Ein bisschen Abenteuer, bitte! – Leseprobe

Kapitel 1

 

Maya McKenzie konnte nicht behaupten, ein aufregender Mensch zu sein.

Sie zahlte pünktlich ihre Rechnungen, hatte noch keine härtere Droge als Nasenspray geschnupft, war noch nie aus einem Flugzeug gesprungen und ihre Lieblingseissorte war Vanille. Sie war nicht spontan, sie hatte noch nichts getan, was eine Zeitung als außergewöhnlich betitelt hätte, und wenn jemand eine Kamera auf sie richtete, duckte sie sich elegant aus dem Bild. Sie hatte noch nicht mal das Verlangen gehabt, den Mount Everest zu besteigen – und das lag nicht nur daran, dass ihre Beine eine Karriere als Wackelpudding anstrebten. Nein, sie verspürte einfach nicht den Drang, Menschen zu beeindrucken.

Ihr Leben befand sich auf der etwas langweiligeren Seite von normal und damit hatte sie sich schon vor langer Zeit abgefunden. Manche Menschen wurden geboren, um zu brillieren, so wie beispielsweise ihre jüngere Schwester Melanie. Andere waren dafür gemacht, in Jogginghose mit einem Eimer Popcorn auf der Couch zu sitzen und Netflix zu schauen. Und bis vor Kurzem war Maya vollkommen zufrieden damit gewesen, zur letzteren Sorte zu gehören.

Daher stellte sie sich jetzt, da die Vorderreifen ihres Autos im meterhohen Schlamm feststeckten und der Regen wie ein Vorbote der Sintflut auf ihre Windschutzscheibe hinabstürzte, eine relativ simple Frage:

Was zur Hölle ist nur in mich gefahren?

Stöhnend ließ sie den Kopf aufs Lenkrad sinken und schlug sich mit der Faust gegen die Schläfe. Die Korsage ihres viel zu engen Kleides schnitt unangenehm in ihr Fleisch und hinderte sie daran, tief durchzuatmen.

Sie hatte ihre Eltern nicht zum Weinen bringen wollen. Und wer hätte ahnen können, dass ein Pfarrer so bewandert fluchen konnte? Ganz sicher hatte sie nicht damit gerechnet, dass ihre Schwester mit den Schuhen werfen und zielsicher treffen würde. Gott sei Dank hatte es nicht allzu viel Blut gegeben.

Seufzend richtete Maya sich auf und besah sich ihre bläulich glänzenden Fingerknöchel, die immer noch schmerzten. Hätte sie gewusst, welch äußerst befriedigendes Kommunikationsmittel ein Kinnhaken war, hätte sie vielleicht früher damit angefangen, Leute zu schlagen. Aber sie war die letzten Jahre zu sehr damit beschäftigt gewesen, ein guter Mensch zu sein. Da blieb keine Zeit, über die Vorteile von Gewalt zu sinnieren.

Einen Moment lang saß sie still da und lauschte dem Prasseln des Regens und dem gleichmäßigen Klicken ihrer Warnblinkanlage. Maya fand es ehrlich gesagt äußerst unfair vom Universum, ihren ersten mutigen und vielleicht etwas verrückten Tag sofort mit einer Autopanne und dem Sturm des Jahrhunderts zu bestrafen. Sie hatte eine Medaille verdient. Oder einen Pokal. Oder zumindest einen feuchten Händedruck.

Leider hatte sich ihr Auto nach mehreren Minuten noch immer nicht selbst aus dem Schlamm gegraben und es kam auch kein heißer, oberkörperfreier Cowboy auf seinem Pferd vorbeigeritten, um ihr einen warmen Platz in seiner Scheune anzubieten. Wohl oder übel würde sie sich bewegen müssen.

Griesgrämig verzog sie das Gesicht, griff nach ihrem Handy in der Mittelkonsole und musste feststellen, dass der Akku noch immer leer war. Er hatte schon vor zwei Stunden den Geist aufgegeben, als sie die Staatsgrenze nach Maine passiert hatte. Sie warf es in ihre Handtasche und beugte sich nach vorn, um einen besseren Blick auf die dunklen Gewitterwolken zu bekommen. Der Regen verstärkte sich und in der Ferne ertönte ein Donner, der sich verdammt wie die Stimme ihrer Mutter anhörte, die Du hast Mist gebaut!, brüllte.

Tja, irgendwann hatte es ja passieren müssen. Sie war neunundzwanzig Jahre lang ohne größeren Zwischenfall durchs Leben gekommen – und wenn sie nur etwa alle dreißig Jahre Mist baute, war das doch ein guter Schnitt.

Erneut blickte sie nach draußen und sah ein, dass jetzt wirklich der Moment gekommen war, in dem sie das warme Innere des Wagens würde verlassen müssen. Die gute Nachricht war, dass ihr Reiseziel keine Meile entfernt lag. Die schlechte, dass sie unpraktische Zehn-Zentimeter-High Heels und ein Kleid trug, das drohte, sie zu ersticken.

»Ach, was soll’s«, murmelte sie, griff nach ihrer Handtasche, raffte den Rock zusammen und öffnete die Fahrertür.

Kalte Tropfen schlugen ihr entgegen, und innerhalb von Sekunden war sie bis auf die Unterwäsche durchnässt. Ihre Absätze sanken in den hungrigen Schlamm, bevor sie kurzerhand aus den Schuhen schlüpfte und sie mit den Fingern aus dem Morast zog. Sie würde ihren Koffer hierlassen und barfuß weiterlaufen.

Der Regen war zwar nass – wer hätte damit rechnen sollen? –, aber warm. Sie würde sich schon nicht den Tod holen. Was hatte ihr Ex-Freund noch gesagt?

Sie war robust. Langweilig, aber robust.

Arschloch.

Maya schloss den Wagen ab, kontrollierte, ob die Warnblinkanlage noch lief, und strich sich die um ihr Gesicht peitschenden nassen Haare in den Nacken.

Dann fing sie an zu lachen.

Diese ganze Situation war so absurd wie ein Clown mit Lachallergie – und Gott, sie genoss es beinahe! Die Kälte, die durch ihre Haut drang, war sehr viel realer als das Theater der letzten Tage.

Sie blickte über die Schulter und erwartete fast, dass ein Einhorn durch den Nebel galoppieren und ihr ewige Jugend schenken würde. Das wäre ein würdiger Abschluss für diesen verrückten Tag. Doch nichts dergleichen passierte. Die Straße war leer.

Maya blieb wohl oder übel nichts anderes übrig, als ihre Füße mit einem Schmatzgeräusch aus dem Schlamm zu ziehen und die nach rechts führende Kurve zu nehmen, die ihr Auto nicht hatte bewältigen können.

Es war noch nicht allzu spät, keine sieben Uhr, aber das Gewitter und die nur spärlich gesäten Straßenlaternen machten es unmöglich, mehr als zehn Meter weit zu sehen.

Sie lief dicht am Straßenrand entlang, denn sie mochte heute zwar ihren Verstand verloren haben, aber von einem Auto überfahren werden wollte sie auch nicht. Nach etwa zehn Minuten erschien ein grün-weißes Schild vor ihr.

 

Eden Bay. Einwohner: 5451.

Willkommen im Himmel auf Erden.

 

Maya blickte skeptisch auf die vor ihr liegende dunkle Hauptstraße, die von hohen schwarzen Häusern gesäumt wurde. Wenn das Paradies so aussah, dann war es kein Wunder, dass Adam und Eva hatten fliehen wollen. Vielleicht war es gar nicht schlecht, dass Maya nach dem heutigen Tag sicherlich in die Hölle kommen würde.

Wieder donnerte es. Sie zuckte zusammen und beschleunigte ihren Schritt. Kleine Steine bohrten sich in ihre Füße und der Regen prasselte unermüdlich auf ihre nackten Schultern. Da sollte noch mal jemand sagen, dass es nichts Schöneres gab als Maine im Sommer!

Pustekuchen. Anscheinend hatte Maine, nicht zu vergessen Eden Bay, ein etwas zu aufgeblasenes Ego. Aber das würde sie der Stadt verzeihen, solange sie ihr im Gegenzug ein Telefon und ein wenig Hilfe bot.

Maya lief die Straße hinab, versuchte zu ignorieren, dass ihre Zehen langsam zu Eiszapfen wurden, und blickte von rechts nach links.

Die Stadt war wie ausgestorben. Keine Lichter brannten mehr. Keine Geräusche drangen aus den Häusern, kein Mensch stand vor dem Supermarkt, den sie gerade passierte. Arztpraxis, Post, Bäcker, Blumenladen – egal an welchem Geschäft sie vorbeilief, es hatte geschlossen.

Meine Güte, ja, es war Sonntag, aber in Boston, wo Maya die letzten zehn Jahre ihres Lebens verbracht hatte, hatte der Wochentag nie jemanden gekümmert. Alles hatte geöffnet. Immer.

Fluchend raffte sie ihren Rock höher, damit der schlammige Saum nicht weiter über den Boden schleifte, als sich plötzlich das Meer vor ihr auftat. Sie hatte das Ende der Straße erreicht und war auf einem Rondell gelandet, von dem aus eine Reihe wagemutiger Stege in die tosenden Wellen führten. Hätte sie raten müssen, würde sie sagen, dass das der Hafen war. Die Boote, die unruhig auf dem Wasser auf und ab wippten, waren ein Hinweis, den sie klug zu deuten wusste. Segelschiffe, Schiffskutter, Motorboote – alles, was das Kapitänsherz begehrte. Nichts, was Maya gerade von Nutzen wäre.

Sie drehte sich einmal um die eigene Achse, bis ihr Blick auf eine erleuchtete Fensterfront fiel. Ein dunkelgrünes Schild mit goldenen Lettern hing über der Eingangstür, das den Laden als Sullivan’s Pub kennzeichnete. Durch die Fenster erkannte Maya Tische und Menschen. Gott sei Dank! Wo Menschen waren, gab es auch Telefone.

Zielsicher stapfte sie auf den Eingang zu, verdrängte jeden Gedanken daran, dass sie aussehen musste wie eine hübsch zurechtgemachte Vogelscheuche, und trat ein.

Warme Luft und gedämpfte Rockmusik wehten ihr entgegen. Wäre ihr Kleid dann nicht geplatzt, hätte sie jetzt tief durchgeatmet, doch allzu ruckartige Bewegungen waren zu riskant. Darauf bedacht, mit ihrem weiten Rock keine Stühle umzuwerfen, bahnte sie sich vorsichtig einen Weg auf die antik aussehende Bar zu. Der Pub strahlte eine gelassene Gemütlichkeit aus, mit der Maya sich nicht identifizieren konnte. Gemütlich? Ja, das konnte sie. Gelassen? Nicht so sehr.

Dunkle rechteckige Tische füllten den Innenraum, ein Billardtisch stand in der einen Ecke, eine Dartscheibe hing in der anderen und eine Reihe dunkelgrüner Barhocker säumten den Tresen. Sie würde den Barkeeper darum bitten, sein Telefon benutzen zu dürfen. Dann konnte sie die Feuerwehr oder die AAA, den Pannendienst, anrufen – irgendwen, der dazu in der Lage war, ein Auto aus dem Graben zu ziehen – und mir nichts, dir nichts würde alles wieder okay sein. Herrgott, sie war dafür geboren worden, okay zu sein! Sie hatte das Wort Okay in den letzten Jahren öfter benutzt als das Wort Ich.

Maya spürte die neugierigen Blicke der übrigen Gäste in ihrem Rücken und ignorierte sie. Sie war heute schon so unglaublich oft angestarrt worden, dass die unnötige Aufmerksamkeit sie gar nicht mehr kümmerte.

Am Tresen saß nur ein einziger Mann in einem offenen, rot-blau karierten Flanellhemd, der ihr den breiten Rücken zuwandte. Dahinter erkannte sie einen hochgewachsenen, blonden Typen in schwarzem T-Shirt, der gerade ein Bier zapfte. Er sagte etwas zu dem Gast, bevor er das Glas vor ihn auf den Tresen stellte und dann am anderen Ende der Bar durch eine Schwingtür verschwand.

Erleichtert darüber, ihr Ziel endlich erreicht zu haben, ließ sie den Rock ihres Kleides los und beschleunigte ihren Schritt.

Sie erkannte ihren Fehler zu spät.

Der Tüll wickelte sich um ihre Füße, umklammerte ihre Zehen und brachte sie ins Stolpern. Ein Kieks-Laut fuhr über ihre Lippen, sie strauchelte und im nächsten Augenblick flogen ihr die Schuhe aus den Fingern. Hektisch ruderte sie mit den Armen durch die Luft und hielt sich schließlich an dem Einzigen fest, das sich in ihrer Reichweite befand: Einem fremden Bizeps und einem fremden Bierglas.

Der Bizeps hielt stand. Das Bierglas nicht.

Mit einem lauten Klonk fiel es um und ergoss den Inhalt auf seinen Eigentümer, der fluchend aufsprang.

Maya hatte ihr Gleichgewicht noch immer nicht wiedererlangt. Ihr Rock war offensichtlich ausgebildeter Nahkämpfer und hielt sie fest umklammert. Japsend rutschte ihre eine Hand den Bizeps – der verdammt noch mal beeindruckend war! – runter, während ihre andere etwas Hartes entlangtastete, schließlich nach einem Fetzen Stoff grabschte und daran zog. Ihre Füße glitten auf dem Tüllstoff nach vorn und die Schwerkraft drohte zu siegen, als plötzlich zwei starke Hände ihre Taille packten.

»Meine Güte, Lady, lernen Sie zu stehen«, murmelte eine dunkle Stimme, bevor sie hochgehoben und im nächsten Moment auf die Beine gestellt wurde. Als hätte sie das Gewicht einer Elfe und nicht das einer etwas übergewichtigen Babyrobbe.

Hastig schälte sie ihre Finger von dem fremden Körper, strich sich die nach vorne gefallenen nassen Haare aus dem Gesicht und überprüfte, ob das Kleid der Kraft ihrer Brüste standgehalten hatte, bevor sie den Blick hob.

Sie starrte auf ein dreckiges, weißes T-Shirt. Ein T-Shirt, das aussah, als habe eine Verrückte Bier darauf geschüttet und dann ihre schlammigen Hände daran abgewischt.

Blut schoss in ihre erhitzten Wangen und vorsichtig ließ sie ihren Blick nach oben gleiten. Von dem offenen, karierten Hemd, an dem die Brusttasche gerissen war, über eine muskulöse Brust zu einem kantigen Kinn, bis sie geradewegs in ein Paar dunkelgrüner, ungeduldiger Augen sah.

Augenblicklich stolperte sie einen Schritt zurück. Es grenzte an ein Wunder, dass sie nicht sofort wieder hinfiel.

»Scheiße«, rutschte es ihr heraus, als ihr das volle Ausmaß ihres eleganten Auftritts bewusst wurde. Sie hatte den fremden Kerl nicht überrascht – sie hatte ihn geradezu attackiert! »Tut mir furchtbar leid. Das Kleid hat mich angegriffen und ich habe offensichtlich keine Kontrolle über meinen Körper und … geht es Ihnen gut?«

Der Mann vor ihr seufzte schwer, stellte sein nun leeres Bierglas wieder ab und strich sich den Dreck vom Shirt.

»Kann ich Ihnen ein neues Bier kaufen?«, fragte sie zögerlich. »Vielleicht auch ein neues T-Shirt? Vielleicht sollten Sie Ihres besser ausziehen.«

Der Mann hob eine dunkle Augenbraue. »Machen Sie mich gerade an?«, fragte er trocken.

»Nein!«, sagte sie bestürzt. »Ich meine wegen der Flecken! Nicht, damit ich Ihren Oberkörper anstarren kann. Das möchte ich überhaupt nicht. Ich möchte Sie unter keinen Umständen nackt sehen.«

Die zweite Augenbraue folgte.

»Ähm, ich meine, das wäre unangebracht, ich kenne Sie ja gar nicht und … aber nicht, dass Ihr Oberkörper nicht wunderschön wäre!«, ruderte sie hastig zurück. Wie automatisch glitt ihr Blick an seinen Schultern hinab und verharrte auf den ausgeprägten Brustmuskeln, die unter dem nassen T-Shirt skandalös gut zur Geltung kamen.

Meine Güte, ja! Der Typ würde jeden Wet-T-Shirt-Contest gewinnen.

Sie schluckte, riss ihren Blick wieder nach oben und legte ihre kühlen Hände auf die brennenden Wangen. Heute war wirklich nicht ihr Tag.

»Es tut mir leid«, wiederholte sie und holte tief Luft. Die Korsage protestierte ächzend. »Normalerweise bin ich nicht so ungeschickt. Falls es Ihnen hilft: Die Flecken werden Sie wieder rausbekommen. Ich arbeite viel mit Erde und habe schon hartnäckigeren Schmutz beseitigt. Ich kann Ihnen gerne ein paar Tipps geben.«

Der Mann sagte nichts. Die kurzen schwarzen Haare hingen ihm wirr in die Stirn und dunkle Bartstoppeln betonten seinen scharf geschnittenen Kiefer.

Er war nicht konventionell attraktiv, fiel Maya auf. Seine Nase war eine Spur zu schief und eine kleine Narbe zog sich durch seine rechte Augenbraue, die seinem Gesicht etwas Düsteres, Raues verlieh. Aber da war etwas in seinem intensiven Blick, in der stoischen Ruhe, die er ausstrahlte … Maya schluckte und stellte sich aufrechter hin. Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass dieser Mann in seiner Freizeit nicht mit Kuscheltieren spielte oder Kuchen backte. Er war eher der Typ, der mit einer Axt einen Baum fällte, um irgendetwas damit zu bauen. Einen Zaun vielleicht. Irgendwer würde schon einen brauchen. Hier gab es Kühe und andere Tiere, die im Zaum gehalten werden mussten.

»Nein? Also soll ich Ihre Wäsche lieber nicht machen?«, schlussfolgerte sie, als der Mann nach einer gefühlten Ewigkeit noch immer nicht sprach. »Wollen Sie stattdessen meine Schuhe behalten?« Mit zuckenden Mundwinkeln deutete sie auf die High Heels zu ihren Füßen, die zu ihrem Leidwesen Schlammspuren auf der Jeans ihres Opfers hinterlassen hatten. »Die sind bestimmt zweihundert Dollar wert. Ich werde sie sowieso nie wieder anziehen. Meine Schwester hat darauf bestanden, dass ich sie heute trage. Sie ist da etwas eigen. Ich habe eigentlich nichts für Markenschuhe übrig, aber …« Sie verstummte und räusperte sich. »Das interessiert Sie überhaupt nicht, oder?«

»Was denken Sie?«, wollte ihr Gegenüber tonlos wissen und verschränkte langsam die Arme vor der Brust.

»Na ja, die Schuhe sind Designerstücke«, erklärte sie – er brauchte wirklich nicht so grimmig zu gucken! »Sie wären doch bestimmt eine hübsche Ergänzung für Ihre private Sammlung an Damenschuhen …«

Der Typ zuckte nicht mit der Wimper.

Hey! Das war witzig gewesen. Nur weil er keinen Humor hatte, musste er sie nicht ansehen, als hätte sie nicht mehr alle Teller in der Kommode.

Schwer seufzend griff sie nach einem Stapel Servietten, die auf dem Tresen lagen. »Hier, lassen Sie mich wenigstens …«

Bevor sie mit ihrer Hand auch nur in die Nähe des Mannes kommen konnte, fischte der bereits ihr Handgelenk aus der Luft und drückte es sanft, aber bestimmt nach unten.

»Lady, kommen Sie mir einfach nicht zu nahe«, sagte er düster und ließ sie los. Seine Stimme war wie raue Baumrinde. »Ich will meinen Burger essen, nicht von meiner Hose kratzen.«

Guter Punkt, wenn auch ein wenig gemein. »In Ordnung.« Entschuldigend hob sie die Hände. Sie hatte noch nicht entschieden, ob sie lieber unsichtbar werden oder dem unangemessen unhöflichen Kerl den Mittelfinger zeigen wollte. »Tut mir leid, wirklich«, beteuerte sie. »Ich kam nicht mit der Absicht hier rein, einen wildfremden Mann mit Dreck und Bier zu bewerfen.«

»Ah ja«, sagte er knapp, drehte sich zum Tresen und sank wieder auf den Barhocker. Offenbar war ihr Gespräch beendet.

Okay. Keine zehn Minuten in Eden Bay und schon hatte sie einen Fan. Ein vielversprechender Start!

Leise seufzend wandte sie sich von ihrer neuen Bekanntschaft ab und wanderte den Tresen entlang, um möglichst viel Platz zwischen sich selbst und Mr. Sonnenschein zu bringen. Gerade beschloss sie, sich zu setzen, bis der Barkeeper wieder auftauchte, als ebendieser durch die Schwingtür trat.

Breit lächelnd kam er auf sie zu. »Hey, was kann ich für Sie tun?«

Maya hatte sich in Gesellschaft gut aussehender Männer schon immer ein wenig unwohl gefühlt. Vielleicht lag das daran, dass diese besondere Spezies dazu neigte, ihren Namen nach zwanzig Sekunden wieder zu vergessen – und es äußerst unangenehm war, sie immer wieder daran erinnern zu müssen. Maya war nicht hässlich, aber sie war eben auch nicht wunderschön. Sie war normal.

Aber Männern, die einen zu großen Teil ihrer Zeit damit verbrachten, ihr Sixpack zu zählen, reichte normal oftmals schon, um Maya als nicht gut genug abzutun. Das war okay für Maya, änderte aber nichts an der Tatsache, dass sie der Konversation mit schönen Männer meistens aus dem Weg ging. Nicht zuletzt, weil sie es hasste, eingeschüchtert zu werden, und die Oberflächlichkeit der Übermenschen sie sehr wütend machte.

Zu ihrem Leidwesen war der Barkeeper verdammt attraktiv. Blonde Surferhaare, dunkelbraune Augen, Grübchen, Schultern, die zum Anlehnen einluden. Keine Frage, der Typ war hübscher als ein weißes Pferd mit Blumen im Haar. Doch nach allem, was heute passiert war, war sie einfach zu erschöpft und entnervt, um auf ihre Charakterschwäche Rücksicht zu nehmen. Außerdem kannte sie in diesem kleinen Nest niemand! Sie würde ein paar Wochen bleiben und dann wieder gehen. Niemand musste je erfahren, dass sie so langweilig war, dass ihr Ex-Freund sie mit einer Senioren-Kreuzfahrt verglichen hatte.

Also lächelte sie den blonden Surfertypen souverän an, ignorierte das nervöse Flattern in ihrem Magen und erwiderte atemlos: »Hey. Könnte ich wohl Ihr Telefon benutzen? Ich stecke etwas in der Bredouille und mein Handy hat sich vor einer Weile verabschiedet.«

Der Barkeeper nickte langsam, bevor sein Blick neugierig ihr Kleid hinabwanderte. »Sie kommen nicht von hier«, stellte er fest und neigte den Kopf zur Seite.

»Richtig, ich komme aus Boston. Woher wissen Sie das?«

Er hob die Schultern und zog einen Mundwinkel nach oben. »Das hier ist eine kleine Stadt. Ich kenne das Gesicht jeder hier lebenden, hübschen Frau und Ihres sagt mir noch nichts.«

Maya lachte. »Sie können einer Frau, die aussieht, als wäre sie durch eine Autowaschanlage spaziert, nicht sagen, dass sie hübsch ist. Denn das glaubt sie Ihnen nicht.«

Er grinste. »Ach, mir gefällt der ganze ›Ich scheiß drauf, was die Leute von mir denken‹-Look. Außerdem würde ich eine hübsche Lady nie anlügen. Da können Sie so ziemlich jedes weibliche Wesen dieser Stadt fragen.«

»Mhm, ich weiß nicht, ob Sie damit so hausieren gehen sollten«, gab Maya zu bedenken. »Man könnte auf die Idee kommen, dass Sie ein Frauenheld sind.«

»Haben Sie mich gerade Held genannt? Das trifft tatsächlich auf mehreren Ebenen zu. Ich bin übrigens Jared Sullivan, falls Sie meine Nummer im Telefonbuch nachschlagen wollen.«

Lachend schüttelte Maya den Kopf. Gott, er war so unglaublich von sich selbst überzeugt, dass sie ihn absolut nicht ernst nehmen konnte. Was für ein überraschend sympathischer Kerl. »Ist es Zufall, dass der Pub so heißt wie Sie, Mr. Sullivan?«

»Kein Zufall. Mir gehört der Laden. Und nennen Sie mich Jared.« Er reichte ihr über den Tresen die Hand und sie ergriff sie.

»Ich bin Maya und finde es toll, dass du überheblich genug warst, den Pub nach dir selbst zu benennen.«

Jared seufzte künstlich laut auf. »Was soll ich sagen? Wenn schnell deutlich wird, dass ich der Eigentümer bin, ist es sehr viel leichter, meine weibliche Kundschaft ins Bett zu bekommen. Ich habe mir sagen lassen, Geschäftsmänner sind heiß.«

Oh, bitte. Jared hätte auch im Teletubbieanzug keine Probleme damit gehabt, Frauen ins Bett zu bekommen.

»Ja, es ist gut, dass du etwas aus dir gemacht hast«, bestätigte Maya. »Mit deinem bestenfalls als passabel zu bezeichnenden Aussehen könntest du sonst wirkliche Schwierigkeiten bei der Damenwelt bekommen.«

Ihr Gegenüber grinste breit – wahrscheinlich, weil er wusste, dass sie Schwachsinn erzählte.

»Ich weiß. Und jetzt, da ich dich bereits angemacht und du mich bereits beleidigt hast, darf ich dir eine persönliche Frage stellen? Trägst du … ein Brautkleid?«

Mayas Wangen verfärbten sich pink, bevor sie den Kopf schüttelte. »Nein. Das ist ein Brautjungfernkleid, kein Brautkleid.«

»Wer hat geheiratet?«

»Niemand«, sagte sie knapp, denn es war die Wahrheit. »Also, könnte ich jetzt das Telefon haben? Ich bräuchte Hilfe und will die AAA oder die Feuerwehr anrufen. Mein Auto ist im Schlamm steckengeblieben.«

»Ah, die Kurve, die aus den Bergen direkt auf die Hauptstraße führt?«, mutmaßte Jared. »Ja, die ist mies bei diesem Wetter. Wir sollten wirklich mal ein Schild aufstellen. Aber heute ist dein Glückstag, die Feuerwehr sitzt gleich dort drüben.«

Er nickte nach links … zu Mr. Sonnenschein, der gerade den letzten Bissen seines Burgers vertilgte.

Oh Gott, nein. Sie konnte dem Typen doch nicht erst das Bier über das T-Shirt gießen und ihn dann um Hilfe bitten!

»Ähm, okay, aber er ist offensichtlich gerade beschäftigt, wir sollten ihn nicht stören«, sagte sie hastig und senkte die Stimme. »Kann ich nicht einfach bei der Wache anrufen oder …«

»Ach, Schwachsinn«, unterbrach Jared sie kopfschüttelnd. »Wenn du Hilfe brauchst, ist Eden Bays Liebling Nathan Black genau dein Mann. Er lebt für diesen Scheiß«, meinte er und rief zu ihrem Entsetzen im nächsten Augenblick: »Hey, Nate! Meine neue Freundin Maya ist eine Jungfrau in Nöten, die deine Hilfe braucht.«

»Ich bin keine Jungfrau!«, wehrte sie sofort lautstark ab. Als sie zwei Sekunden später bemerkte, was da gerade aus ihrem Mund gekommen war, setzte sie peinlich berührt hinzu: »Also in Nöten jetzt. Und auch in Wirklichkeit nicht, aber …« Sie brach ab.

Meine Güte, sie war heute ja nicht aufzuhalten! In ihrem gesamten Leben waren ihr noch nie so viele peinliche Sätze hintereinander über die Lippen gekommen. Sie kniff die Augen zusammen, legte den Kopf in den Nacken und stöhnte leise.

Jared lachte laut. »Ich mach dir eine Tasse Tee, du siehst ziemlich durchgefroren aus. Das erste Getränk in meinem Laden geht aufs Haus. Erklär Nathan einfach, was passiert ist. Er wird dir dann weiterhelfen.«

Der Schwarzhaarige musterte sie über die Länge der Bar hinweg fragend, während Jared wieder im Hinterraum verschwand.

Helfen … tatsächlich? Mr. Sonnenschein hatte gerade nämlich nicht wie die zuvorkommende Sorte von Mensch gewirkt. Er sollte bei der Feuerwehr arbeiten? Sie hatte immer geglaubt, dass Männer in Uniform automatisch höflich waren. Dass die Ernsthaftigkeit ihres Jobs sie zu einem gewissen Grad an … na ja, Nettigkeit zwang. Aber offensichtlich hatte sie damit all die Jahre falsch gelegen.

Wieder seufzte sie innerlich. Sie wollte wirklich nicht mit Mr. Sonnenschein reden, aber sie konnte auch nicht hier stehen bleiben und ihn ignorieren. Also raffte sie vorsichtig den Stoff ihres Kleides, um die vorherige Episode nicht zu wiederholen, und schlenderte zu dem Mann, der ihr offenbar mit nur einem Blick die Fähigkeit rauben konnte, sinnvolle Sätze zu bilden.

»Hey«, sagte sie lahm, sobald sie vor ihm stand. »Tut mir leid, ich will wirklich nicht wieder beim Essen stören, aber Jared meinte, Sie arbeiten bei der Feuerwehr und könnten mir helfen? Ich habe einen Notfall.«

Ihr größter Fan antwortete nicht. Stattdessen ließ er seinen intensiven Blick langsam über ihr Erscheinungsbild gleiten. Über ihre klatschnassen Haare, ihre sicherlich verlaufene Schminke, die fliederfarbene Korsage, die ihre Brüste unangenehm nach oben drückte, den Tüllberg, der sich Rock schimpfte, und ihre nackten Füße.

Automatisch reckte Maya ihr Kinn. Schön, dann sah sie eben aus wie ein menschliches Zugunglück. Sie hatte ja auch einen anstrengenden Tag hinter sich! Und nur, weil der Körper ihres Gegenübers das achte Weltwunder war, hieß das nicht, dass er das Recht hatte, über sie zu urteilen!

Scheiße, sie hatte es so satt, von allen Menschen in eine Schublade gestopft zu werden. Die brave Maya. Die bodenständige Tochter. Die langweilige Landschaftsdesignerin. Sie war so viel mehr als das! Und wenn dieser Typ nach wenigen Sekunden beschlossen hatte, sie als durchgeknallte Biermörderin abzustempeln, dann wollte sie …

»Ist das Blut an Ihrem Kleidersaum?«

Überrascht blinzelte sie. »Was?«

»Ob das Blut an Ihrem Kleidersaum ist.«

Ja, aber nicht meines. »Nein. Das ist Ketchup.«

 

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