Love and Hockey 7: Leevi & Elys
Es stimmte nicht, was alle sagten.
Wenn man vor den Pforten des Todes stand, zogen weder Bilder geliebter Menschen noch Ausschnitte seiner schönsten Erinnerungen an einem vorbei.
Leevi Nieminen sah weder seine lachende Mutter noch seinen grimmigen Bruder. Er dachte nicht an seinen ersten Hockeystick und nicht an den Tag, an dem er in die NHL gedraftet worden war oder das letzte Mal mit seinem Vater zu Abend gegessen hatte.
Der fliegende Auspuff schoss auf ihn zu und in seinem Geist formten sich nur vier Worte: Fuck, ich werde sterben.
Mit quietschenden Reifen trat er die Bremse durch. Der Gurt schnitt schmerzhaft in seine Schulter, als sein Oberkörper nach vorn geworfen wurde und er ruckartig zum Stillstand kam.
Er starb nicht. Seine Windschutzscheibe schon.
Der Auspuff traf sie auf Höhe seines Gesichtes, es knackte laut und Risse zogen sich wie Spinnweben über das Glas.
Leevi stieß derart dreckige finnische Flüche aus, dass seine Mutter ihm den Mund mit Seife ausgewaschen hätte, während der Ford Fiesta vor ihm – ohne Auspuff – auf den Seitenstreifen fuhr und anhielt.
Zornig schnallte er sich ab, schlug mit der Faust auf die Warnblinkanlage und stieß die Tür so heftig auf, dass sie in den Angeln knarzte. Der Fiesta war eine Rostlaube, die längst auf dem Schrottplatzfriedhof ihre ewige Ruhe hätte finden sollen! Damit durch die Hollywood Hills zu fahren, war in etwa so leichtsinnig wie Eisklettern ohne Sicherheitsausrüstung oder seinem Bruder Tero zu sagen, er solle ein wenig mehr lächeln, er bekomme von seinem grimmigen Gesichtsausdruck Falten. Leevi wusste, wovon er sprach, er hatte beides schon getan! Bis vor ein paar Monaten hatte er sein Leben nur nach dem nächsten Adrenalinkick ausgerichtet, aber jetzt hatte er damit aufgehört und war erwachsen geworden. Er war Teil einer neuen Eishockeymannschaft in einer neuen Stadt und wollte beweisen, dass er verantwortungsbewusst und pünktlich und all der andere Mist war, den Tero ihm seit Jahren absprach. Und dank diesem Idioten da mit dem lockeren Auspuff würde er zu spät zu …
Oh. Er musste sich korrigieren. Es handelte sich um eine Idiotin.
Eine dunkelhaarige Frau mit hochrotem Gesicht schälte sich aus dem Auto. Er schätzte sie auf Mitte oder Ende zwanzig. Sie trug einen Bleistiftrock, eine rote Bluse, die sich offensichtlich mit einem Bügeleisen zerstritten hatte und an ihren Falten hing, und eine dieser dünnen Strumpfhosen, die sich samtig weich unter seinen Fingern anfühlten, wenn er sie einer Frau von den Schenkeln schälte.
Sie öffnete die Lippen. Schloss sie wieder. Neigte den Kopf. Schließlich sagte sie: »Du siehst wütend aus.«
Ungläubig öffnete er den Mund. »In meiner Windschutzscheibe steckt ein Auspuffrohr!«
Abwehrend hob sie die Hände. »Das ist nicht korrekt. Es liegt viel eher auf der Windschutzscheibe.«
»Oh, ja, entschuldige, dass ich meine Auspuffrohre am Autoheck präferiere.«
»Gar kein Problem.« Sie winkte ab. »Jeder hat seine eigenen Vorlieben.«
Eine Synapse in seinem Hirn zerplatzte. »Das war Ironie!«
»Oh, ich weiß. Manchmal überhöre ich Ironie gern. Vor allem, wenn sie geschrien wird.« Unschuldig lächelte sie ihn an. Nur ihre glühenden Wangen zeugten davon, dass ihr diese Situation unangenehm war. »Du kannst froh sein, dass ich Erfahrung mit brüllenden Männern habe, also: Es tut mir wirklich leid, dass Betty dich angegriffen hat, aber könntest du wie ein normaler Mensch mit mir reden? Nicht wie ein Megafon mit einem schlechten Tag?«
»Betty?«, echote er fassungslos.
»Mein Auspuff.«
»Dein Auspuff hat einen Namen?« Großer Gott, welchem Irrenhaus war diese Frau entflohen?
»Na, es wäre nicht fair, nur meinem Lenkrad und meinen Reifen einen zu geben. Betty wäre beleidigt gewesen.«
Er kniff sich mit Daumen und Mittelfinger in den Nasenrücken. »Betty hat versucht, mich umzubringen!«
»Es war ein Unfall.«
»Dein ganzes Auto ist ein einziger Unfall!«
»Es ist vintage!«, sagte sie verärgert und stemmte die Hände in die Seiten. »Und weder ich noch Betty hatten Tötungsabsichten! Es tut mir leid um deine Windschutzscheibe, ich komme natürlich für den Schaden auf und …«
»Was denn, hat Betty kein eigenes Bankkonto?«
»Sei nicht albern, sie ist ein Auspuff.«
Er richtete vorwurfsvoll einen Zeigefinger auf sie. »Du hast mit dem Auspuff genau auf meinen Kopf gezielt.«
»Und du bist sehr dramatisch.« Sie verdrehte die Augen. »Wenn ich so gut zielen könnte, würde ich entweder im Kuriositäten-Zirkus auftreten und von begeisterten Menschenmassen für meine außergewöhnlichen Fähigkeiten gefeiert werden oder einen sehr erfolgreichen TikTok-Kanal führen und unendlich viel Asche machen – in beiden Szenarien müsste ich nicht diese Schrottkarre fahren! Es war ein Unfall.«
»Wie kann dein Auspuff einfach abfallen?«
»Ach, das passiert schon mal.«
»Ja? Wie viele Menschen hast du schon beinahe umgebracht?«
»Zählen die Leute, die dank meiner Kochkünste eine Lebensmittelvergiftung erlitten haben?«
»Was?« Meine Fresse, sie war nicht nur eine Gefahr für den Straßenverkehr, sondern offensichtlich für die Menschheit!
Sie kratzte sich die Schläfe. »Dann fünfzehn.«
»Und das macht dir nicht zu schaffen?«
»Nein. Zu viele Problemzonen in meinem Leben, zu wenig Zeit. Aber ich koche nicht mehr, wenn dich das beruhigt.«
»Mich würde es beruhigen, wenn du nie wieder mit diesem Auto fährst! Wie zur Hölle hat es der Auspuff überhaupt bis zu meiner Windschutzscheibe geschafft?« Alles an dem Vorfall war absurd! Da hatte er sich vorgenommen, die letzten siebenundzwanzig Jahre Drama und verantwortungslosen Leichtsinn hinter sich zu lassen, und das Universum schickte ihm prompt eine mörderische Brünette.
Die Frau rieb sich übers Gesicht. »Da war eine Bodenwelle und wir sind am Hang und … Betty ist sportlicher, als ich dachte. Aber wie gesagt: Es ist nichts Schlimmes passiert. Darauf sollten wir uns konzentrieren.«
»Es hätte etwas Schlimmes passieren können.«
Sie winkte ab. »Es kann immer was Schlimmes passieren. Heute zum Beispiel habe ich einen schreienden, absurd muskulösen Blödmann kennengelernt, der einen fetten Senffleck auf seinem Shirt hat.«
Irritiert sah Leevi an seiner Brust hinab. Sein T-Shirt war weiß und fleckenfrei.
»Ich wusste, dass ich dich dazu bringen kann, zuzugeben, dass du ein Blödmann bist!«, sagte die Fremde zufrieden. »So, jetzt da ich erfolgreich die Stimmung gelockert habe: Ich hab es eilig, meine Chefin wartet auf mich, können wir das hier beschleunigen? Ich würde gern so schnell es geht weiterfahren …«
Sie lief an ihm vorbei, klaubte den Auspuff von seiner Windschutzscheibe und kniete sich dann hinter ihren eigenen Wagen … wo sie ihn mithilfe einer wackelig aussehenden Drahtkonstruktion wieder unter der Karosserie befestigte.
Leevi hatte in seinem Leben schon einige dämliche Dinge gesehen und getan. Er hatte sich eine ganze Carolina Reaper Chili in den Mund gesteckt, um seinen Teamkollegen zu beweisen, dass sie gar nicht scharf war – und die darauffolgenden Stunden eine Menge Flüssigkeiten aus diversen Körperöffnungen verloren. Er hatte seinem Mathelehrer einen Kinnhaken verpasst, als er ihm aus Mitleid eine bessere Note hatte geben wollen. Dabei war Leevi schon immer scheiße in Mathe gewesen, ob sein Vater nun atmete oder nicht. Seine Mutter hatte mehrfach kommentiert, wie lebensmüde es von ihm sei, ständig aus einem Flugzeug zu springen, obwohl es ihm vertraglich verboten war. Er ignorierte Haltbarkeitsdaten, hatte bis vor Kurzem mit zu vielen Frauen geschlafen, das alte Auto seines Vaters aus Versehen in einem See versenkt, an zu viele Elektro-Zäune gefasst und war beinahe einmal in einem Sahara-Sandsturm ums Leben gekommen.
Und dennoch: Einen Auspuff mit einem dünnen Stück Draht am Auto zu fixieren, kam selbst ihm gefährlich vor!
»Das ist deine Sicherung?«, fuhr er die Frau an.
»Ich weiß, es ist keine optimale Lösung …«
»Das ist gar keine Lösung, das ist eine Gefahr für den Straßenverkehr!«
»Nur noch bis Ende des Monats, wenn ich bezahlt werde.«
Sie richtete sich auf, es ratschte … und sie sah unglücklich auf ihre Strumpfhose hinab, in die der Kiesboden einige Löcher und Laufmaschen gerissen hatte. »Mist.« Stöhnend legte sie den Kopf in den Nacken. »Meine Chefin beschwert sich doch ohnehin schon darüber, dass ich professioneller auftreten könnte!«
»Kennt deine Chefin dein Auto?« Mit verschränkten Armen lehnte er sich an die Motorhaube seines eigenen schwarzen, nagelneuen BMWs.
»Bitte. Ich bin froh, dass sie meinen Namen kennt«, grummelte sie, lief zurück zu ihrem Wagen und zauberte Zettel und Stift aus ihrer Mittelkonsole hervor. Sie kritzelte etwas auf das Papier und reichte es ihm. »Das sind meine Handynummer und Versicherungsdaten, ruf einfach an, wenn du weißt, wie viel das Ganze hier kostet. Ein paar Meilen weiter den Hang hoch ist eine Werkstatt, bis dahin schaffst du es mit kaputter Windschutzscheibe, oder?«
Als Leevi keine Anstalten machte, den Zettel entgegenzunehmen, griff sie einfach nach seiner Hand und presste ihn zwischen seine Finger.
»Super!« Sie reckte beide Daumen in die Höhe, drehte sich um, glitt hinters Steuer und fuhr davon.
Mit offenem Mund starrte er ihr nach. War das ihr verdammter Ernst? Er sollte die Polizei rufen und sie wegen Fahrerflucht anzeigen! Da es ihn jedoch auch nur weitere wertvolle Minuten gekostet hätte, beließ er es dabei, erneut laut zu fluchen. Er hatte ihre Nummer gerade unter Wahnsinnige Auspufffrau in seinem Handy abgespeichert, als es anfing zu klingeln.
»Was?«, blaffte er.
»Wo zur Hölle bist du, Mann?«, wollte Devreaux wissen. »Ich dachte, wir treffen uns früher, um noch ein paar Grundlagen durchzugehen.«
»Du musst mich in Hollywood abholen, sonst komm ich zu spät. Ich hatte einen Unfall und muss meine Windschutzscheibe auswechseln lassen.«
»Alter, wir stecken mitten in der Saison. Du kannst nicht einfach Unfälle haben!«
»Ich hatte ihn nicht freiwillig, okay?«, erwiderte er genervt. »Ich wurde erst von einem Auspuff und dann von einer verrückten Frau attackiert.«
Eine kurze Stille entstand, dann murmelte Devreaux: »Willkommen in Los Angeles.«
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