippte genüsslich weiter an seinem Kaffee, lehnte sich mit der Schulter gegen den Kühlschrank und überkreuzte die Beine an den Knöcheln. „Merkwürdig, wie der Stier nur noch schlechte Wochen zu haben scheint, seit ich hier arbeite. Und ich kämpfe nur mit Menschen, die keine Trittleiter brauchen, um mir in die Augen zu sehen.“
Ich brauchte keine, um ihm ihn die Eier zu treten. Darüber sollte er mal nachdenken. „Ich glaub, der Stier sollte diese Woche auch lieber aufpassen, dass keine Messer in seinen Autoreifen landen.“
Rowan seufzte. „Ich hätte dir nie verraten dürfen, wann ich Geburtstag habe. Wir reden wirklich viel zu viel über mein Sternzeichen.“
„Kann ich was dafür, dass dein Leben unter einem schlechten Stern steht?“
„Der Stern heißt Stella.“
„Jeder Stern heißt Stella“, erwiderte ich süßlich. „Es ist die lateinische Bezeichnung dafür. Solltest du das nicht wissen, Mr Harvard?“
„Ich bin ziemlich schlecht in Latein. Aber ich kann dir auf Französisch und Spanisch sagen, dass ich Kaffee trinke und du nicht: Je bois du café et toi non. Yo tomo un café y tú no!” Er lächelte breit, stieß sich vom Kühlschrank ab und verließ die Küche.
Ich schabte die Zähne übereinander. Wie konnte man selbst in drei Sprachen ein Volltrottel sein?
Widerwillig rammte ich die leere Kanne wieder in die Filtermaschine – Zeitungen starben nun einmal aus, unser Budget war eng – und machte mich daran, den Filter auszutauschen. Ich war ein sehr positiver Mensch und geborene Pazifistin. Aber ich fantasierte täglich davon, wie Rowan gegen eine Mauer rannte oder vom Auto angefahren wurde oder so beschäftigt damit war, seine geliebten Listen und Pläne zu studieren, dass er das Gulli-Loch in der Straße nicht bemerkte. Ich wollte, dass er sich was brach. Nur was Kleines, was man nicht unbedingt brauchte. Den Arm, die Nase … das Genick.
„Dude. Da ist aber jemand aggressiv“, meinte Andy, der im Türrahmen aufgetaucht war. Ohne ein weiteres Wort schlenderte er auf mich zu und entwand mir mit sanfter Gewalt den Kaffeefilter, den ich aus Versehen entzweigerissen hatte. Andy nannte jeden Dude. Egal ob männlich, weiblich, non-binär oder Tier. Er meinte, es wäre sein Beitrag zur Gleichberechtigung. Er war sechsundzwanzig, roch meistens nach Gras, betreute die Sparte Reisen & Entdecken sowie Überregionales, besaß so viele Piercings, dass er mit jeder Sicherheitskontrolle am Flughafen Krieg führte, und war zusammen mit meiner besten Freundin Marlow der Grund, warum ich den Job bei der Zeitung liebte.
„Ich wollte doch nur Koffein“, jammerte ich und überließ Andy die Kaffeemaschine. „Und jetzt habe ich Todesfantasien und ziemlich sicher ein Magengeschwür.“
„Ich versteh dich nicht, Stella. Du bist der positivste, in deinem lächerlichen Optimismus unbeugsamste Mensch, den ich kenne. Wieso lässt du dich von Rowan so provozieren?“
Unzufrieden verzog ich das Gesicht und knibbelte an meinem Daumennagel. Ich hatte keine Antwort auf die Frage. Ich wusste nur, dass ich herzlich und freundlich und mein charmantes Selbst war … und Rowan mich trotzdem nicht mochte. Dabei mochte mich jeder.
„Na, zankst du dich wieder mit Rowan?“ Marlow schloss die Küchentür hinter sich. Sie war so gewissenhaft wie eine Atomuhr, ließ allerdings keine Chance ungenutzt, ihrer Arbeit als Literatur- und Online- sowie TikTok-Beauftragte zu entgehen.
„Wir zanken nicht“, informierte ich sie. „Wir planen unseren gegenseitigen Untergang.“
„Du planst? Das ist mir ja völlig neu“, sagte Marlow scheinheilig und zwirbelte ihre dunkelroten Haare zu einem Dutt auf ihrem Kopf zusammen.
„Verzweifelte Situationen erfordern verzweifelte Maßnahmen! Ich wollte Kaffee, er wollte Krieg.“
„Für mich auch Kaffee – auf den Krieg verzichte ich.“ Sie nickte Andy zu, bevor sie einen Arm um meine Schultern legte. „Und lass dich von Rowan nicht ärgern. Mr Big-Shot ist nur frustriert, weil er heute über eine große Zucchini, statt über eine große politische Krise berichten muss. Ah, übrigens, hast du mir die Anzeigen gemailt, die ich hochladen muss? Mr Sanchez hat schon wieder angerufen, weil er für die ganze Woche zahlt und die Woche vor vierzig Minuten offiziell angefangen hat.“
„Ach, Mist.“ Ich rieb mir die Schläfen. Rowan bereitete mir Kopfschmerzen. „Nein. Ich mach das sofort. Ich hefte sie dir gleich alle ab. Ich konnte die Senioren leider noch nicht davon überzeugen, sie auf dem Computer zu tippen.“
Die Oldies von Sunset Cove trauten Computern nicht über den Weg. Sie hatten Angst vor den Viren. Ihre Furcht überwanden sie nur, wenn es darum ging, per Mail Beschwerde einzureichen. Erst letzte Woche hatte ich Mr Sanchez ein Google-Konto einrichten müssen, damit er den armen Kundenservice von Snickers darüber informieren konnte, dass sein letzter Riegel drei Erdnüsse weniger als der zuvor hatte.
Mr Sanchez war einsam. Seit die Polizei ihm das Autofahren verboten hatte, weil er eine Gefahr für den Straßenverkehr war, sogar noch mehr denn je. Leider lag die Zeitung fußläufig von ihm entfernt, und ich hatte ihm mein altes Handy geschenkt. Ein taktischer Fehler, wie Marlow mich nicht vergessen ließ. Aber er war so glücklich darüber gewesen! Was hätte ich tun sollen? Auch nervige Menschen verdienten ein wenig Hilfe.
Also, außer Rowan jetzt. Nicht, dass er jemals darum bitten würde. Der Kerl hielt sich für den Batman des Journalismus.
„… mir zu, Stella?“, fragte Marlow laut und schnipste mit den Fingern vor meinem Gesicht herum.
Ich blinzelte. „Was? Sorry, ich war in Gedanken.“
„Ich wollte wissen, ob Bryan heute Abend auch dabei ist. Filmabend bei mir? Du erinnerst dich?“
„Oh, richtig. Nee, ich denke nicht.“ Ich kratzte mir unangenehm berührt den Nacken. Bryan hatte in letzter Zeit keinen Nerv für unsere Spaßveranstaltungen. Ich sah es ihm nach, er hatte vor Kurzem seinen Job verloren und war seitdem etwas down.
„Dude, dein werter Freund war schon lang nicht mehr dabei“, meinte Andy stirnrunzelnd. „Aber whatever, ich komme – und hier dein Koffein.“
Ich nahm dankbar den Kaffee entgegen und ignorierte den Knoten in meiner Brust, der sich bei Andys viel zu wahren Worten in mein Zwerchfell gedreht hatte. Bryan ging in letzter Zeit eine Menge ins Fitnessstudio und hörte pausenlos irgendwelche Selbstverwirklichungspodcast, die ich – wie so vieles in meinem Leben – allesamt abgebrochen hatte.
Ich entwickelte mich nun einmal gern auf der Couch, mit einer Tüte Chips im Arm und Marlows und Andys Kichern im Ohr weiter. Nicht auf einer Stemmbank oder bei einem Survivaltraining oder mit der Nase tief in einem Buch mit dem Titel Hol das Beste aus dir raus!.
Ach, ich würde ihn heute Nachmittag einfach fragen, ob wir nicht mal wieder einen Abend zu zweit verbringen wollten.
„Ich bring dir die Anzeigen gleich“, sagte ich zu Marlow, setzte den Kaffee an die Lippen und … sie schloss eisern die Finger um mein Handgelenk.
„Er ist heiß, Stella – und ich fasse es nicht, dass ich dir das jedes Mal sagen muss! Du hast dich so oft verbrannt, es ist ein Wunder, dass du noch schmecken kannst.“
Nun, mein Selbsterhaltungstrieb war sehr viel kleiner als mein Wunsch nach Koffein. „Ich teste nur mein Unfall-Präventionssystem“, erklärte ich überschwänglich.
Sie runzelte die Stirn. „Du hast ein …“
„Dude, sie redet von dir.“ Andy grinste. „Du bist unser Unfall-Präventionssystem.“
„Oh.“ Säuerlich betrachtete sie mich. „Der Titel gefällt mir nicht.“
„Nun, seinen Titel kann man sich nicht aussuchen“, erwiderte ich theatralisch. „Ich wollte auch nie Prinzessin Pups heißen, und trotzdem ist es der Name, den du mir in der Grundschule gegeben hast.“ Ich drehte mich um und machte mich auf den Weg zurück zu meinem Platz. Ich hörte trotzdem noch, wie Andy fragte: „Cool, wie heiße ich?“ und Marlow meinte: „Lord of the Weed.“
Das Büro der Sunset Gazette war ebenso wie meine Heimatstadt Sunset Cove sehr klein und übersichtlich. Sie bestand neben der Küche und einer kleinen Dachterrasse aus zwei Räumen. Den einen besetzte Bernie, unser Chef, den anderen der ganze Rest. Neben Rowan, Andy, Marlow und mir gab es noch Clarisse, unsere Marketingangestellte mittleren Alters, und Agatha, Redakteurin für Kultur sowie Natur. Ich vermutete, weil sie so alt war, dass sie selbst als Kulturgut galt. Ich war das neuste Mitglied, arbeitete halbtags hier und hatte den Job nur bekommen, weil Marlow ein gutes Wort für mich eingelegt hatte. Trotzdem hatte ich mich extrem gefreut, als Rowan an seinem ersten Tag den leeren Schreibtisch direkt gegenüber von meinem zugewiesen bekommen hatte.
Ich liebte Menschen, ich liebte Smalltalk, ich liebte es, ein paar Pausen zum Quatschen und Lachen einzulegen.
Rowan liebte Stille und Satan. Letzteres wusste ich nicht mit Sicherheit, doch es würde eine Menge erklären, also blieb ich bei der Theorie.
Ich mochte es, allen Menschen, denen ich begegnete, meine Aufmerksamkeit und ein Lächeln zu schenken.
Rowan mochte es, mich darauf hinzuweisen, dass ich Spinat zwischen den Zähnen hatte und keine Gehaltserhöhung bekommen würde, nur weil ich gern Uranblock spielte, den lieben lang Tag strahlte und jeden, der die Zeitung betrat, nach seiner Lieblingsfarbe fragte.
Seine hatte er mir übrigens nie verraten. Ich vermutete aber Schwarz, passend zu seiner Seele. Oder Rot, damit er in der Hölle nicht so rausstach.
Ich genoss es, freitags Kuchen mitzubringen, Agatha zu erklären, wie man E-Mails mit Anhang verschickte, und Smileys in den Staub auf meinem Computerbildschirm zu malen.
Rowan genoss es, bis zehn Uhr abends zu arbeiten, Liegestütz zu machen und den Staub auf meinem Computerbildschirm zu kritisieren.
Außerdem …
„Rowan, wo ist mein Locher?“, fragte ich genervt, während ich mich auf meinen Schreibtischstuhl fallen ließ, und hob die Ephemeriden-Tabellen an, die die Positionswerte der Planeten und Sterne beschrieben, die ich nutzte, um die Horoskope zu erstellen.
„Dort, wo er hingehört.“ Er sah nicht einmal von seinem Desktop auf, während seine Finger über die Tastatur flogen, als hingen sein oder zumindest das Schicksal seiner Hanteln von seiner Schreibgeschwindigkeit ab.
„Na, in deinem Hintern möchte ich aber wirklich nicht danach suchen“, bemerkte ich spitz und klimperte mit den Wimpern.
Rowans Blick verdüsterte sich. „Er ist in deiner Schublade.“
„Wieso zur Hölle versteckst du mein Zeug?“
„Ich verstecke es nicht, ich räume auf! Er stand auf einem alten To-go-Becher!“
„Ich weiß, ich habe ihm ein Podest gebaut, weil er der König der Büroartikel ist. Und sag mir nicht, du hast den Becher weggeworfen!“
„Er war alt und dreckig.“
„Die Barista hat einen hübschen Hund darauf gemalt, es war Kunst“, korrigierte ich ihn.
„Mir war schon klar, dass du Müll nicht von Kunst unterscheiden kannst – sonst würdest du wohl kaum Horoskope schreiben.“
Ich presste die Lippen zusammen, und Blut floss in meine Wangen. „Wenigstens schreibe ich etwas, das Leute gern lesen! Was war dein letzter Artikel? Eine Abhandlung über das Leben und das Leiden der gemeinen Stubenfliege?“
„Ich schreib über politisches und wirtschaftliches Zeitgeschehen“, erwiderte er dunkel.
„O ja, ich erinnere mich. Dein Interview mit der Bürgermeisterin war eine richtige Sensationsnachricht: Wer hätte auch ahnen können, dass gekochter Blumenkohl Mrs Sadeghis Lieblingsessen ist? Das Gemüse im ganzen Land war schockiert.“
Ein Muskel an seinem Kiefer sprang hervor, und ich wusste, dass ich einen wunden Punkt getroffen hatte. Rowan war eine relativ große Nummer in San Francisco gewesen. Ich hatte ihn gegoogelt, nachdem ich ihm zum ersten Tag im neuen Job ein Croissant und ein strahlendes Lächeln geschenkt – und er mir erklärt hatte, dass Süßgebäck eine recht billige Anmache war und er kein Interesse an mir hatte.
Als Redakteur im Politik- und Wirtschafts-Teil der San Francisco Tribune zu arbeiten, musste um einiges aufregender gewesen sein, als dieselbe Rubrik bei der Sunset Gazette zu betreuen. Sunset Cove hatte zwar immerhin zehntausend Einwohner und wir belieferten auch zwei Dutzend benachbarte Dörfer, aber nationale Bekanntheit genossen wir nicht unbedingt. Wir waren bei Fischverkäufern und Menschen über siebzig sehr beliebt … und bei Eltern, die gern mit ihren Kindern bastelten. Aber wir hatten weder zwanzig Pulitzer-Preis-Gewinner zu Tage gebracht, noch gingen wir gegen politische Korruption vor.
Rowan war nur drei Jahre älter als ich, hatte Harvard Summa cum laude beendet und war in einem Artikel des Boston Globe als der neue Seymour Hersh bezeichnet worden. Ich hingegen hatte das College und bisher noch jede Ausbildung abgebrochen und Seymour Hersh erst mal googeln müssen. Er war ein krasser investigativer und politischer Journalist.
Trotzdem arbeiteten wir beide hier. Das musste ein ziemlicher Tiefschlag für Rowans aufgeblasenes Ego sein.
Nun, er hätte sich von der SF Tribune nicht rausschmeißen lassen dürfen. Auch wenn niemand hier wusste, warum der Chefredakteur der Tribune Rowan von der größten Zeitung des Landes zu unserem bescheidenen Blatt, einer Tochter-Tochter-Tochter-Firma, versetzt hatte. Vielleicht war er Werwölfen einfach nicht sonderlich aufgeschlossen gegenüber.
„Lass einfach deine Finger von meinem Zeug!“, warnte ich ihn angespannt und öffnete die Schublade, um den Locher zu bergen.
„Der Anblick deines Schreibtischs ist eine Schande für jeden Menschen mit weniger als acht Dioptrien.“
„Dein Anblick ist eine Schande für Menschen mit weniger als acht Dioptrien“, fauchte ich eloquent zurück – und wünschte wirklich, es wäre wahr. Leider war Rowan einer dieser Männer, die aussahen, als würden sie Werbung für Shampoo machen, wann immer sie den Kopf schüttelten. Und meine Fresse schüttelte Rowan oft seinen Kopf! Er hatte schwarze Haare, grüne Augen, die Schultern von Chris Hemsworth, das Kinn von Henry Cavill und die leidend, düstere Aura von Jon Snow.
Schade, dass er so zum Kotzen war.
„Wow, Harsen, was für ein krasser Burn“, erwiderte er ungerührt und sah immer noch nicht auf. „Ich ruf wohl besser die Feuerwehr.“
Mein Gesicht lief thematisch passend rot an und Gott sei Dank watschelte Agatha in diesem Moment zur Tür herein. Die Anzahl der Falten auf ihrem Gesicht wurde nur von der Anzahl der Schritte übertrumpft, die sie bis zu Rowans und meinem Schreibtisch brauchte.
„Stella, du bist ein Engel, wirklich!“, sagte sie. „Sherbit McSherman hat deine selbst gebackenen Leckerlis geliebt, und ich glaub, sie haben seiner Genesung sehr zugetragen.“
Meine Brust füllte sich mit Wärme. Ich lebte für das Lächeln der anderen. „Das freut mich, Agatha! Ich hab extra Leinsamen reingemacht, die helfen bei der Verdauung!“
„Das hab ich sofort gemerkt“, sagte sie begeistert. „Du führst ihn gleich noch aus, oder?“
„Sicher, ich nehme ihn zusammen mit Fluffy, Chardonnay und Gandalf nach der Arbeit auf meine normale Runde mit.“
„Du bist ein Schatz. Ich hatte solche Angst um ihn nach der OP … aber gestern ist er wieder richtig rumgetollt. Ich bringe ihn Samstag zu deinem Waldbaden-Kurs mit.“
Rowan hustete laut, und ich warf ihm einen giftigen Blick zu, doch er starrte immer noch hochkonzentriert auf seinen Bildschirm. Obwohl ich genau wusste, dass er jedes einzelne Wort mitverfolgte.
„Mach das gern. Wir starten um drei, direkt nach dem …“, ich zog eine Grimasse. „‚Finde zurück zu deiner Ur-Männlichkeit‘-Seminar.“
Rowans Husten wurde lauter, und diesmal hörte ich das Lachen darunter.
„Brauchst du ein Bonbon oder so?“, fragte ich kühl.
„Nein danke. Echte Männer brauchen keine Bonbons.“
Beinahe hätte ich gelächelt. Beinahe. Meine Selbstkontrolle war Gott sei Dank besser als angenommen. Ja, das Männlichkeits-Seminar war auch nicht ganz mein Ding, aber ich durfte das Ganze witzig finden. Rowan nicht.
„Prima“, sagte Agatha, die unser Gespräch einfach ignorierte. Vermutlich hatte sie es nicht gehört, die Batterien ihres Hörgeräts hatten keine sonderlich lange Lebenszeit. „Ist dein süßer Bryan auch wieder dabei?“
Rowan verdrehte die Augen.
Ich lächelte nur breit. „Ja, aber natürlich. Er freut sich drauf, dich zu sehen.“ Denn Bryan war genauso wie ich: Offen, freundlich, einfach ein lieber Kerl. Wir hatten uns in der Highschool kennengelernt und waren seitdem unzertrennlich. Bryan war mein erster Kuss, mein erstes Mal, mein erster … alles gewesen! Er war die harten Jahre nach dem Tod meiner Eltern mein Sicherheitsanker gewesen. Er wartete mit einem heißen Kakao auf mich, wenn ich ihm schrieb, dass ich einen stressigen Tag hatte. Er hielt mir bei zu grusliegen Filmen die Augen zu. Er hörte mir geduldig zu, wenn ich mich über Rowan beschwerte.
Na ja, zumindest hatte er all das getan. Seit er seinen Job bei einer renommierten Anwaltskanzlei verloren hatte, ging es ihm nicht sonderlich gut, aber es würde ihn aufheitern, dass Agatha nach ihm gefragt hatte. Ebenso wie der Kuchen, den ich ihm heute Morgen gebacken hatte. Hoffte ich.
„Schön.“ Agatha zwinkerte mir zu und trippelte dann weiter.
Ich fuhr damit fort, die Unterlagen für Marlow zusammenzusuchen, bevor ich hastig noch eine Mail an …
„Du tippst sehr laut.“
Gereizt hielt ich inne. „Nun, wir können nicht alle zu den Reptiloiden gehören und mit einer echsengleichen Geschmeidigkeit gesegnet sein.“
Rowan seufzte. Das tat er häufig in meiner Gegenwart – und jedes Seufzen war anders. Es unterschied sich in seinen Nuancen. Ob er Luft einsog oder ausstieß. Ob der Ton am Ende hoch oder runterging. Es war eine Wissenschaft, in der ich meinen Doktor gemacht hatte. Sein Seufzen variierte von ungeduldig über herablassend, mürrisch, bis zu mitleidig, müde, missbilligend und resigniert. Sein Facettenreichtum war endlos.
„Was bin ich denn nun jetzt?“ Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, die Finger in seinem Nacken verschränkt, sodass sein Bizeps mit seinen Muskeln angab. „Reptiloid, der Teufel oder nur Satanist und Werwolf …? Du kannst dich – wie bei allem – nie festlegen.“
„Ich hab mich darauf festgelegt, dass du unerträglich bist. Zählt das denn gar nichts?“
Er neigte den Kopf, als würde er ernsthaft über meine Worte nachdenken, schließlich meinte er: „Ich schätze, es ist ein Anfang. Und wenn du mich fragst: Mir gefällt die Werwolf-Analogie.“
„Ich frag dich aber ni…“
„Kinder, wie geht’s, wie steht’s?“ Bernie flatterte zur Tür rein. „Stella, sind die Tageshoroskope für morgen fertig?“
„Jap.“
„Gut. Marlow, ist die neue Dr. Love Kolumne schon rausgegangen?“
„Seit gestern Abend im Netz, heute Morgen mit der Zeitung“, erwiderte Marlow.
„Wunderbar. Wir werden sie jetzt jeden Tag erneuern, sie bringt uns das meiste Werbegeld ein.“
Rowan seufzte. Es war ein resigniertes Seufzen.
Mit verengten Augen betrachtete ich sein Profil. Es wunderte mich überhaupt nicht, dass er selbst was gegen die renommierte Psychologin hatte, die extern unsere Online-Liebeskolumne betreute. Ihr Spitzname war Dr. Love – und Leser und Leserinnen aus dem ganzen Land schickten ihr E-Mails, um sich Beziehungs- oder Lebenstipps geben zu lassen. Die Kolumne war mit ziemlicher Sicherheit der einzige Grund, aus dem die Sunset Gazette noch existierte. Denn wer verfolgte nicht gern die Dramen fremder Leute? Die komplette Medienindustrie basierte auf diesem Konzept! Die Kolumne lief schon seit Jahren, aber seit ein paar Monaten schrieb Dr. Love auf eine trockene, witzige Art, die ganz Kalifornien liebte.
„Lass mich raten.“ Ich sprach so leise, dass nur Rowan mich hören konnte. „Du hast was gegen Waldbaden, gegen Fröhlichkeit, gegen Hunde und gegen die Liebe?“
„Ich bin Werwolf, schon vergessen?“, erwiderte er ruhig und drehte einen Bleistift zwischen den Fingern. „Ich nutze den Wald nur, um zu rennen und zu pinkeln, habe keinen Grund zur Fröhlichkeit, da die Menschen nur Hunde, meinen billigen Abklatsch, anbeten … außerdem wird die Liebe zwischen mir und eurer Spezies verpönt. Wie könnte ich das jemals vergessen?“
Ich hätte fast gelacht.
Fast.
Doch nachher dachte Rowan noch, er wäre witzig. Und das konnte ich wirklich nicht zulassen!
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