Mordsmäßig verkorkst- Leseprobe

Kapitel 1

„Keinen Schritt weiter, sonst stirbst du!“

Ich hielt ruckartig inne und mein Herz sprang mir in den Hals. „Können wir nicht darüber reden?“, fragte ich sanft und hob langsam die Hände.

„Nein! Ich hab genug geredet. Du bist es, die nicht zuhört.“

„Ich höre zu. Aber … was du sagst, ergibt keinen Sinn. Wenn ich also einfach …“

Ich hob langsam den Fuß.

„Nein!“

„Bitte …“

Nein! Gott, Lou, ich schwöre dir, wenn du noch an einer einzigen weiteren Blume riechst, bringe ich dich um!“ Emily richtete warnend den Finger auf mich. „Du hast dann immer Pollen an der Nase und siehst aus, als hättest du Chipskrümel geschnupft.“

Hm. Hatten Chips wohl weniger Kalorien, wenn man sie durch die Nase zu sich nahm? Nein, vermutlich nicht. Es hörte sich auch etwas schmerzhaft an. Egal!

„Du bist absolut albern“, unterrichtete ich meine Schwester und verdrehte die Augen. „Ich darf riechen, an was ich will!“

„Ich finde, Emily hat recht“, gab Trudi ihren Senf dazu. Sie war meine ehemalige Ü-70-Angestellte, die den Körper eines Schlauchboots hatte, dem die Luft ausgegangen war, aber den Geist einer Kindergartentruppe ohne Aufsicht. „Louisa: Du bist Blumenverkäuferin …“

„Blumenladeninhaberin!“

„… du kannst den lieben langen Tag an Pflanzen schnüffeln. Also gönne deinem Riechkolben mal eine Pause. Ach und übrigens, du darfst nicht riechen, woran du willst.“ Neunmalklug sah sie mich an. „Ich zum Beispiel wurde letztens darauf aufmerksam gemacht, dass es sich nicht ziemen würde, am Hintern eines fremden Hundes zu schnüffeln. Auch wenn ich finde, dass es nur fair war, da er dasselbe ja bei mir gemacht hat.“
Ich seufzte und trat vom Blumenbeet zurück. Dagegen konnte und wollte ich nicht argumentieren, also gab ich einfach auf. Damit fuhr man bei den beiden ohnehin besser.

„Ist ja schon gut!“ Ich hob kapitulierend die Hände. „Ich rieche nicht mehr an Blumen.“ Auch wenn das ein hervorragender Zeitvertreib war und wir sicher noch zehn Minuten totschlagen mussten, bevor mein Neu-Verlobter Josh hier auftauchte. Der hatte mir nämlich vor ein paar Minuten eine liebevolle Drei-Wort-Nachricht geschickt.

Verspäte mich. Warte!

Dahinter hing ein ernst aussehender Smiley mit grimmigem Mund.

Ich war ein unfassbar ungeduldiger Mensch und verbrannte mir regelmäßig beim Essen die Zunge, weil ich aß, bevor es kalt geworden war. Warten war also wirklich nicht meine Stärke. Aber Josh benutzte sonst nie so „albernen Emoji-Mist“ (seine Worte, nicht meine. Meiner Meinung nach verhielt es sich mit Emojis nämlich wie mit Schokolade: Je mehr, desto besser!), deswegen musste es ihm ernst sein.

Also standen wir noch immer in dieser pompösen, mit rotem Klinkerstein gepflasterten Einfahrt direkt vor dem großen Banner, das zwischen zwei Bäume über ein eiserenes Tor gespannt war und auf dem zu lesen war: Der Weinkönig: Wein, aber fein – tretet doch ein!

Über die Reimkunst des ansässigen Weinguts konnte man streiten. Über seine Schönheit nicht. Das große Fachwerkhaus, das hinter dem Tor in den Himmel ragte, war übersät mit saftig grünen Weinranken. Ein glänzender Traktor stand vor einer angrenzenden alten Scheune, deren riesiges Eichenportal in den berühmten Weinkeller führen musste, der laut Google „Ein Schmaus für Augen wie auch Geschmacksknospen“ war.

Links unter dem Banner, neben einer überdimensionalen Weinflasche, stand ein großes Schild, das in kunstvoller Schreibschrift eine Weinprobe für den folgenden Nachmittag ankündigte. Zu unserer Rechten, direkt anliegend an das Eisentor, befand sich ein etwas mitgenommen aussehender Schuppen mit kleinem runden Türmchen obenauf, der bei dem kleinsten Windhauch knarzte und ächzte, als würde er jede seiner fehlenden Latten spüren. Er klang ein bisschen wie Trudi, wenn sie das Gewicht auf ihrer kaputten Hüfte verlagerte. Nur eine Spur gesünder.

Der Rest des Anwesens war mit einem massiven metallenen Zaun umgeben, sodass man nur durch das Tor hineinkam. Doch ich hätte allein in der Einfahrt Stunden verbringen können. Denn rings um uns herum blühten dutzende Blumen in runden Beeten, die mein Floristinnenherz höherschlagen ließen. Narzissen, Hyazinthen, Tulpen … Ein Meer aus Frühblühern, das bald sterben würde, da wir schon Mitte Mai hatten. Es war ein Verbrechen, nicht an jeder einzelnen zu riechen, aber wenn meine Schwester sich diese Last aufs Gewissen laden wollte, dann nur zu.

Ich hatte das Weingut im Internet gefunden, als ich die Suchmaschine mit Hochzeitslocations Köln gefüttert hatte. Josh und mir war klar, dass wir spät dran waren, denn eigentlich wollten wir schon im Herbst heiraten. Allerdings hatte ich zwar unfassbar lang auf einen Antrag von Joshua Rispo gewartet, doch irgendwie nie darüber nachgedacht, dass auf eine Verlobung ja auch eine Hochzeit folgte … die jemand organisieren musste. Traditionellerweise das Brautpaar. Also wir. Der Mann, der sich seiner Halbautomatik näher fühlte als seinen Emotionen, beruflich Mördern nachjagte und das Romantikgefühl einer erloschenen Kerze besaß. Und ich, die Frau, die nicht-beruflich und völlig illegalerweise Mördern nachjagte und das Schlagwort Romantik noch vor drei Tagen bei Google eingegeben hatte. Allerdings hatte das Internet mir nur Bilder von Caspar David Friedrich sowie Artikel mit dem Titel 10 Tipps für Sex mit mehr Leidenschaft ausgespuckt. Ersteres hatte ich bereits in der Schule durchgekaut und als langweilig befunden, Letzteres war keine der vielen Problemstellen in meinem Leben. Wirklich geholfen hatte es mir also nicht. Was schade war, denn ich hätte die Hilfe wirklich gebrauchen können. Ich las zwar gern Liebesromane, die unrealistische Erwartungen an Männer in mir weckten, aber noch kein Buch hatte bei mir realistische Erwartungen an eine Hochzeit geweckt. Ich war keine dieser Frauen, die, seit sie ein kleines Mädchen waren, von ihrer Hochzeit träumten und den besonderen Tag seit Jahrzehnten bis zu den eierschalenfarbenen Tischläufern planten. Nein, ich war die Art von Frau, die sich über das Wort eierschalenfarben aufregte, denn eine Eierschale kam in hunderttausend Farben, die Definition ließ also zu wünschen übrig. Überhaupt: Weiß war Weiß und wer brauchte Tischläufer? Die würde ich ohnehin nur bekleckern und somit den Zorn meiner Mutter auf mich ziehen.

Nein. Ich wusste nur, welchen Mann ich heiraten wollte, doch der ganze Rest? Keinen Schimmer. Deswegen hatte ich mir weibliche Unterstützung in Form von meiner besten Freundin Ariane suchen wollen. Leider musste sie jedoch arbeiten, weshalb ich gezwungenermaßen Trudi und meine Schwester Emily mitgenommen hatte, die zwar nicht immer sonderlich konstruktive Hilfe anboten, aber ein ehrwürdiger Ersatz waren.

„Lou, könntest du dich mal aus dem Wind stellen, du stinkst“, stellte meine Schwester fest.

Vielleicht auch nicht ganz so ehrwürdig.

„Entschuldige?“, erwiderte ich gereizt.

„Du müffelst“, meinte sie betont langsam und deutlich, als sei ich schwer von Begriff. „Seit ich schwanger bin, rieche ich unfassbar gut. Finn meint, ich bin ein richtiger Bluthund geworden – weil ich immer rieche, wenn er Blutwurst in seinen Taschen hat.“

Irritiert blinzelte ich sie an. „Warum hat Finn Blutwurst in seinen Taschen?“

„Sie waren im Angebot, Tragetüten aber nicht“, erklärte sie ungeduldig. „Der Punkt ist, ich kann krass gut riechen und du müffelst, also, Lou: würdest du dich bitte nicht in den Wind stellen? Oder zumindest den Wind in eine andere Richtung leiten? Damit er mich nicht im Gesicht trifft?“

„Du überschätzt meine Macht über die Luft“, entgegnete ich säuerlich. „Und ich stinke überhaupt nicht! Ich hab erst vor zwei Stunden geduscht.“

„Mhm.“ Emily rümpfte die Nase und trat so nah an mich heran, dass ein katholischer Pastor schockiert die Luft eingesogen hätte. „Ich glaube, das ist das Problem.“

„Das Problem ist, dass ich mich gewaschen habe?“

„Ja, du hast dein Shampoo gewechselt, oder?“ Stirnrunzelnd schnüffelte sie an meinen Haaren. „Ernsthaft, Lou? Hibiskusblüte? Du bist doch kein Hippie! Was war falsch an Grüner Apfel?“

Ungläubig weitete ich die Augen. „Ich … ich wollte mal was anderes probieren“, erwiderte ich perplex.

„Nun, es ist grässlich, also lass es.“

„Das kannst du riechen?“

„Ich hab doch gesagt, ich bin ein Bluthund!“
Ja, aber ich hatte ihr nicht geglaubt. „Wow, das ist beeindruckend“, gab ich zu. „Aber ich verschwende kein frisch gekauftes Shampoo. Damit musst du jetzt leben.“

Kopfschüttelnd und mit einer gehörigen Portion Verachtung sah Emily mich an. „Familie wird bei dir auch mit kleinem f geschrieben, oder? Erst lädst du mich auf ein Weingut ein, obwohl du weißt, dass ich nicht trinken darf, und jetzt willst du für deine einzige Schwester, die gerade Leben erschafft, dein Shampoo nicht wechseln?“

„Du wolltest unbedingt mitkommen“, erinnerte ich sie.

„Ja, weil Finn heute arbeiten muss. Aber es macht keinen Spaß, ein Weingut zu besuchen, wenn man nicht trinken kann.“

„Wir haben alle noch nichts getrunken.“

„Und wessen Schuld ist das?“, meinte Trudi spitz. „Ich wollte Champagner trinken.“
Nein, Trudi hatte eine Champagnerdusche nehmen wollen, während ich sie dabei filmte, wie sie sinnlich ihre stahlgrauen Locken schwenkte und sich in der Sonne räkelte. Für Manfred, ihren frischangetrauten Ehemann. Das war ein Unterschied.

Ich hatte schon eine Menge mitgemacht. Unter anderem hatte ich an einem illegalen Autorennen teilgenommen, war in einem Badezimmerfenster steckengeblieben und hatte mich für meine Nichten als Pu der Bär verkleidet. Aber selbst ich hatte meine Grenzen. Auch wenn sie dehnbar waren. Und trotzdem sahen meine beiden Begleiterinnen mich jetzt an, als hätte ich soeben ein Gesetz erlassen, das Spaß verbot.

Oh Mann. Ich hatte wirklich geglaubt, dass ich als baldige Braut eine Sonderbehandlung von ihnen bekommen würde. Doch dieses ungeschriebene Gesetz trat wohl nur am Hochzeitstag in Kraft. Wo zur Hölle war Josh? Ich brauchte Unterstützung bei meiner Unterstützung.

Wo steckst du?, schrieb ich ihm hastig.

Bin sofort da, kam die prompte Antwort. Ich verdrehte die Augen und tippte zurück: Schlag sofort mal im Lexikon nach! Und du sollst nicht tippen und fahren.

Dann hör auf, mich im Fünf-Minuten-Takt zu fragen, wo ich bin.

Dann sei du vor dem nächsten Fünf-Minuten-Takt hier.

Darauf antwortete er nicht mehr. Wahrscheinlich, weil er Polizist war und wirklich nicht am Steuer auf sein Handy sehen sollte. Oder weil er genervt von mir war.
Ersteres. Ganz sicher Ersteres!

Ich steckte das Handy weg und legte den Kopf in den Nacken. Die Maisonne schien in unsere Gesichter – oder in Trudis Fall auf einen monumentalen Sonnenhut mit breiter Krempe, der selbst den verrückten Hutmacher eingeschüchtert hätte – und einen Moment lang genoss ich einfach nur die Wärme und die Gewissheit, dass ich einen Mann hatte, der mich liebte und mich heiraten wollte. Obwohl Kekse mein Hauptnahrungsmittel waren. Obwohl wir uns manchmal nervten. Obwohl Streiten unsere Religion war.

Und dann wurde ich von einem großen quadratischen Beet direkt neben dem Schuppen abgelenkt.

„Uh, das ist ja cool. Sie haben ein Sukkulenten-Beet!“, sagte ich begeistert und lief hastig zu den grauen Steinen, die das Beet von der Einfahrt abtrennten. „Das müssen sie frisch gepflanzt haben, den Winter hätten die hier draußen nicht überlebt.“ Neugierig beugte ich mich vor und betrachtete die Reihen an kleinen Kakteen, die so angeordnet waren, dass sie ein stacheliges Herz ergaben. Sie erinnerten mich irgendwie an Josh.

„Oh Mann. Dein Kopf ist gefüllt mit Pflanzen, oder?“, bemerkte Emmi griesgrämig, schlenderte jedoch in meine Richtung.

„Deiner auch – mit Marihuana“, gab ich zurück.

„Ey, das stimmt gar nicht mehr! Seit ich schwanger bin, habe ich nicht einen einzigen Joint geraucht.“ Stolz reckte sie ihre Brust.

„Ich wollte ja schon immer mal einen rauchen“, verkündete Trudi, während sie meine andere Seite flankierte, und überraschte damit niemanden. Trudi strebte ein Leben „voller Gefahren und Abenteuer“ an (ihre eigenen Worte) und Drogen entweder zu kaufen oder – noch besser – sie zu dealen, stand noch auf ihrer „Dinge, die ich tun will, bevor ich achtzig werde“-Liste.

„Ich würde dir davon abraten.“ Selbst wenn Trudi stocknüchtern war, hielten die meisten Menschen sie ja schon für eine Halluzination.

„Ja, das ist nichts für dich. Dein Blutdruck würde wahrscheinlich abstürzen“, stimmte mir Emmi zu. „Der Kaktus da ist hübsch“, bemerkte sie dann und deutete auf den größten Kaktus in der Mitte des Herzens. Er warf Falten, ganz ähnlich wie Trudis Gesicht, sodass es aussah, als habe man ein paar stachelige grüne Chips gestapelt und dann aufgefächert.

„Oh, das ist ein Pachycereus marginatus cristata“, stellte ich überrascht fest. „Der ist sogar ziemlich selten. Ist ein Zaunkaktus. Kommt vor allem in Mexiko vor und ist außerdem der Kaktus des Jahres 2020.“

Emily schnaubte und verdrehte die Augen. „Du schläfst mit einem Pflanzenbuch unterm Kissen, oder?“

Nein, meistens lag es daneben, bis Josh es seufzend aus dem Bett warf. „Er ist faszinierend, okay?“, wehrte ich sofort ab. „Er …“ Doch die anderen beiden würden niemals erfahren, was so faszinierend am Pachycereus marginatus cristata war. Denn in diesem Augenblick erklang ein ohrenbetäubendes Reißen. Dachziegel flogen vom Schuppen auf das Beet … und dann folgte etwas sehr viel Größeres. Ein schwarz-weißer Schemen rutschte vom Dach, segelte durch die Luft und landete mit einem fiesen Platschen und Knirschen auf den hübschen, jetzt zerquetschten Kakteen.

Keuchend schlug ich die Hände vor den Mund, während Emmi japsend einen Satz nach hinten machte und Trudi ein hohes „Oh“ ausstieß. Dann gab keiner von uns einen Ton von sich. Wir waren zu sehr damit beschäftigt, das anzustarren, was gerade vom Himmel gefallen war.

Denn es war ein Mann. In schwarzer Hose und weißem Hemd. Und ich war mir ziemlich sicher, dass er nicht mehr lebte. Was einerseits daran lag, dass er in ein Meer aus Kakteen gefallen war und keinen Schmerzenslaut von sich gegeben hatte – andererseits daran, dass ihm ein riesiger Korkenzieher im blutüberströmten Hals steckte.

„Ach du scheiße“, rutschte es mir heraus, während mein eigenes Blut mir in den Ohren rauschte. Wo zur Hölle war der Kerl hergekommen?!

Meine Hände fingen an zu zittern, während mein Blick zum Dach des Schuppens glitt, dem einige Schindeln fehlten.

„Hm. Das hat der Wetterbericht aber nicht angesagt“, bemerkte Trudi langsam.

„Ja“, antwortete ich mit unnormal hoher Stimme. „Auf den ist einfach kein Verlass.“

Emmi stieß einen hysterischen Lacher aus, der mir aus der Seele sprach. Sie hatte die Hände in den Haaren vergraben und starrte mit offenem Mund den Toten an. „Verbrannte Scheibe, das riecht übel!“ Emily würgte mehrfach, bevor sie hastig an die dutzend Schritte zurückmachte.

„Verbrannte Scheibe?“, echote ich verwirrt.

Mir war klar, dass ich meine Lebensprioritäten noch einmal überdenken sollte. Denn toter Mann im Kaktusfeld kam definitiv vor den merkwürdigen Flüchen meiner Schwester, aber … verbrannte Scheibe? Emily hatte mehr anstößige Beleidigungen erfunden, als Johannes Gutenberg Bücher gedruckt. Also wiederholte ich: „Warum verbrannte Scheibe?“

„Lou, das Baby hat jetzt Ohren!“, erwiderte Emily ungläubig. „Wir müssen aufpassen, was wir sagen. Es soll erst im gehobenen Alter fluchen lernen. Mit sieben. So wie ich.“

„Die Leiche ist nicht echt, oder?“, schnitt Trudi ein. Die Einzige, die sich hier aufs Wesentliche zu konzentrieren schien.

Unglücklich sah ich sie an, die Lippen zusammengepresst. „Erfahrungsgemäß würde ich sagen: doch. Denn die meisten Leichen, die mir vor die Füße fallen, sind es leider.“
„Hm, da hast du auch wieder recht. Aber das Blut sieht nicht real aus. Das auf seinem Hemd, meine ich. Das an seinem Hals schon.“

Ich verengte die Augen und musste ihr recht geben. Viele Leute wären schreiend weggerannt, wäre ein toter Mann vor ihnen von einem Dach gefallen. Vor ein paar Jahren war ich auch noch viele Leute gewesen. Doch ein halbes Dutzend Tote später stand ich noch immer vor dem Kakteenbeet und beugte mich nun vorsichtig über den leblosen Körper. Dabei hielt ich den Atem an, denn Emilys Einschätzung von vorhin war ganz richtig: Die Leiche roch übel. Nicht nach Tod, sondern nach … Alkohol?

Stirnrunzelnd betrachtete ich das weiße Hemd des Toten, bevor ich zu seinem Hals und dann in sein Gesicht sah. Ich schätzte ihn auf Mitte vierzig. Er hatte eine Halbglatze und die Haare, die ihm noch nicht ausgefallen waren, hatten einen dunklen Braunton. Ja, sein Hals war übel zugerichtet, und auch wenn ich keine Expertin war, würde ich Korkenzieher in Halsschlagader als Todesursache bestimmen. Das Merkwürdige war nur, dass sein rotdurchtränkter Schulterbereich nicht zu der Farbe seines Blutes passte. Zusammen mit dem Alkoholgeruch bekam ich den Eindruck, dass sein Shirt nicht mit Blut, sondern mit Rotwein befleckt war. Überhaupt gab es erstaunlich wenig Blut. Die Wunde war sehr sauber. Nur ein paar verkrustete Striemen rannen den Hals hinab. Ein Mord mit einem so brutalen Gegenstand war normalerweise dreckiger. Gerade wenn die Halsschlagader involviert war.

Überrascht stellte ich fest, dass ich schon sehr viel schlimmere Leichen gesehen hatte! Die hier war geradezu harmlos. Ich wüsste nicht …

„Lou“, unterbrach Emily mit hoher, dünner Stimme meine Gedanken. „Sag mal … fehlen dem Kerl die Finger?“

„Was?“ Ich blinzelte hektisch, bevor mein Blick zu den Händen des Toten huschten.

Oh Gott. Meine Kehle zog sich enger. Ich nahm alles zurück. Denn Emmi hatte recht. Der Kerl hatte keine Finger mehr! Keinen einzigen. Und jetzt kam die Übelkeit doch. Ich wusste auch nicht, warum, aber abgetrennte Gliedmaßen trafen mich jedes Mal direkt in den Magen.

„Er wird nie wieder ein High Five geben können! Das ist mies vom Mörder“, entrüstete sich Trudi.

„Trudi, er ist tot!“, rief ich leicht hysterisch. „Er wird überhaupt gar nichts mehr tun können, außer dort zu liegen!“

„Na ja, klar, aber es erscheint mir schon unnötig brutal.“

Damit zumindest lag sie richtig. Die Hand auf die Lippen gepresst trat ich zurück und atmete gezielt durch die Nase ein und durch den Mund wieder aus. Einen Krankenwagen zu rufen, kam mir äußerst unnötig vor. Aber zumindest die Polizei wäre doch mal was. Mit zitternden Fingern zog ich mein Handy aus der Tasche, doch bevor ich die Nummer wählen konnte, hörte ich Schritte.

„Hey, ich bin da!“, wehte eine atemlose Stimme über unsere Schultern. Josh. „Sorry für die Verspätung, ich …“ Er brach ab. Ich hatte eine Vermutung, warum.

Einige endlose Sekunden lang herrschte absolute Stille, in der ich mich zu Josh umwandte und ihn hilflos ansah.

Schließlich seufzte er schwer und presste die Lippen zusammen. „Du konntest einfach nicht auf mich warten, oder?“, murmelte er angespannt. „Du musstest allein mit der Kraft deiner Gedanken eine Leiche heraufbeschwören, um der Langeweile zu entkommen.“

Ich lächelte gequält. „Nun, wir haben wohl wortwörtlich die Zeit totgeschlagen … Heißt das jetzt, wir werden das Weingut nicht besichtigen?“

Weiterlesen?*


*Die mit * gekennzeichneten Links sind sogenannte Affiliate Links. Kommt über einen solchen Link ein Einkauf zustande, werde ich mit einer Provision beteiligt. Für dich entstehen dabei keine Mehrkosten. Wo, wann und wie du ein Produkt kaufst, bleibt natürlich dir überlassen.