Ein bisschen Freiheit, bitte! – Leseprobe

Vor fünf Monaten …

In einem Buch über die malerischsten, lächerlich idyllischen Städte Amerikas wäre die Hafenstadt Eden Bay auf der ersten Seite zu finden.

Das war Allison Stones erster Gedanke gewesen, als sie vor ein paar Monaten zusammen mit ihrer Schwester und ihrem Bruder hergezogen war.

Ein Blick auf die bunten Hausfassaden der Hauptstraße, ein Gespräch mit dem örtlichen Seniorenclub der Stadt, der sie herzlich willkommen geheißen, ihr ein Bananenbrot und die Wegbeschreibung zum örtlichen Leuchtturm geschenkt hatte, und ihr war klar gewesen, dass sich das Leben in Eden Bay drastisch von ihrem alten unterscheiden würde.

Kaffeekränzchen statt wilder Partys. Smalltalk am Briefkasten statt gesichtsloser Nachbarn. Freundliches Winken auf dem Parkplatz statt Mittelfinger hinterm Steuer. 

Doch das war okay. Sie hatte ohnehin genug von der alten Allie. Der rücksichtslosen, waghalsigen Allie. Der problematischen Allie, die sie selbst angefangen hatte zu verabscheuen.

Ja, ihre Schwester Mallory hatte genau den richtigen Ort für einen Neuanfang ausgesucht. Allie mochte es hier, auch wenn sie nicht richtig zufrieden war. Sie konnte nicht genau benennen, woran es lag, doch ihr fehlte etwas. Ein wenig Aufregung. Etwas mehr Spannung. Freunde, die nicht mit ihr verwandt waren. Menschen, die nicht nach Keksen rochen und nicht den ganzen Tag lächelten.

Ihr fehlten Ecken und Kanten. Eine Herausforderung.

Doch das würde sie niemals vor ihrer Familie laut aussprechen, denn das würde sie nur in große Sorgen stürzen. Noch größere, als sie ohnehin schon hatten …

»Bist du sicher, dass es dir gut geht? Du siehst blass aus.«

Allie seufzte schwer und beugte sich zu ihrer Schwester Mallory vor, die mit zusammengezogenen Brauen ihr Gesicht studierte. »Mir geht es fantastisch, Mall«, erwiderte sie geduldig und lächelte. »Wirklich.«

»Ganz sicher? Ich weiß, es ist viel Veränderung, und wenn du noch etwas Gewöhnungszeit brauchst …«

»Mallory«, sagte sie mit Nachdruck. »Mir. Geht. Es. Gut.«

»Das hier ist nicht zu stressig?«

»Dieses Gespräch?«, fragte sie scheinheilig. »Doch, ein bisschen.«

Ihre Schwester verdrehte die Augen. »Ich spreche von der Arbeit.«

»Nein, Kuchen zu verkaufen, ist nicht stressig. Der Job wäre allerdings um einiges leichter, wenn du die Theke nicht blockieren würdest.« Sie klopfte fröhlich auf den nigelnagelneuen Tresen zwischen ihnen. Er war erst eine Woche zuvor geliefert worden, nur einen Tag, bevor sie die Konditorei beziehungsweise das Café, in dem sie jetzt standen, eröffnet hatten. Ein Ort, an dem Allie sich in etwa so wohlfühlte wie Gollum bei einem Schönheitswettbewerb. Sie war nicht dafür geschaffen, den ganzen Tag freundlich zu sein. Cupcakes zu drapieren, Teller zu waschen und sich Babyfotos von völlig Fremden anzugucken. Dafür fehlte ihr schlichtweg die Geduld.

Aber ihr war keine andere Wahl geblieben, als hier anzufangen. Ihren alten Job hatte sie zurzeit auf Eis gelegt und zu Hause zu bleiben und in den schrecklichen Erinnerungen an die letzten Jahre zu schwelgen, war keine Option.

»Gut, okay, du hast recht. Ich habe ohnehin noch Papierkram zu erledigen«, meinte Mallory und umrundete den Tresen. »Wenn du was brauchst, ich bin hinten im Arbeitszimmer. Ach, hast du den Ofen vorgeheizt, damit Alec die Croissants reinschmeißen kann, wenn er gleich mit dem Teig kommt?«

Ups. Das hatte sie vergessen. »Klar, hab ich!«

»Und du hast die Kuchenform gefettet und in den Kühlschrank gestellt?«

Ah, nein. Natürlich nicht. »Mallory, mach deinen Papierkram, ich habe alles erledigt und kümmere mich um die Laufkundschaft, okay?«

Ihre Schwester nickte und verzog das Gesicht. »Sorry. Natürlich. Okay, viel Spaß. In einer Stunde kann ich dann übernehmen.«

Sie drückte Allies Schulter und verschwand dann durch die Tür hinter ihnen, die zur Küche und einem Büroraum führte.

Allie wartete, bis sie hörte, wie Mall die Tür ins Schloss zog, dann glitt sie leise fluchend in die Küche.

Das hier war einfach nicht der richtige Job für sie! Mallory, die ihr ständig über die Schulter sah, machte sie nervös und vergesslich. Die Kunden regten sie auf und sie wollte Kuchen essen, nicht verkaufen. Sobald sie sich etwas an die Stadt gewöhnt hatte, würde sie sich einen neuen suchen müssen.

Sie heizte den Ofen vor, fettete die blöde Form ein und nahm sich einen Cupcake mit Erdnussbutterfrosting aus dem Kühlfach, in den sie genüsslich hineinbiss – das hatte sie sich nach der harten Arbeit verdient. Als sie schließlich zurück an die Theke trat, wartete bereits ein Kunde auf sie … oder sollte sie sagen ein Auftragskiller?

Allie blieb wie angewurzelt stehen und eine Gänsehaut kletterte ihren Rücken hinab, bevor ihr plötzlich schrecklich heiß wurde.

»Hey«, sagte der fremde Mann. »Ich hätte gern Kuchen.«

Seine Stimme war dunkel. Düster beinahe. So wie der Rest von ihm. Haare, Haut, Augen, Gesichtsausdruck. Er konnte Kerzen wahrscheinlich mit nur einem Blick zum Erlöschen bringen.

Halleluja, dieser Mann war beängstigend und Allie erwischte sich dabei, wie sie schluckte. Denn gleichzeitig war er verdammt heiß.

Er war über eins neunzig groß und mit seinen breiten Schultern und muskulösen Armen sah er aus, als wäre er geradewegs aus dem Film Gladiator gestiegen. Sogar eine kleine Narbe zierte seine rechte Augenbraue. Sicherlich eine Wunde aus einem längst vergessenen Schwertkampf.

Er musste neu in der Stadt sein, zumindest war Allie ihm noch nicht begegnet. Denn wenn sie es wäre, würde sie sich daran erinnern.

Der Mann hob die Augenbrauen. »Hallo?«, wiederholte er.

Allie blinzelte und riss sich aus ihrer Schockstarre. Hastig trat sie ein paar Schritte vor, stellte den Cupcake auf dem Tresen ab und lächelte höflich. »Hey«, erwiderte sie. »Ich bin Allie und heute deine Bedienung, was kann ich für dich tun?«, ratterte sie herunter, was Mallory ihr heute Morgen eingetrichtert hatte. In Eden Bay verzichtete man auf die Höflichkeitsform, weil sie alle eine Familie waren. So zumindest hatte es ihr Ava erklärt, die örtliche Ärztin, die einer Waldelfe verdächtig ähnlich sah.

Ihr Gegenüber runzelte die Stirn, offenbar irritiert von ihrer aufgesetzten Fröhlichkeit. »Ich bin Shadow und will Kuchen«, sagte er langsam. So als würde er mit diesen sechs Worten schon zu viel von sich preisgeben.

»Shadow?«, wiederholte sie nachdenklich und neigte den Kopf. »Das ist kein Name.«

Der Mann verengte die Augen. »Ein Spitzname.«

»Und wie heißt du wirklich?«

Shadow seufzte und rieb sich den Nacken. »Kuchen.«

Ein Lächeln zog an ihren Mundwinkeln. »Na, wenn ich Kuchen heißen würde, würde ich meine Freunde auch dazu zwingen, mich Shadow zu nennen.«

»Nein«, erwiderte der Typ ungeduldig. »Ich will Kuchen kaufen.«

»Ach so. Das sagtest du bereits.«

»Trotzdem habe ich noch keinen in der Hand.«

Sie verzog das Gesicht. »Ich weiß, tut mir leid. Aber meine Schwester zwingt mich dazu, mit jedem Kunden, der hier hereinkommt, Smalltalk zu führen. So macht man das offenbar in einer Kleinstadt. Man redet erst miteinander, bevor man etwas kauft.«

»Bin nicht interessiert«, sagte der Auftragskiller trocken.

»Daran, etwas zu kaufen?«

Erneut seufzte er, bevor er sich mit den Händen auf dem Tresen abstützte und vorbeugte. »An Smalltalk«, stellte er klar, was Allie bereits wusste.

Ihr Lächeln wurde breiter. Mhm, vielleicht machte der Job als Verkäuferin ihr ja doch Spaß. Shadow hier war zumindest interessant und nicht nett. Damit kam sie um einiges besser zurecht als mit den freundlichen Menschen, die immer von ihr wissen wollten, wie es ihr in Eden Bay gefiel.

»Das verstehe ich. Das Problem ist nur …« Sie sah über ihre Schulter, bevor sie mit gesenkter Stimme fortfuhr. »Meine Schwester meint, dass meine Arbeitsmoral zu wünschen übriglässt und ich zu unfreundlich bin. Wenn sie mich also nachher fragt, wer schon alles hier war und ich in deinem Fall nur sagen kann: Ein düsterer Kerl, der Smalltalk hasst, dann wird sie das nicht zufriedenstellen. Denn in Eden Bay kennt man jeden. Also …«

»Oh, großer Gott«, murmelte der Kerl und sie hörte, wie er mit dem Kiefer knackte, bevor er sich einen weiteren Zentimeter zu ihr vorbeugte.

Allie musste sich davon abhalten, zu erschaudern. Doch dieser Mann strahlte eine Energie aus … eine gefährliche Energie, die auf ihrer Haut prickelte. Die sie in jeder Pore spürte.

»Wenn ich dir jetzt meinen wirklichen Namen verrate«, flüsterte er dunkel. »Verkaufst du mir dann endlich Kuchen?«

Sie lächelte. »Deal.«

»Carter. Ich heiße Carter. Und ich will drei Stücke Schokosahnetorte.«

»Kommt sofort«, antwortete sie zufrieden und fing damit an, die Torte aus dem Fach vor ihr in eine Kuchenbox zu laden. »War das so schwer?«

»Sehr«, antwortete Carter schroff.

Allie lachte. »Du kommst nicht aus Eden Bay, oder? Ich wohne erst seit ein paar Wochen hier, aber selbst mir ist klar, dass Privatsphäre in dieser Stadt nicht ernstgenommen wird.«

Carter antwortete nicht, und als sie aufblickte, bemerkte sie, dass er die Stirn gerunzelt hatte, den Blick auf ihre Lippen gerichtet.

Irritiert führte sie die Fingerspitzen zu ihrem Mund, doch bevor sie fragen konnte, ob ihr irgendwo Essen hing, schallte eine Stimme aus der Küche hinter ihr.

»Allie, hast du dich an den Cupcakes vergriffen?«, wollte Mallory wissen.

Sie zog eine Grimasse und versteckte ihren angebrochenen Cupcake hastig zwischen Kasse und einem Haufen Servietten. »Nein«, rief sie zurück und wischte sich über den Mund. »Hab ich irgendwo noch Frosting im Gesicht?«, fragte sie dann leise.

Carter schüttelte den Kopf.

»Puh, gut.« Nur warum hatte er dann auf ihre Lippen gestarrt?

Sie fuhr damit fort, den Kuchen zu verpacken, und als sie ihn eine Minute später auf den Tresen stellte, bemerkte sie eine Spinne, die hastig über das Glas krabbelte.

»Ah, du gehörst hier nicht hin«, murmelte Allie, hielt die Hand vor das Tier und wartete, bis es draufgekrabbelt war, bevor sie es hastig aus dem geöffneten Fenster zu ihrer Rechten stupste. »Lauf weg, bevor Mallory dich findet und zerquetscht«, wies sie es an und fügte an Carter gewandt hinzu: »Das macht sechs Dollar sechzig.«

Ihr Gegenüber fischte Geld aus seiner Brieftasche, während es abwesend murmelte: »Du findest Spinnen nicht eklig.«

Es war keine Frage. Es war eine Feststellung.

»Nein. Du etwa?«

»Nein. Aber ich hasse Schlangen.« Er legte einen Schein auf den Tresen.

»Schlangen?«, fragte sie überrascht. »Warum?«

»Weil der Schlafsack nur halb so bequem ist, wenn sich eine darin versteckt.«

Sie lachte und nahm das Geld entgegen. »Sprichst du da aus Erfahrung?«

Er nickte.

»Oh Gott. Wo ist das passiert, damit ich weiß, wo ich niemals Urlaub machen werde?«

»Afghanistan.«

»Oh.« Sie hob die Augenbrauen. War er ehemaliger Soldat? Das würde zumindest seine Muskeln erklären. »Nun, dann cancele ich meinen Entspannungsurlaub dahin wohl besser mal.«

»Gute Idee. Ist auch ziemlich heiß da.« Er hob einen Mundwinkel … und in Allies Magen setzte ein Fallgefühl ein. Für einen Moment war Carters Gesicht weich geworden und … heilige Schokolade, er war wirklich absurd attraktiv.

Sie räusperte sich und strich sich die Haare aus der Stirn. »Ich werde dir glauben müssen«, meinte sie und reichte ihm das Rückgeld.

Carter nickte und nahm die Münzen entgegen. Ihre Finger berührten sich und ein paar Augenblicke lang hatte Allie das Gefühl, kleine elektrische Impulse auf ihrer Haut zu spüren. Doch der Moment war so schnell vorbei, dass sie ihn sich auch eingebildet haben könnte.

Oje. Sie verzichtete wirklich schon zu lang auf Sex.   

Carter steckte das Geld weg, griff nach der Kuchenbox und nickte ihr zu, bevor er Richtung Ausgang ging.

Nachdenklich und mit flatterndem Herzen sah Allie ihm nach.

Er war der interessanteste Mensch, den sie bisher kennengelernt hatte. Er hatte Humor. Er hatte etwas zu erzählen.

Er war heiß.

Gut, Letzteres war eher hinderlich, weil Allie noch lang nicht bereit dazu war, sich wieder auf irgendeinen Mann einzulassen … aber sie war neu hier und könnte ein paar Freunde gebrauchen.

»Hey, Carter«, rief sie ihn zurück, bevor sie es sich anders überlegen konnte.

Der Gladiator wandte sich mit gehobenen Augenbrauen zu ihr um.

»Ähm …« Nervös friemelte sie an ihrer Kellnerinnenschürze herum. »Weißt du, ich bin neu zugezogen und kenn noch nicht viele Leute … Hättest du vielleicht Lust, mal was mit mir zu machen?«

Überrascht sah Carter sie an.

Die Sekunden glitten dahin, in denen sich ihre Blicke verhakten … und Allies Mund wurde trocken.

Wie konnte jemand nur so intensiv gucken?

Schließlich blinzelte ihr Gegenüber und trat einen Schritt zurück. Ein einzelnes Wort glitt über seine Lippen: »Nein.«

Im nächsten Moment war er verschwunden.

Nein.

Er hatte … Nein gesagt.

Mit offenem Mund starrte sie ihm nach.

Wow. Was sagte man dazu. Und da hatte Mallory ihr versprochen, es wäre kinderleicht, in Eden Bay neue Freunde zu finden.

Nun, sie hatte Ecken und Kanten gesucht. Sie hatte Ecken und Kanten gefunden.

Dann wollte Carter eben nichts mit ihr zu tun haben. Das war in Ordnung.

Sie klaubte den Rest ihres Cupcakes wieder auf und biss hinein. Doch er schmeckte nur noch halb so gut. Denn nein, eigentlich war es nicht in Ordnung. Er kannte sie doch gar nicht. Er hätte ihr wenigstens eine Chance geben können!

Stirnrunzelnd stopfte sie den Rest des kleinen Kuchens in ihren Mund. Nun, das war sein Pech! Denn das hier war Eden Bay. Sie würden sich wieder über den Weg laufen. Und wenn er nicht mit ihr befreundet sein wollte, dann würde sie eben seine Nicht-Freundin sein …

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