Ein bisschen Romantik, bitte! – Leseprobe

Kapitel 1

Idee:

Frau fährt heißen Kerl an. Der liegt bewegungslos auf dem Boden. Sie rennt hin, gibt ihm leidenschaftliche Mund-zu-Mund-Beatmung. Nach ein paar Minuten … stirbt der Kerl trotzdem.

Bitte lass ihn nicht tot sein. Sonst komme ich heute gar nicht mehr ins Bett.

Norah Dawson war nicht stolz auf diesen Gedanken, aber es war ein ehrlicher. Sie war müde – und es würde ihrem Seelenheil überhaupt nicht guttun, wenn sie jemanden umgebracht hätte.

»Scheiße, Scheiße, Scheiße!« Hastig schnallte sie sich ab und stieß die Wagentür auf.

Sie hatte den Kerl nicht gesehen. Nur ein paar Laternen erhellten die langen Stege, die ins Meer ragten. Das Rondell, auf dem sie hatte parken wollen, war in vollkommene Finsternis gehüllt, und ihre Scheinwerfer hatten ihr einen Dreck genutzt. Das Gute war, dass sie äußerst langsam gefahren war und dem Fremden nur einen leichten Stupser verpasst hatte. Das Schlechte, dass er trotzdem umgekippt war wie ein gefällter Baum.

Norah legte eine Hand auf ihr panisch klopfendes Herz und rannte um die Motorhaube herum. Der Mann, der ihrer Stoßstange zum Opfer gefallen war, hockte auf allen vieren auf dem steinigen Boden und bewegte sich nicht. Er war nicht tot, aber sonderlich lebendig wirkte er auch nicht.

»Hallo? Geht es dir gut?«, fragte sie vorsichtig und war drauf und dran, sich neben ihn zu knien, aber da rappelte er sich auf.

Erleichtert sackten Norahs Schultern nach unten. Gott sei Dank! Seine Beine funktionierten noch. »Geht es dir gut?«, wiederholte sie mit zitternder Stimme. »Es tut mir so leid, ich habe dich nicht gesehen! Es ist so verdammt dunkel hier.«

Ihr Opfer gab ein leises Stöhnen von sich, bevor es auf die Füße sprang, seinen Kopf kreisen ließ und sich zu ihr umwandte. Der Mann hatte dunkelblonde Haare und blinzelte mehrmals, als könne er noch nicht ganz verstehen, was soeben passiert war. An seinem rechten Knie klaffte ein breiter Riss in seiner Jeans, von dem Norah befürchtete, dass er vor ein paar Minuten noch nicht da gewesen war. Ein Blutrinnsal floss an seiner Haut hinab und sickerte in den schweren Stoff. Außerdem lugte aus seiner rechten Hosentasche etwas Rötliches, das Norah auf den ersten Blick ebenfalls für Blut hielt … auf dem zweiten jedoch als etwas gänzlich anderes erkannte.

Sie verzog das Gesicht. »Alles okay? Geht es dir gut?« Wie oft musste sie diese Frage wohl noch stellen, bevor sie eine zufriedenstellende Antwort bekam?

Kopfschüttelnd wischte der Mann sich die dreckigen, aufgeschürften Handflächen an seinem schwarzen T-Shirt ab, bevor sein Blick zu ihr wanderte.

Norah starrte zurück und öffnete unfreiwillig ihre Lippen. Bis eben hatte sie sein Gesicht nicht erkennen können, doch jetzt tauchte der Scheinwerfer ihres Wagens ihr Gegenüber in goldenes Licht und … Gott, der Typ war lächerlich schön.

Sie hätte beinahe angefangen zu lachen. Liebe Güte, einige Frauen hätten ihr sicherlich die Augen ausgekratzt, wenn sie ihn tatsächlich aus Versehen umgebracht hätte. Bestimmt gab es allein in dieser Stadt fünfzig Exemplare, die sich ihr gemeinsames Leben und drei wunderschöne Kinder mit ihm ausmalten.

Er war etwa in ihrem Alter, eins neunzig groß, hatte blonde Surferhaare, dunkelbraune Augen und kantige Gesichtszüge. Besser hätte Norah einen Traummann nicht schreiben können. Und sie war verdammt gut darin, fantastische Typen aus dem Nichts zu erschaffen! Wie gut, dass sie unrealistische Träume aufgegeben hatte.

Wenn sie in einem ihrer Romane leben würde, gäbe es jetzt zwei Möglichkeiten, wie die Situation ausgehen könnte.

Erstens: Der Kerl lächelte breit, erklärte ihr, dass er überhaupt kein Problem damit hatte, gerade von ihr umgenietet worden zu sein, und lud sie zum Essen ein. Nach einigen Missverständnissen, heißem Sex und ein paar Tränen wären sie innerhalb des nächsten Jahres verheiratet.

Zweitens: Er reagierte total überzogen, regte sich schrecklich über sie auf und warf ihr ein paar gemeine Dinge an den Kopf … nur um in drei Wochen zu bemerken, dass er sich doch schrecklich in sie verliebt hatte. Und innerhalb des nächsten Jahres wären sie verheiratet.

Doch er tat nichts von beidem. Natürlich nicht. Das hier entsprang nicht ihrer Fantasie, das hier war die bittere Realität. Ihr Gegenüber verengte die Augen und starrte sie konzentriert an. Er sah verwirrt und ein wenig orientierungslos aus.

Shit. Hatte er sich vielleicht doch den Kopf angeschlagen? War sein Sprachzentrum beschädigt worden?

»Hmh, komisch«, murmelte der Kerl nachdenklich, neigte langsam den Kopf und ließ den Blick suchend von ihrer Stirn bis zu ihrem Kinn huschen.

Na, vielleicht war er auch nicht sprachgestört. Vielleicht war er einfach nur dumm. »Hast du ein Problem mit meinem Gesicht?«, fragte sie irritiert und strich sich nervös den Pony in die Stirn.

Die Mundwinkel des Fremden zuckten. »Nein. Ich versuche herauszufinden, ob ich mit dir geschlafen und dich dann nie wieder angerufen habe.«

Einen Moment lang blinzelte Norah ihn nur perplex an. Dann keimte neue Panik in ihr auf. »Oh mein Gott, du hast eine Gehirnerschütterung, oder?« Sie machte ein paar Schritte auf ihn zu und musterte seinen blonden Schopf auf der Suche nach einer Platzwunde oder zumindest einer großen Beule. »Vielleicht sollte ich lieber den Krankenwagen rufen«, überlegte sie weiter und zog ihr Handy aus der Tasche ihrer Jogginghose.

»Also habe ich nicht mit dir geschlafen …«, folgerte ihr Gegenüber langsam und tippte sich mit dem Zeigefinger gegen die Unterlippe. »Dann stellt sich mir die Frage, warum du gerade versucht hast, mich umzubringen.«

»Habe ich nicht!«, sagte sie sofort und wählte die Nummer des Notrufs. »Wenn ich dich hätte umbringen wollen, hätte ich gehupt, auf’s Gas gedrückt, dich bis zum Pier gejagt und dann erst überfahren. Damit ich deine Leiche nicht so weit hätte schleppen müssen. Du siehst muskulös und dementsprechend schwer aus.«

Der Fremde hob verblüfft die Augenbrauen. »Ähm … danke?«

»Bitte. Und vielleicht solltest du dich besser setzen. Ist dir schwindelig? Tut dein Kopf sehr weh?« Sie hob das Handy ans Ohr. »Wie heißt die Straße hier? Ach, vergiss es. Ich sage, wir sind am Hafen. Das wird die Notrufzentrale verstehen.«

»Mir geht es wunderbar«, sagte der Mann mit Nachdruck, riss ihr im nächsten Moment das Telefon aus der Hand und legte auf. »Das Letzte, was ich jetzt brauche, ist die Feuerwehr.«

»Bist du sicher?«, fragte sie unschlüssig.

»Ja. Die Typen würden sich nicht mehr einkriegen vor Lachen.«

»Das meine ich nicht. Bist du sicher, dass es dir gutgeht? Du bist ziemlich hart gestürzt.«

»Du hast mich ja auch umgefahren«, erinnerte er sie und schenkte ihr einen ironischen Blick.

Hitze flutete ihre Wangen. »Angestupst«, korrigierte sie ihn mit erhobenem Finger. »Und wie gesagt: Es tut mir wirklich leid. Es war so nebelig und das Meer war so schön und … wer ist um fünf Uhr morgens wach?«

»Wir beide, offensichtlich.«

Sie lächelte schwach. »Ja, aber bei mir ist das nur ein Versehen. Du bist ja anscheinend absichtlich auf den Beinen.« Er trug zumindest eine vernünftige Hose und ein fleckenfreies T-Shirt. Gewaschen sahen seine Haare auch aus. Was Norah von sich selbst leider nicht behaupten konnte. »Abgesehen davon trägst du komplett Schwarz! Es ist, als wolltest du umgenietet werden.«

Die Mundwinkel ihres Gegenübers zuckten. »Na ja … wer ist schon um fünf Uhr morgens mit dem Auto unterwegs?«

»Nun, ich, offensichtlich.« Ihr Herzschlag beruhigte sich langsam und jetzt breitete sich sogar ein müdes Lächeln auf ihrem Gesicht aus. Ihm ging es gut. Er konnte noch Witze reißen. Sie hatte keinen Menschen auf dem Gewissen. Sie konnte gleich schlafen gehen. Morgen war ein neuer Tag. Sie würde etwas Neues sehen, neue Landschaften erkunden, neue Menschen kennenlernen, neue … Ideen bekommen. Hoffentlich.

»In Eden Bay fängt der Tag erst um zehn an. Wir sind ein sehr verschlafenes Städtchen.«

»Das werde ich mir merken«, versprach sie, bevor sie tief Luft holte und ihren Pony plattdrückte. »Wie gesagt, es tut mir wahnsinnig leid. Es wird nicht wieder vorkommen. Falls du mich gerne verfluchen möchtest: Ich bin Norah.«

Sie streckte die Hand aus und der Mann ergriff sie. »Jared. Keine Sorge, es ist wirklich nichts passiert. Jetzt bin ich zumindest wach. Und fürs Protokoll, falls du öfter morgens zum Hafen preschst: Mir gehört das Sullivan’s und jeden Donnerstag um fünf nehme ich die Bestellungen der Woche entgegen.« Er nickte nach links.

Norah folgte seinem Blick und bemerkte die Kisten, die vor einer Glasfront aufgestapelt worden waren. Sullivan’s Pub stand in goldenen Lettern auf einem dunkelgrünen Schild über dem Eingang.

»Gut zu wissen. Wie viel Rabatt kriegen Kunden, die dich schon mal umgefahren haben?«

Jared verzog den Mund zu einem breiten Lächeln, das sie bis in ihren Unterleib hinab spürte. Schön zu wissen, dass das Ding noch funktionierte – auch wenn sie den viel zu hübschen Mann schon auf den ersten Blick als potenziellen Partner ausgeschlossen hatte. Ihm war das Wort Traummann praktisch auf die Stirn tätowiert. Und Traummänner existierten nur in Liebesromanen. Traummänner waren eine hirnrissige Illusion, die falsche Erwartungen weckte und sie zu dem Fehlschluss verleitete, verliebt zu sein – bis sie in der Realität aufwachte, in eine starke beruflichen Sinnkrise rutschte und alles infrage stellte, was sie jemals geglaubt hatte.

Ja, Traummänner waren nichts für sie. Insgesamt musste sie allein bei dem Gedanken an das Wort Liebe laut schnauben und sich stark vom Würgen abhalten. Was womöglich der Ursprung ihres ganzen Problems war.

»Zwanzig Prozent für Ersttäter«, meinte Jared. »Wenn du im Bikini auftauchst, bekommst du auch noch ein Freigetränk.«

Norah lachte. »Fragliche und sehr sexistische Geschäftsidee. Falls mich mal jemand anfährt, ich hart mit dem Kopf auf dem Boden aufschlage und an einer starken Hirnblutung leide, überlege ich es mir vielleicht noch einmal. Aber schön, dass du dich offensichtlich vom Sturz erholt hast. Könnte ich dann mein Handy wiederhaben?«

Jared sah auf das Telefon in seiner Hand. »Oh, richtig. Klar.« Er streckte ihr das Handy entgegen. »Und verrätst du mir, warum du aus Versehen um diese Uhrzeit wach bist?«

Sie winkte ab. »Ist eine lange Geschichte.« Eine erbärmliche noch dazu. Die Wahrheit war, dass sie eigentlich in Boston hatte Halt machen wollen, sich aber so rastlos gefühlt hatte, dass ihr jeder Stopp wie ein Rückschritt vorgekommen war.

Sie musste weitermachen. Nicht zurücksehen, nicht stehen bleiben. Weiter. Sie sehnte sich nach etwas Neuem. Realem. Etwas, das sie noch nicht gesehen, nicht geschrieben, sich nicht ausgemalt hatte. Aber das schien wie ein unmögliches Unterfangen. Sie war durchs ganze beschissene Land gefahren und keinen Schritt vorangekommen.

»Ich liebe lange Geschichten«, sagte Jared seufzend.

»Nein. Du irrst dich. Es ist eine sehr langweilige und frustrierende Erzählung über eine Frau, die zu sehr vom Meer abgelenkt war, um den Typen zu sehen, der unschuldig vor ihrem Auto stand.«

Jared grinste und beugte sich zu ihr herunter, bevor er flüsterte: »Falls es dir hilft: Ich bin nicht unschuldig.«

»Oh, ich weiß.« Sie lachte und machte einen Schritt zurück. »Das hat mir dein dreckiges Lächeln, nicht zu vergessen der Stringtanga, der aus deiner Jeanstasche herausguckt, schon verraten.« Sie deutete auf seine linke Hosentasche, aus der roter Spitzenstoff lugte.

Jared wurde nicht einmal rot. »Der war schon da, als ich die Hose gekauft habe«, sagte er ohne mit der Wimper zu zucken.

Wieder lachte sie. Sie hatte das vage Gefühl, ihn zu kennen. Vermutlich, weil sie schon zwanzig Bücher über Typen wie ihn verfasst hatte. »Gute Verkaufstaktik. Du musst mir den Namen des Ladens irgendwann verraten. Aber für heute, fürchte ich, müssen wir unser Tanga-Gespräch beenden. Ich bin verdammt müde und will ins Bett.« Sie hob die Hand und lief zu ihrem Wagen zurück.

»Wo ist das?«

»Was?« Verwundert wandte sie sich noch einmal um.

»Dein Bett. Wo steht es?«

»Auf dem Sperrmüll«, antwortete sie wahrheitsgemäß.

»Du schläfst also auf dem Sperrmüll? Ein bisschen exzentrisch, wenn du mich fragst.«

Er war nicht der Erste, der sie exzentrisch nannte. Und sie mochte dieses Wort. »Ich habe ein vorläufiges Ersatzbett hier.«

Langsam runzelte Jared die Stirn, bevor er die Arme verschränkte. »Hältst du mich für einen Stalker, der dich nachts aufsuchen und überfallen könnte, wenn du mir verrätst, wo du in Eden Bay untergekommen bist?«

»Nein, ich halte dich für einen Mann, der meinen Tanga gern zu seiner Sammlung hinzufügen will«, erklärte sie. »Und da ich nicht allzu viel Unterwäsche eingepackt habe, kann ich es mir nicht leisten, einen zu verlieren.« Entschuldigend hob sie die Schultern. »Man sieht sich.«

Und sie würde ihn wiedersehen. Denn das Internet hatte ihr verraten, dass Eden Bay nur einen einzigen Pub besaß – dessen Besitzer sie soeben kennengelernt hatte. Und die nächsten Wochen lang würde sie einen Platz zum Schreiben brauchen. Einen lebendigen Platz, an dem sie die Leute der Stadt studieren, Gespräche belauschen, ein Glas Wein trinken und ihre Panik vergessen konnte.

Sie stieg in den Wagen, winkte Jared zu … und fuhr zwanzig Meter weiter, um am Rande des Rondells hinter einem grünen Mini zu parken und ihre Reisetasche aus dem Kofferraum zu ziehen.

Jareds Lachen wehte zu ihr herüber und sie musste ebenfalls lächeln. Ja, möglicherweise war sie etwas albern gewesen. Denn natürlich sah der Tanga-Mann genau, wie sie mit der Tasche über den Pier ging und den ersten Holzsteg entlangwanderte, an dem das Hausboot angelegt war, das sie für die nächsten Wochen gemietet hatte. Sie winkte ihrem neuen Bekannten ein letztes Mal zu, bevor sie über den metallenen Steg auf die Waterlily stieg.

Das Boot sah exakt so aus wie auf dem Bild der Anzeige, war aber geräumiger als gedacht. Eine breite Veranda umgab den dunkelbraun glänzenden Rumpf und eine schmale Treppe führte vom Heck auf das Flachdach des Wohnraumes, auf dem sie im Halbdunkel ein paar Pflanzen erkannte. Vielleicht ein Garten? Das würde sie im Hellen näher betrachten müssen.

Norah stellte die Tasche auf den Holzboden und tauchte unter die Treppe. Die Maklerin, Kate, hatte ihr gesagt, dass sie den Schlüssel für den Innenraum unter eine der Sprossen kleben würde. Und sie hatte Wort gehalten.

Eine Minute später hievte Norah ihre Tasche die zwei Stufen in den Wohnraum des Bootes hinab. Sie tastete die Wand zu ihrer Rechten ab und fand erleichtert einen Schalter.

Sanftes orangefarbenes Licht flackerte auf und erhellte die zwanzig Quadratmeter, die für die nächsten Wochen ihr Zuhause sein würden. Eine schmale, mahagoni-verkleidete Küchenzeile und ein paar Regale zierten die rechte Seite, eine breite, rote, gemütlich aussehende Couch und ein flacher Tisch die linke. Geradeaus erkannte Norah ein breites Bett, das passgenau in das Halbrund des Bugs eingelassen war. Davor gab es eine Tür, die sicherlich zum Bad führte. Quadratische Fenster ließen von allen Seiten fahles Mondlicht ein und das Rauschen des Wassers drang sanft an ihre Ohren. Als würden die Wellen ihr ein Schlaflied vorspielen. Gott, sie war so müde. Nicht nur vom Reisen. Nein, von ihrem Leben. Von der Leere, die sie so hinterrücks überfallen hatte.

Sie warf die Tasche auf die Couch und zog einen Zettel vom kleinen Tisch davor, der mit einer Schokoladentafel fixiert worden war.

Willkommen in Eden Bay!

Atme durch, mach es dir auf der Couch gemütlich und trink einen Sekt (den findest du im Kühlschrank). Falls der Strom ausfallen sollte, keine Angst, das Boot hat einen Notfallgenerator, der nach spätestens fünf Minuten anspringen sollte. Ich habe mir erlaubt, deinen Kühlschrank zu füllen. Ein Radio findest du auf der Küchenanrichte.

Falls du Hilfe brauchst, ruf mich an oder geh ins Sullivan’s. Dort findest du meistens einen hilfsbereiten Feuerwehrmann oder Barkeeper.

Ansonsten wünsche ich dir einen magischen Aufenthalt. Ich schau die Tage mal vorbei, um zu sehen, ob alles zu deiner Zufriedenheit ist.

Liebe Grüße

Kate

(offizielle Spaßbeauftragte)

Ein müdes Lächeln zog an Norahs Mundwinkeln. Einen magischen Aufenthalt. Ja, den konnte sie gebrauchen. Sie war 3500 Meilen gefahren, auf der Suche nach Magie, Romantik, gehaltenen Versprechen … und nicht einen Schritt weiter. Ihr Kopf war leer und gleichzeitig voll. Zu schwer, um vernünftige Worte zu bilden. Seit Monaten trat sie auf der Stelle. Keine Sätze, keine Seiten, keine Ideen flogen ihr mehr zu. 3500 Meilen, acht verschiedene Städte, die eine schöner als die andere … nichts. Eden Bay war ihr letzter Stopp. Die Homepage der kleinen Hafenstadt hatte ihr wunderschöne Sonnenaufgänge, inspirierende Landschaften und fantastische Menschen versprochen.

»Bitte lass sie nicht gelogen haben«, flüsterte sie und bekreuzigte sich. Eine alte Angewohnheit, die sie dank eines Pfarrers als Vater nie ganz hatte ablegen können. Ihr ganzes Leben war etwas wackelig im Moment und ein wenig Beistand von Gott konnte da doch nicht schaden, oder?

In den letzten fünf Jahren hatte sie sich auf drei Konstanten gestützt. Ihre Mutter, Clive und das Schreiben.

Doch ihre Mutter lebte nicht mehr, die unerwiderte Schwachsinns-Liebe zu Clive hielt sie nachts auch nicht warm und das Schreiben … das Schreiben hatte sie im Stich gelassen. Die Worte, die ihr sonst so viel Trost, so viel Liebe und so viel Erfüllung geschenkt hatten, waren jetzt nicht mehr als eine Bürde. Miese Verräter, die sie alleingelassen hatten. So wie alle anderen.

»Ein bisschen melodramatisch, Norah«, flüsterte sie. Denn natürlich war sie nicht allein. Sie hatte ihren Bruder, ihren Vater … der sicherlich überaus glücklich wäre, wenn sie ihm erklärte, dass ihre Karriere als Autorin nach sechs Jahren ihr Ende gefunden hatte, weil sie keinen vernünftigen Satz mehr zu Papier bringen konnte. Ja, er wäre entzückt darüber, auch wenn er es ihr natürlich nie sagen würde. Er würde lediglich nicken und ihr dann etwas Brokkoli anbieten, der ihren Geist und ihre Knochen stärken sollte.

»Scheiße.« Sie schloss die Augen und atmete tief durch. Sie war eine beschissene Optimistin! Ihr Glas Wasser war immer halb voll. Und sie würde verdammt sein, diese Einstellung zu verlieren! Sie brauchte nur einen Neuanfang. Das war alles.

Doch die letzten vier Monate über hatte sie acht Neuanfänge gehabt und geholfen hatte ihr keiner.

Die altbekannte Panik wallte in ihr auf und kroch zäh durch ihre Adern, bis sie auch die letzte Pore für sich vereinnahmt hatte. Langsam atmete sie ein und aus, während sie versuchte, sich zu beruhigen. Wenn sie nicht mehr schreiben konnte, musste sie sich eben einen anderen Job suchen. Sie hatte so viele Optionen … aber sie wollte keine von ihnen, verdammt! Sie wollte Autorin sein. Ihre Fans nicht weiter enttäuschen. Den Traum leben, auf den sie die letzten fünfzehn Jahre hingearbeitet hatte.

Sie biss die Zähne zusammen, packte ihre Tasche aus, zog ihren Schlafanzug an und trat schließlich zur Küchentheke, um ein Glas mit Wasser zu füllen. Nachdenklich starrte sie aus dem Fenster … und hielt abrupt inne. Das Meer und der Strand breiteten sich vor ihr aus und mit ihnen etwas Warmes in ihrer Brust, das die Panik verscheuchte.

Die Sonne ging auf. Warmes Licht flutete den Horizont und zum ersten Mal seit Tagen spürte Norah, wie eine sanfte, stille Ruhe sie überkam.

Es war wunderschön. Wie die goldenen Strahlen sich auf dem Wasser brachen, wie kleine Diamanten auf der Oberfläche glitzerten, mit der Gischt tanzten und dann von der nächsten Welle davongetragen wurden. Der Himmel färbte sich rosa, brachte den noch immer über dem Wasser stehenden Mond violett zum Leuchten und verwandelte die seichten Nebelschwaden über dem Meer in geheimnisvolle rosafarbene Fäden, die sich ineinanderflochten, miteinander verwebten und in die Unendlichkeit zu führen schienen.

Norah lächelte breit. Eden Bay war genau der richtige Ort für sie. Magisch. Das würde schon werden.

Sie trank einen Schluck, ließ den Blick über den Strand schweifen und blieb an einer Gestalt hängen. Es war ein blonder Mann in kurzer Jogginghose und lockerem T-Shirt, der die paar Stufen vom Rondell zum Strand hinabsprang, an dem bereits eine zweite Person mit dunkler Haut und grauem Kapuzenpullover wartete. Der Blonde war Jared, der Typ von vorhin, die zweite Person kannte sie nicht. Norah blickte durch das hintere Fenster zurück zum Rondell und sah gerade noch eine Frau im roten Kleid und mit zerzaust aussehenden Haaren in den Mini steigen, hinter dem sie geparkt hatte. Zweifelsohne die Besitzerin des roten Tangas in Jareds Jeanstasche. Bestimmt bald eine der Frauen, von denen er fürchtete, dass sie ihn überfahren könnten.

Norah schmunzelte, trank das Wasserglas leer und kroch dann ins Bett. Mit dem Geruch von Salzwasser in der Nase und dem Gedanken im Kopf, dass noch nie jemand so verliebt in sie gewesen war, um in Erwägung zu ziehen, sie mit dem Auto zu überfahren und seinem Schmerz ein Ende zu bereiten, schlief sie ein.

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