Ein bisschen Mut, bitte! – Leseprobe

Kapitel 1

»Du bist einfach ein wenig zu männlich für mich.«

Harper Kavanagh verschluckte sich an ihrem Bier und spuckte die Hälfte davon über ihren Burger. Hustend schlug sie sich mit der Faust auf die Brust, bevor sie mit tränenden Augen und brennender Lunge ihr Gegenüber fixierte. »Ich bin … was?«

Ihr Date lief rosarot an und räusperte sich. »Versteh mich nicht falsch, du bist auf diese burschikose Art ganz hübsch, aber … charakterlich etwas zu maskulin veranlagt.«

»Ich … bitte was?« Ungläubig stellte sie die Flasche zurück auf den Tisch und schob den Burger ruckartig von sich. Sie bildete sich ein, normalerweise ansatzweise schlagfertig zu sein. Wenn man tagtäglich mit Idioten konfrontiert wurde, die einen Herzinfarkt nicht von Sodbrennen unterscheiden konnten, legte man sich gezwungenermaßen ein paar kluge Sprüche und Sinn für Humor zu. Doch nichts hatte sie auf diesen Moment vorbereitet.

Kenneth, der Mann, mit dem sie innerhalb des letzten Monats auf vier verschiedenen Dates gewesen war – der Mann, von dem sie fast geglaubt hatte, ihn ein wenig mögen zu lernen – strich sich die blonden Haare hinter die Ohren und hob die Schultern. »Du weißt schon, was ich meine, Harper.«

»Nein«, sagte sie scharf und presste die Lippen aufeinander. »Informier mich doch freundlicherweise darüber, was mich zu maskulin macht.«

»Na ja, du trinkst Bier«, stellte er lahm fest und gestikulierte zu dem Getränk auf dem Tisch.

»Ja. Ich mag Bier. Es besteht aus Hopfen und Hopfen ist grün – ich trinke also quasi Gemüse.«

»Das mag sein, aber abgesehen davon isst du auch sehr viel und sehr schnell.«

Sie war in einem Haushalt mit vier Brüdern aufgewachsen. Sie hatte lernen müssen, schnell zu essen, um ihr Überleben zu sichern. Außerdem machte sie viel Sport, verbrannte also dementsprechend viele Kalorien. Logischerweise musste sie deswegen mehr zu sich nehmen. Das war einfache Biologie.

»Deine Hände sind auch immer sehr rau«, fuhr Kenneth fort.

»Weil ich sie benutze!«

»Nun, dafür gibt es ja Handcreme.«

Oh. Mein. Gott.

»Und deine Haare sind wirklich sehr kurz.«

»Weil es praktisch ist«, erwiderte sie gereizt und fuhr sich durch die braunen Haare, die kaum ihre Ohren berührten. »Ich arbeite bei der Feuerwehr. Ich kann es mir nicht leisten, wenn mein Sichtfeld plötzlich eingeschränkt wird, weil mir die Haare in den Augen hängen.«

»Weißt du, die Sache mit der Feuerwehr …« Kenneth wiegte den Kopf von der einen zur anderen Seite, bevor er mit dem Schirmchen in seinem Cocktail herumrührte. »Dein Job ist sehr einschüchternd.«

»Er rettet Leben!«

Verdrießlich schürzte er die Lippen. »Das mag sein, aber … Ich meine, du hast mehr Muskeln als ich! Das ist nicht richtig.«

Nicht richtig? In welchem Jahrhundert lebte der Kerl? Und war es ihre Schuld, dass er ein solcher Lappen war und einkaufen gehen als Work-out ansah?

»Ich muss fit sein für meinen Job.« Sie war Rettungssanitäterin und Feuerwehrfrau und leitete am Wochenende zusätzlich die verschiedensten Outdooraktivitäten für Touristen. Wie sähe es denn bitte aus, wenn sie plötzlich zu schwach dafür war, einen Reifen zu wechseln oder ihr nach einer lächerlichen Drei-Stunden-Wanderung die Puste ausging?

»Das ist mir klar«, meinte Kenneth zögerlich und rieb sich den Schweiß von der Stirn. »Aber du kommst dadurch manchmal etwas dominant rüber. Gerade wenn es darum geht, Möbel aufzubauen.«

Hätte sie etwa zusehen und warten sollen, als er im Schnecken-mit-Gehbehinderung-Tempo seinen Ikea-Schrank zusammengesetzt hatte?

»Ich glaube, ich suche nach etwas anderem. Jemand … Weicherem. Tut mir leid«, schloss er, hob die Schultern und zog durch den Strohhalm etwas von der pinken Flüssigkeit in den Mund.

Harper atmete durch die Nase ein und stieß die Luft durch den Mund wieder aus. Sie hatte sich diesen Abend anders vorgestellt. Klar, Kenneth war kein Traummann und er hatte ihr Herz wahrlich nicht höherschlagen lassen, aber er hatte nett gewirkt. In Anbetracht der dürftigen Männerauswahl in und um Eden Bay war das eine nicht zu verachtende Eigenschaft. Aber genug war genug. Er wollte Kritik äußern? Wunderbar! Das konnte sie auch.

»Entschuldige, wenn ich dir das so sage, Kenneth«, presste sie zwischen den Zähnen hervor. »Aber du bist wirklich nicht der größte Fang. Du bist Fleischfachverkäufer, hast überall Haare, deine Arme sind die reinsten Zahnstocher und nur Forrest Gump steht das tote Tier im Gesicht, das du Bart nennst.«

Kenneth öffnete verwirrt die Lippen. »Du hast gesagt, dass er männlich aussieht!«

Sie lächelte süßlich und verschränkte die Hände auf dem Tisch. »Ich habe gelogen. Übrigens, es ist nicht mutig, wenn du beim ersten Date drei Stunden lang über deine Ex-Freundin redest. Es ist dämlich! Warum sollte ich wissen wollen, was ihre Lieblingseissorte ist? Und ja, ich habe dich beim Bowlen gewinnen lassen. Du spielst wie ein betrunkenes Huhn, das seine Eier nicht findet! Aber mit den Eiern scheinst du ja auch so deine Probleme zu haben.«

Kenneth reckte das Kinn. »Dass ich mit dir Schluss mache, ist noch lange kein Grund, gemein zu werden.«

»Ich bin nicht gemein, ich bin männlich«, korrigierte sie ihn verbissen, schnappte ihre Bierflasche und den Teller mit dem Burger und stand auf. »Und jetzt entschuldige mich. Ich werde mich an die Bar setzen, mir das Sox-Spiel angucken, ein weiteres Bier bestellen und dann wahrscheinlich noch etwas Holz hacken. Einfach, weil ich es kann.«

»Schön«, sagte er verkniffen. »Deine Schuhe sehen übrigens aus, als würden sie einer Kampflesbe gehören.«

»Na, vielen Dank, dann ist diese Lesbe eindeutig sehr viel fähiger als du! Weißt du, Ken, Frauen dürfen auch schon wählen und Auto fahren. Es ist nichts falsch daran, dass ich besser Möbel aufbauen kann als du und wenn ich eine Hand frei hätte, würde ich dir jetzt den Mittelfinger zeigen. Aber den wirst du dir vorstellen müssen.« Damit drehte sie sich auf dem Absatz um und stolzierte zur Theke, von der aus Jared sie bereits neugierig beobachtete.

»Na, hast du einen schönen Abend?«, fragte er scheinheilig und fuhr mit einem Lappen über das Holz, bevor sie ihren Teller darauf abstellte. Er war der Eigentümer des Sullivan’s und seit Ewigkeiten einer ihrer besten Freunde. Das würde sie allerdings nicht daran hindern, ihm den Burger an den Kopf zu werfen.

»Halt deine blöde Klappe und bring mir ein neues Bier, Jare«, sagte sie betont freundlich und leerte ihres in einem Zug.

Jared grinste breit. »Ja, du hast einen schönen Abend«, bemerkte er, bückte sich und zauberte aus einem der Kühlschränke unter dem Tresen eine neue Flasche hervor.

»Ist er weg?«, fragte sie gepresst und nickte kaum merklich nach hinten.

»Wer? Dein bärtiger Romeo? Jap, hat sich gerade zur Tür rausgekämpft. Also … gutes Date?«

Jetzt hatte sie ja eine Hand frei, also zeigte sie ihm den Mittelfinger.

»Ah, mittelmäßiges Date«, schloss Jared und nickte. »Wenn du mich fragst, war er ohnehin nichts für dich. Ein wenig ängstlich. Du brauchst … jemand Mutigen.«

»Was soll das denn heißen?«, fragte sie feindselig. »Dass ich beängstigend bin?«

Jared zog eine Grimasse. Offensichtlich war ihm klar geworden, dass er das Falsche gesagt hatte. »Nein, natürlich nicht. Du bist nur …« Er verengte nachdenklich die Augen. »Sagen wir … eine Herausforderung?«

Harper schnaubte und puhlte das Etikett von ihrem Bier. »Ich fasse es nicht, dass du jetzt eine Freundin hast«, sagte sie kopfschüttelnd. »Du hast die soziale Intelligenz einer Pampelmuse. Mich als Herausforderung zu beschreiben, ist kein Kompliment.«

»Also, Norah meint immer, meine Unwissenheit wäre charmant«, sagte Jared langsam.

Ja, aber seine Freundin trug ja auch eine rosarote Brille und war somit unzurechnungsfähig. »Ich verstehe es nicht!«, fuhr sie auf und biss von ihrem Burger ab. »Wieso ist eine Frau, die sich nicht herumschubsen lässt und weiß, was sie will, gleich eine Herausforderung? Das sollte der verdammte Normalzustand sein! Was zum Teufel ist das Problem von euch Kerlen? Kannst du mir das mal sagen?«

Mit ihr war alles in Ordnung. Sie war nicht allzu kompliziert, sie war groß, sie war halbwegs schlank, sie hatte einen Job, sie war ganz intelligent, ja, und zeitweilig fand sie sich sogar witzig. Trotzdem liefen ihr die Männer weg wie den Polkappen die Zeit.

Sie hatte doch gar keine hohen Ansprüche. Der richtige Mann sollte nett sein und keine Angst davor haben, sich dreckig zu machen. Das waren die zwei wichtigsten Punkte auf ihrer Liste.

Sie hätte außerdem ungern einen dieser neumodischen Typen, die täglich zehn Kilo Creme benutzten und sich mit ihren viel zu engen Hosen automatisch zeugungsunfähig machten. Sie wollte irgendeinen normalen, netten Kerl, mit dem sie sich gut unterhalten konnte und der nicht langweilig war. Irgendeinen Kerl, der damit klarkam, dass sie möglicherweise mehr Muskeln hatte als er! Das war doch nicht zu viel verlangt, oder?

»Nein, so meinte ich das nicht«, ruderte Jared zurück und hob beschwichtigend die Hände. »Du bist keine Herausforderung, weil du selbstständig und tough bist. Das sind gute Eigenschaften. Du bist eine Herausforderung, weil es sehr schwierig ist … na ja, einen Platz in deinem Herzen zu erobern.«

Irritiert runzelte sie die Stirn. »Was? Ich bin … sehr herzlich.« Okay, das war gelogen. Sie trug ihre Gefühle wahrlich nicht auf der Zunge und diese ständige Umarmerei zur Begrüßung könnte ihrer Meinung nach abgeschafft werden. Warum sollte sie Menschen berühren wollen, die sie gerade erst kennengelernt hatte? Es war ihr gutes Recht, neue Bekanntschaften ein paar Wochen lang zu studieren, um in Erfahrung zu bringen, ob sie sich auf der Toilette die Hände wuschen. Aber das hieß nicht, dass sie Menschen nicht … einlassen konnte. Nach drei bis fünf kurzen Jahren verdienten sie sich vielleicht sogar den Titel Freund.

»Ich meine, ich habe dich in mein Herz geschlossen, obwohl du achtzig Prozent der Zeit ein Blödmann bist«, fuhr sie fort und wedelte mit einer Pommes vor seinem Gesicht herum. »Ich liebe Ava, ich liebe Kate, ich liebe meine Brüder, Nathan ist quasi ebenfalls mein Bruder, ich liebe Sawyer, ich liebe sogar Maya und Norah ein bisschen und die kenne ich noch nicht lange.«

Jared hob eine Augenbraue. »Was ist mit Adam?«

Verwirrt ließ sie die Pommes sinken. »Was soll mit ihm sein?«

»Du hast ihn in deiner Aufzählung vergessen.«

»Habe ich?« Das war ihr gar nicht aufgefallen. »Klar, Adam habe ich auch ins Herz geschlossen«, meinte sie mit einer wegwerfenden Handbewegung.

Obwohl Adam ein Spezialfall war. Harper war in seiner Gegenwart nie vollkommen … entspannt. Sie war auch nicht wirklich nervös – eher etwas vorsichtig. Sie konnte sich diese Reaktion nicht ganz erklären, war aber nicht geduldig genug, genauer darüber nachzudenken. Sie kannte ihn seit fast fünf Jahren und mochte ihn. Er war manchmal etwas merkwürdig und leicht abzulenken, aber das machte ihn ihrer Meinung nach als Mensch nur interessanter.

Vielleicht fühlte sie sich nicht hundertprozentig wohl mit ihm, weil sie das Gefühl hatte, ihn immer noch nicht wirklich zu kennen. Adam war nicht schweigsam, aber er verriet sehr selten etwas über sich selbst. Sie kannte Avas tiefste Träume, Nathans schlimmste Ängste, Kates größte Schwächen – aber wusste nicht einmal, wo Adam aufs College gegangen war.

Vielleicht war sie aber auch angespannt in seiner Gegenwart, weil er so anders war als alle Männer, die sie jemals kennengelernt hatte. Und sie kannte eine Menge Männer. Mehr als Frauen, wenn sie ehrlich war. Dank ihrer Brüder, der Ausbildung zur Feuerwehrfrau und ihrer Liebe zu allem, was im Wald stattfand, lagen ihre täglichen Berührungspunkte zu achtzig Prozent bei Männern. Damit hatte Harper nie ein Problem gehabt und von den meisten Typen würde sie behaupten, zu wissen, wie sie tickten. Aber nicht bei Adam. Er sagte und tat nie das, was sie von ihm erwartete. Adam war … ein Mysterium.

»Ist auch egal, darauf wollte ich gar nicht hinaus«, schreckte Jared sie aus den Gedanken. »Natürlich lässt du die Menschen ein, die du seit deiner Kindheit kennst. Du vertraust den Leuten, die dir achtundzwanzig Jahre lang bewiesen haben, dass sie dein Vertrauen verdienen. Aber ansonsten … bist du ein sehr misstrauischer Mensch, Harper.«

Er sagte das, als wäre das etwas Schlechtes. Was war schlimm daran, realistisch zu sein?

»Jared«, sagte sie feierlich und legte ihre Hände flach auf den Tresen. »Es gibt eine Menge gemeine, furchtbare, dumme Menschen da draußen – wie mein Date, dem mein Bizeps zu groß war, soeben bewiesen hat. Gegen diese vor allem männlichen Unzulänglichkeiten wappne ich mich gerne. So einfach ist das. Das heißt aber nicht, dass ich nicht bereit wäre, mich auf einen Mann einzulassen. Vorausgesetzt, ich mag ihn.«

Leider kam das sehr, sehr selten vor. Der letzte Mann, den sie wirklich gerngehabt, ja sogar geliebt hatte, war Russell gewesen … über den sie weder nachdenken noch reden würde. Also ja, möglicherweise hatte sie ein paar Vertrauensprobleme. Aber das aus gutem Grund und es war nichts dabei, vorsichtig zu sein.

»Aber woher willst du wissen, ob du ihn magst, wenn du ihn nicht in dein Herz lässt?«, fragte Jared neunmalklug und sah sie erwartungsvoll an.

Harper verengte misstrauisch die Augen. »Du hast in den letzten Wochen nichts anderes außer die Liebesromane gelesen, die deine Freundin schreibt, oder?«, fragte sie langsam. »Das würde erklären, warum du mich gerade absichtlich in ein Gespräch über meine Gefühle verwickelst.«

Jared lachte leise. »Es sind gute Bücher! Und die erste Regel in jeder Beziehung, ob Freundschaft oder in der Liebe, ist offene Kommunikation. Also, Harper: Warum hast du Probleme damit, eine Liebesbeziehung einzugehen? Wovor hast du Angst?«

Harper stand ruckartig auf und stieß dabei fast ihren Hocker um. »Ich habe Angst davor, dass sich unsere Perioden synchronisieren«, stellte sie fest. »Deine Hormone scheinen nämlich mit dir durchzugehen.«

»Hey, das war eine ehrliche Frage.«

Ungläubig schüttelte sie den Kopf. Auf nichts konnte man sich heutzutage mehr verlassen! Was zum Teufel war nur mit ihm passiert? Er verliebte sich und plötzlich war der Typ, der Stringtangas gesammelt hatte wie andere Briefmarken, Beziehungsexperte? Wohl kaum.

»Du hast mir besser gefallen, als du noch dachtest, eine Beziehung wäre das, was dich und deine Lieblingspfannen verbindet.«

»Menschen entwickeln sich weiter«, meinte er grinsend.

Ja. Alle, nur sie anscheinend nicht. »Nimm das bitte sehr persönlich, Jared«, sagte sie lächelnd. »Ich werde mich zu meinen Brüdern und dem Sox-Spiel setzen. Da, wo mir niemand aus irgendwelchen Glückskeksen vorliest.«

Sie nickte ihm zu und wandte sich ab. Sein Lachen verfolgte sie durch den Raum, doch sie ignorierte es. Was für ein furchtbar ätzender Tag.

Harper würde es nie zugeben, aber es nagte an ihr, dass Kenneth sie für nicht feminin genug gehalten hatte. Das hörte sie nicht zum ersten Mal. Und obwohl sie sehr zufrieden mit ihrem Leben war, fragte sie sich manchmal … ob sie sich vielleicht ändern musste, um einen Mann zu finden. Man durfte sie nicht falsch verstehen, sie brauchte keinen Kerl, um sich gut zu fühlen – aber sie wollte einen.

Alle anderen bekamen es doch auch hin, Beziehungen zu führen. Jetzt sogar Jared, der vor einem halben Jahr noch geglaubt hatte, Liebe sei eine Erfindung der Grußkartenindustrie.

Sie presste die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. Darüber würde sie jetzt nicht nachdenken. Den Abend konnte sie sich auch damit verderben, den Sox beim Verlieren zuzusehen, bevor sie zum allwöchentlichen Pokerabend fuhr.

Und verdammt, sie war ein Mädchen! Nur, weil sie nicht gerne Röcke trug oder Champagner schlürfte, machte sie das doch nicht zu einem Kerl.

»Na, wie steht’s?«, wollte sie wissen und ließ sich am Tisch vor der Leinwand nieder, den die Kavanaghs vollkommen für sich vereinnahmt hatten.

»Die Sox werden abgeschlachtet«, brummte Jax, der Drittjüngste. Er hatte ein paar zu viele Tattoos und war etwas zu aufbrausend, aber auch derjenige, der Harper als Einziger ihrer Brüder schon einmal hatte weinen sehen. Mit ihm hatte sie sich immer am besten verstanden. Vielleicht, weil sie vom Alter her am nächsten zusammen waren. Vielleicht auch, weil sie sich einfach sehr ähnlich waren.

»Na, das sind sie ja mittlerweile gewohnt.« Die Red Sox spielten die schlechteste Saison ihres Lebens und Harper fiel es sehr leicht, sich mit ihnen zu identifizieren. Dieses Jahr war nur einen Wasserschaden und einen Tüllrock davon entfernt, ebenfalls in die Hall of Fame der beschissensten Jahre ihres Lebens aufzusteigen.

»Ja, es ist tragisch«, meinte Jax seufzend und schob seinen Burger zur Seite, damit sie ihren Teller abstellen konnte, bevor er abwesend fragte: »Hattest du nicht ein Date?«

»Ja, hat nicht funktioniert.«

»Gut so«, schaltete sich Ethan ein, der zu ihrer anderen Seite saß und ihr einen tadelnden Blick zuwarf. »Du bist noch nicht alt genug, um zu daten.«

Sie verdrehte die Augen. Ethan war knapp fünf Jahre älter als sie und hatte jedem Mann, den sie mit nach Hause gebracht hatte, mit einem Lügendetektortest gedroht. »Ich bin achtundzwanzig, Eth.«

»Tatsächlich?« Er runzelte die Stirn und kratzte sich am Kopf. »Ich hätte schwören können, dass du noch siebzehn bist. Hey, Rick. Wusstest du, dass unser kleines Lämmchen schon achtundzwanzig ist?«

»Was?« Der Kopf ihres ältesten Bruders flog zu ihr herum. »Nie im Leben, ich habe ihr doch erst gestern beigebracht, wie man Auto fährt.«

Rick war sechsunddreißig, seit fünfzehn Jahren verheiratet und mit drei Kindern gesegnet, aber bis vor drei Jahren hatte er ihr noch regelmäßig Furzkissen untergejubelt. Alter und Reife hatten herzlich wenig miteinander zu tun. Erst seitdem seine Frau Sharon mit der Scheidung gedroht hatte, erzählte er seinen Kindern nicht mehr, dass Zimtsterne aus den gemahlenen Knochen toter Weihnachtselfen bestanden.

»Rick, du scheinst eins zu vergessen: Du bist alt«, sagte Harper. »Wenn du älter wirst, werde auch ich älter. Und wenn ich das nächste Mal mit einem Kerl nach Hause komme, dann werdet ihr alle lächeln und winken.«

»Dieses Szenario sehe ich nicht in unserer Zukunft«, bemerkte Ethan achselzuckend und stahl sich eine Pommes von ihrem Teller.

»Gott, weißt du noch der Gitarrist, den sie mit siebzehn mitgebracht hat?«, meinte Rick und verzog das Gesicht. »Hat die ganze Zeit pseudophilosophische Songtexte von Led Zeppelin zitiert und sich die Haare über die Schultern geworfen.«

Ethan hob eine Schulter. »Ach, ich fand den schmierigen Russell viel schlimmer. Der Typ hat …«

»Okay, haltet die Klappe«, unterbrach Harper sie schneidend. »Jax hat letztes Jahr eine Frau mit nach Hause gebracht, die Sternschnuppen für fallende Engel gehalten hat.«

»Hey, zieh mich da nicht mit rein«, beschwerte Jax sich sofort. »Ich habe mir solche Mühe gegeben, für dich die Klappe zu halten. Und Ethans letzte Freundin hieß Love mit Vornamen. Warum hat sich darüber noch niemand lustig gemacht?«

»Love ist ein ganz normaler Name«, verteidigte der sich sofort.

»Ja, in etwa so normal wie Yogurette und Marie-Juana«, antwortete Jax trocken.

»Love nennt man sein Kind nur, wenn man will, dass es eine lukrative Karriere als Stripperin anstrebt«, brummte Rick.

»Sie war nett!«, meinte Ethan.

»Ihre Körbchengröße war nett«, murmelte Jax, bevor er sich an Harpers Bier bediente, weil er seines gerade leer getrunken hatte.

Harper seufzte schwer und lehnte sich zurück, während sich Jax und Ethan darum stritten, wer die dümmere Freundin gehabt hatte.

Harper liebte ihre Brüder – aber sie waren Idioten. Beziehungshemmende Idioten. Denn die ganze Stadt wusste, dass ihre kleine Schwester tabu war, und kein Kerl war je mutig genug gewesen, sich den Kavanagh-Jungs zu stellen. Allesamt Lappen.

Sie zog Jax ihre Bierflasche aus der Hand und aß den Burger, während sie den Sox dabei zusah, wie sie eine niederschmetternde Niederlage von 8 zu 1 einsteckten.

»Okay, ich mach mich auf den Weg zu Adam«, sagte sie seufzend und stand auf, als die Baseball-Jungs unter Buh-Rufen das Stadion verließen.

»Geht’s nicht erst um acht los?«, fragte Jax verwirrt und sah auf die Uhr.

»Ja, aber ich will noch was Geschäftliches mit ihm besprechen. Geht um die neue Search and Rescue-Einheit, die ich ins Leben rufen will.« Harper plante schon seit Jahren, Eden Bay mit einem besseren Suchtrupp für die Wanderer auszustatten, die dumm genug waren, von den vorgegebenen Pfaden abzuweichen. Seit deshalb vor vier Jahren ein Jugendlicher erfroren war, hatte Harper es sich zum Ziel gemacht, einem weiteren Fall vorzubeugen.

»Adam hasst es, über Geschäftliches zu reden«, sagte Jax langsam. »Das Einzige, was er noch weniger mag, ist die Natur.«

Ach, das stimmte nicht. Erst kamen Oliven, dann die Natur. »Ich werde ihn schon überreden.«

Jax grinste breit. »Kannst ihn ja verführen und deine weiblichen Reize neu für dich entdecken.« Er nickte zu ihrem Kapuzenpullover und den Jeans.

»Du hast genug weibliche Reize für uns beide, Schätzchen«, erwiderte sie süßlich, bevor sie ihm sacht gegen den Hinterkopf schlug und die Bar verließ.

Sie musste sich nicht ausziehen, um Adams Unterstützung zu bekommen! Sie würde ganz einfach … nett fragen?

Kapitel 2

Adam Malone war müde. Immer wenn … nein, eigentlich einfach nur immer. Dafür gab es nicht einen, sondern hundert Gründe – auch wenn ihn manche mehr mitnahmen als andere.

Zum Beispiel schlief er, seit er siebzehn war, nur noch fünf Stunden täglich. Dann hatte er heute Morgen eine frustrierende Stunde lang versucht, Avas Großmutter zu erklären, wie man eine E-Mail mit Anhang verschickte. Er hatte kurz in Erwägung gezogen, ihr eine Kreuzfahrt auf dem nächstbesten Öltanker zu schenken, doch auch hier hatte er nach ein paar gezielten, tiefen Atemzügen seine Energie wiedergefunden.

Noch energieaufwändiger war es, seine wahren Probleme für sich zu behalten, weil seine Freunde ihn sonst nie wieder so ansehen würden wie zuvor. Erschöpfend war es, normal zu wirken, während er im Kopf eigentlich gerade überlegte, wie sein Name im Binärcode geschrieben werden würde, einfach weil es ihn interessierte. 01000001011001000110000101101101 übrigens.

Doch mit dieser Bürde schlug er sich bereits sein ganzes Leben lang herum – damit hatte er sich arrangiert. Die meiste Zeit hatte er keine Probleme damit, seine Gedanken nicht allesamt laut auszusprechen oder beim Pokern zu schummeln, indem er die Karten zählte. Er hatte gelernt, unbeschwert und entspannt zu wirken, auch wenn er innerlich durchdrehte.

Worauf er zurzeit jedoch keinen direkten Einfluss hatte, war die Zukunft seiner Firma. Der Firma, die er die letzten acht Jahre lang mit Schweiß und Blut aufgebaut hatte. Der Firma, die ihn reicher als Gott gemacht hatte.

Das war zurzeit der wahre Grund, warum er sich immer und überall erschöpft fühlte. Weil der Vice-CEO von SmartblockPlus Inc. ihn seit Monaten dazu überreden wollte, ein paar seiner Aktien an Shareholder zu verkaufen und seine Firma somit aufzugeben. Weil dieser verdammte Mistkerl, den Adam zu seinen Freunden gezählt und dem er das letzte Jahrzehnt über vertraut hatte, ihn als verrückt und leichtsinnig hinstellen wollte, um seinen Willen durchzusetzen. Und das … das war etwas, das Adam wirklich, wirklich wütend machte.

»Es ist Wahnsinn, das Angebot nicht anzunehmen, Adam! Sie sind bereit, lächerlich viel Geld zu zahlen!«

»Nein, Wahnsinn ist es, mir immer und immer wieder dieselbe Frage zu stellen und zu erwarten, dass ich eine andere Antwort gebe, Byron«, korrigierte Adam ihn und lehnte sich in seinem Bürostuhl zurück, während sein Blick über seine vier Computerbildschirme wanderte.

Kate hatte ihn in einer Mail gebeten, den Vertrag für das neuste Haus, das er kaufen wollte, zu finalisieren. Sein Pinball-Highscore lag ungebrochen bei 5,190,198. Die Aktienkurse wollte er sich lieber nicht allzu genau ansehen, denn die Unruhe, die zurzeit in seiner Firma herrschte, tat SmartblockPlus‘ Kurs überhaupt nicht gut. Der letzte Bildschirm zeigte ihm, dass seine Mutter innerhalb der letzten drei Stunden zweimal versucht hatte, ihn zu erreichen. Doch auch sie würde warten müssen.

»Adam«, sagte Byron mit dieser seligen Ruhe und Gelassenheit in der Stimme, die Adam innerhalb des letzten Jahres zu hassen gelernt hatte. »Ich habe die Klappe gehalten, als du von einem Tag auf den anderen deine App verkauft hast. Ich habe dir den Rücken gestärkt, als du New York verlassen hast, um völlig aus dem Blauen heraus in dieses Kaff zu ziehen! Ich habe den Vorstand beschwichtigt, als herauskam, dass du mehr Zeit mit dem wahllosen Kaufen von Häusern und Booten verbringst als damit, deinen verdammten Job als CEO zu machen. Ich habe ihnen erzählt, dass du nicht verrückt, sondern lediglich etwas exzentrisch bist – so wie alle Genies unserer Zeit eben. Ich habe meine Hand dafür ins Feuer gehalten, dass du dazu in der Lage bist, die Firma aus der Ferne zu führen. Er ist nicht leichtsinnig oder wankelmütig, habe ich gesagt, er ist nur besonders. Aber so langsam glaube ich, dass ich einen riesigen Fehler gemacht habe! Denn du bist all das. Und ich weiß, dass ich die letzten Jahre über dein kleines Geheimnis für mich behalten habe, aber irgendwann ist Schluss mit lustig. Du bist völlig außer Kontrolle! Du nimmst dein Leben nicht ernst, du nimmst die Firma nicht ernst, du …«

»Du hast keinen verdammten Schimmer, Byron!«, fuhr Adam ihm zornig dazwischen. »Ich komme meinen Pflichten nach. Die Firma hat nie darunter gelitten, dass ich von Eden Bay aus arbeite … und ich nehme mein Leben sehr ernst.« So ernst er es eben zulassen konnte! »Ich bin weder leichtsinnig noch verrückt – und wenn du noch einmal das beschissene Wort wankelmütig in den Mund nimmst, reiß ich dir all deine Barthaare einzeln aus.«

»Ach ja?«, bemerkte sein Geschäftspartner schnaubend. »Dann nenn mir eine Konstante in deinem Leben. Oder auch nur den Grund, warum du in Eden Bay bleiben musst und nicht zurück nach New York ziehen kannst, um dein normales Leben wiederaufzunehmen. Nenn mir nur eine Sache, Adam, die beweist, dass du gute Entscheidungen triffst.«

Adam presste die Lippen aufeinander und atmete tief durch. Seine Gedanken schwirrten, das Blut pochte in seinem Kopf … und die nächsten Worte flossen aus seinem Mund, bevor er ihre schwerwiegende Bedeutung hinterfragen konnte: »Ich habe geheiratet.«

»Was? Wen?«, fragte Byron ungläubig. Doch er war nicht der Einzige, der diese Worte aussprach. Eine andere, entgeisterte und weibliche Stimme drang hinter seinem Rücken hervor.

Er wirbelte auf dem Stuhl herum. »Harper«, sagte er überrascht.

»Harper? Deine Frau heißt Harper?«, fragte Byron scharf.

Adam öffnete den Mund und starrte die Brünette vor sich an, die mit überkreuzten Armen und verengten Augen auf ihn herabstarrte. Na, wenn das nicht die Pose einer Ehefrau war, dann wusste er auch nicht.

»Ja«, sagte er deswegen langsam. Und verdammt, warum war er da noch nicht früher draufgekommen? Harper war die perfekte Kandidatin für diesen Job! Sie zur Frau zu nehmen, wäre nicht leichtsinnig oder durchgeknallt. Nein, Harper Kavanagh zu heiraten, wäre eine gute, vernünftige Entscheidung. Zumindest auf dem Papier.

Sie war bodenständig, verdammt klug, hübsch und allem voran aufrichtig und großherzig. Niemand würde sie jemals für ein Bimbo halten, das er auf einer Escort-Service-Plattform gemietet hatte – und ja, darüber hatte er bereits nachgedacht. Harper war die Lösung seiner Probleme.

»Ja«, wiederholte er deswegen und lächelte Harper an. »Ich habe Harper Kavanagh geheiratet. Die Liebe meines Lebens.«

Harpers Augen wurden riesig und ihre Kinnlade klappte nach unten.

Ja, darum würde er sich gleich kümmern. Ein Problem nach dem anderen.

Byron schnaubte. »Also bitte. Eine Ehefrau zu erfinden, ist selbst für deine Verhältnisse absurd.«

»Ich habe sie nicht erfunden.« Sie stand immerhin sehr real vor ihm. »Ich kenne und liebe sie seit fünf Jahren. Deswegen kann ich Eden Bay nicht verlassen. Das ist ihr Heimatort.«

»Wenn sie deine Frau ist, warum heißt sie dann Kavanagh?«

»Oh, sie hat darauf bestanden, ihren Namen zu behalten. Sie ist sehr emanzipiert und dickköpfig, was solche Dinge angeht.«

»Schön«, knurrte Byron. »Ich möchte sie kennenlernen. Am besten bringst du sie nächste Woche einfach nach Boston mit. Du hattest doch vor, zu den teamfördernden Maßnahmen zu erscheinen?«

Scheiße, nein! Er hatte eine schlimme Grippe bereits fest eingeplant. Aber jetzt … »Natürlich komme ich. Es war schließlich meine Idee.« Eine seiner dümmeren. Aber er konnte ja auch nicht vierundzwanzig Stunden am Tag und sieben Tage die Woche ein Genie sein. »Ich hatte ohnehin vor, Harper mitzunehmen.« Er studierte das Gesicht seiner Freundin, das zu einer Grimasse der Wut und des Unverständnisses geworden war. Ach, in irgendeinem Land galt dieser Ausdruck sicherlich als glücklich, deshalb fügte er hinzu: »Sie freut sich schon drauf.«

»Wundervoll. Und Adam? Sie ist besser real und normal. Wenn sie nämlich eines deiner Hirngespinste ist, wird es noch einfacher als gedacht, dich als unzurechnungsfähig hinzustellen.«

»Immer eine Freude, mit dir zu reden, Byron. Bis nächste Woche«, sagte Adam betont freundlich, bevor er auflegte.

Langsam erhob er sich aus seinem Stuhl und studierte die Frau vor sich. Harper war 1,78 groß, 71 Kilo schwer und auf einer Irritiert-Skala von 1 bis 10 eine solide 12. Er kannte sie seit 5 Jahren, 36 Tagen und ungefähr 7 Stunden. Er mochte sie seit 5 Jahren, 36 Tagen, 6 Stunden und 59 Minuten, seit sie ihn mit gehobener Augenbraue angesehen und gesagt hatte: »Du siehst gar nicht reich aus.«

Er hatte 14 Mal von ihr geträumt – in 4 dieser Träume war sie sehr nackt gewesen –, hatte 26 Mal gegen sie im Dart verloren und war 8 Mal liebevoll von ihr als Heulsuse bezeichnet worden. Trotzdem kannte er sie nicht gut genug, um vorauszusagen, wie sie auf das belauschte Telefonat reagieren würde.

»Na?«, sagte er vorsichtig. »Hast du nächstes Wochenende schon was vor?«

Harper schnaubte und schüttelte ungläubig den Kopf.

»Also …?«

»Wir sind verheiratet, Adam? Wirklich?«, fragte sie entgeistert.

»Nein, nicht wirklich«, korrigierte er sie. »Wir tun nur für ein Wochenende so, damit der Vorstand meiner Firma nicht denkt, dass ich verrückt bin.«

Ihre Augen wurden immer größer. »Sag mal, hörst du dir selbst zu?«

Ja, er gab zu, dass der Satz etwas Ironisches an sich hatte, aber darauf konnte er keine Rücksicht nehmen. »Hey, ich bin ein guter Fang«, log er. »Viele Frauen wünschen sich nichts sehnlicher, als mir das Jawort zu geben.«

»Ja, verrückte Frauen ohne Geld und Selbstwertgefühl.«

Seine Mundwinkel zuckten. Eines der Dinge, die er am meisten an Harper mochte, war, dass sie ehrlich und direkt war. Mit dem Anstieg seines Reichtums war die Menge dieser Sorte Mensch in seinem Leben stetig zurückgegangen, aber für Harper machte sein Kontostand keinen Unterschied. Ein reicher Vollidiot und ein armer Vollidiot waren für sie ein- und dasselbe.

»Komm schon, Harper«, sagte er, trat noch einen Schritt auf sie zu und legte die Hand auf die Brust. »Sei ein Wochenende lang meine Ehefrau. Ich verspreche dir, ich werde dich gut behandeln.«

»Nein!«

»Bitte, bitte? Sie wollen mich seit Monaten für unzurechnungsfähig erklären, um mich aus der Firma zu kicken. Wenn sie herausfinden, dass ich gerade eine Ehefrau erfunden habe, bin ich so gut wie weg vom Fenster.«

»Ist das mein Problem?«, fragte sie ungläubig.

»Nun ja, als meine Ehefrau sollte dir mein Seelenheil etwas mehr am Herzen …«

»Adam, du Spinner!«, unterbrach Harper ihn, doch er sah es als ein gutes Zeichen an, dass sie mittlerweile lachte. »Hör auf damit. Ich weiß doch noch nicht einmal, ob ich jemals heiraten will. Geschweige denn einen verpeilten Multimillionär, der scheiße im Basketball ist.«

»Mhm.« Nachdenklich wiegte er den Kopf von der einen zur anderen Seite. »Denkst du nicht, dass es etwas zu spät für Zweifel ist? Jetzt, da du vor mir und Gott schon Ja gesagt hast und alles?«

»Ich habe nicht Ja gesagt.«

»Doch, sicher. Zweimal sogar schon. Erinnerst du dich nicht mehr? Wir waren auf dem Jahrmarkt, auf dem wir unser erstes Date hatten. Wir sind zusammen auf dem Riesenrad gewesen, weil du die Aussicht aufs Meer so liebst. Ich habe dich gefragt, ob du mich zum glücklichsten Mann auf diesem Planeten machen willst, du hast ein bisschen geweint …«

»Oh nein!« Sie wedelte mit dem Zeigefinger vor seinem Gesicht herum. »Wenn wir das durchziehen würden – was wir nicht tun –, dann wärst du derjenige, der geweint hat. Ich heule doch nicht, nur weil du endlich einsiehst, dass ich die Frau deiner Träume bin und du nicht ohne mich leben kannst. Ich nicke höchstens und sage: Schön, ich nehme dich – aber nur, weil du ein passabler Handwerker bist und ich endlich wissen will, was du in deinem Keller versteckst.«

Adam runzelte die Stirn. »Nein, so habe ich das nicht in Erinnerung. Du hast geweint, mit der Hand vor deinem Gesicht herumgewedelt und verlangt, dass wir sofort damit anfangen, Kinder zu bekommen. Weil meine Erbanlagen so wunderbar wären. Ich habe gemeint, dass wir noch ein wenig warten sollten. Bis nach der Hochzeit zumindest.«

Sie verengte die Augen. »War das bevor oder nachdem ich dich vom Riesenrad geschubst habe?«

»Davor. Ziemlich sicher davor.«

Harper nickte steif, bevor sie feierlich sagte: »Adam, ich will die Scheidung.«

»Aus welchem Grund?«

»Mein Ehemann ist ein Lügner. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich keinen Ehevertrag unterschrieben habe, ich kriege also die Hälfte deines Vermögens.«

»Pass auf.« Er hob beide Hände in die Höhe. »Machen wir es so: Du sagst mir, was ich dir geben muss, damit du mir diesen klitzekleinen Gefallen tust und mit mir ein Wochenende in Boston verbringst …«

»Als deine Ehefrau

»… und ich überlege mir, ob ich auf deine Anforderungen eingehen kann.«

Misstrauisch sah Harper zu ihm auf. »Du bist ziemlich verzweifelt, oder?«

»Ziemlich trifft es nicht einmal annähernd.«

Sie seufzte schwer und ihre Gesichtszüge wurden etwas weicher. »Adam, selbst wenn ich deiner hirnrissigen Bitte nachkommen würde … niemand würde dir glauben, dass du eine Frau wie mich geheiratet hast.«

»Eine Frau wie … was?« Verdutzt blinzelte er. »Warum nicht?«

»Weil ich nicht in hohen Schuhen laufen kann.«

»Ich auch nicht«, sagte er verwirrt.

Sie lachte. »Komm schon, Adam. Ich bin nicht zierlich, ich bin kein Model, ich habe keine riesigen Brüste, ich bin das Normalste, was du bekommen könntest. Warum sollte ein stinkreicher Internet-Fuzzi wie du mich zur Frau nehmen?«

»Internet-Heini, wenn ich bitten darf, und … ich habe absolut keine Ahnung, wovon du sprichst.«

Niemand würde sich fragen, warum er Harper zur Frau genommen hatte. Aber jeder würde sich fragen, was er Harper in den Drink gemischt hatte, damit sie Ja sagte.

»Ich sehe das so«, setzte er hinzu, als Harper ihn nach einer Minute immer noch erwartungsvoll ansah. »Du bist selbstständig, sodass du mich nicht jedes Mal bei der Arbeit stören würdest, sobald eine Glühbirne ausgewechselt werden muss. Du bist eine meiner besten Freundinnen, sodass bereits eine Vertrauensbasis zwischen uns besteht, und es macht Spaß, mit dir herumzuhängen. Du bist intelligent und wortgewandt, sodass ich dich problemlos zu Geschäftsessen mitnehmen könnte. Du bist nicht oberflächlich und nicht geldgierig, magst mich also um meiner Selbst willen und nicht wegen meines Bankkontos. Und zu guter Letzt: Du bist ein loyaler und herzensguter Mensch, der sich keinen Scheiß gefallen lässt. Hört sich für mich nach der perfekten Ehefrau an.«

»Aber …« Verblüfft öffnete sie die Lippen. »Niemand denkt so.«

»Ich denke so«, stellte Adam klar. »Und jeder, der mich kennt, weiß das. Abgesehen von dir, anscheinend.«

Und wenn er darüber nachdachte, dann störte ihn das. Dass sie ihn für den Typ Mann hielt, der nach einem hübschen Accessoire an seinem Arm suchte. Dass Harper denken könnte, sie wäre nicht gut genug für jemanden wie ihn, war absurd. Als er sie kennengelernt hatte, hatte er tatsächlich mehrfach darüber nachgedacht, sie nach einem Date zu fragen. Aber zu dem Zeitpunkt hatte er nicht nach einer Beziehung gesucht, die sein Leben noch weiter verkomplizieren könnte. Außerdem hatte Harper auch nie das kleinste Anzeichen gegeben, dass sie an ihm interessiert sein könnte und irgendwann … irgendwann waren sie so gut befreundet gewesen, dass es ohnehin zu spät schien. Und er musste ehrlich sein: Harper hatte jemanden mit sehr viel weniger Problemen verdient.

Seine Freundin betrachtete ihn eine Weile lang misstrauisch, so als versuche sie zu ergründen, ob er seine Worte ernst meinte. Schließlich nickte sie jedoch und strich sich die hellbraunen Haare aus der Stirn. »Okay, nehmen wir für eine Sekunde an, dass ich dich genug mag und nicht zu vergessen geisteskrank genug bin, mich auf diese Scharade mit dir einzulassen, um dir den Arsch zu retten. Was kriege ich dafür?«

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