Hazel & Gareth – Leseprobe

Love and Hockey 4: Hazel & Gareth

Kapitel 1

Sozialverhaltens-Kodex für hassfreie interkollegiale Teamarbeit

Kurz: SHIT

Paragraph 1:

Am Telefon muss Professionalität gewahrt werden – und Mr Clark darf nicht mit Mr Quark angesprochen werden.

Gareth Clark war es gewohnt, dass Leute ihn nicht mochten. Er zielte nie darauf ab, unsympathisch zu sein – aber sonderlich Mühe, Menschen vom Gegenteil zu überzeugen, gab er sich auch nicht.

Dafür besaß er zu viel Geld. Einen zu kurzen Geduldsfaden. Er war zu attraktiv und hatte zu wenig Mitgefühl. Außerdem sah er nicht ein zu lächeln, wenn er sich nicht danach fühlte. Oder seine Meinung zurückzuhalten, um Gefühle zu schonen. Sein Ehrgeiz, seine Kontrollsucht und sein Jurastudium in Harvard hatten ihn zu rational, arrogant, selbstgefällig, schonungslos, unterkühlt und hart gemacht.

Wenn man lang genug suchte, spuckte Google noch eine weitere Liste unschmeichelhafter Adjektive aus, das eine blumige als das andere. Doch Gareth suchte nicht und schon gar nicht lang. Denn es war ihm schlichtweg scheißegal, was die Leute von ihm dachten.

Aber um manche Einschätzungen seines Charakters kam er dann doch nicht herum.

»… ich erzähle es euch! Es gibt drei Arten von Arschlöchern. Erstens: Die herzlose, eiskalt kalkulierende Version, die niemals die Kontrolle verliert. Sie ist nach außen hin freundlich und höflich, kann aber gezielt den Schalter auf Mistkerl umlegen, um zu bekommen, was sie will. Zweitens: Die herrschsüchtige, laute Variante, der die Meinung der Welt und die Welt selbst einen Dreck bedeuten. Die einfach nur ein Arschloch ist, weil es ihr Spaß macht. Drittens: Gareth Clark. Der beide in sich vereint.«

Leise lachend lehnte Gareth sich in seinem Bürostuhl zurück und öffnete das zusammengefaltete Papier, um das Interview zu Ende zu lesen. Es hatte mit der Notiz: Spannende Lektüre! Dachte, sie unterhält dich auf seinem Schreibtisch gelegen. Vermutlich ein Geschenk seiner Schwester, die ihm schon mal bessere Gutenachtgeschichten erzählt hatte – aber bei Weitem nicht so witzige.

»Ich schwöre es, der Besitzer der L.A. Hawks hat keine Liebe für nichts außer sein Geld übrig! Er hat mich nicht wegen meiner Fähigkeiten auf dem Eis verkauft. Er war nur angepisst, weil ich ihm gesagt habe, dass seine Krawatte hässlich ist! Das Ganze ist eine persönliche Vendetta und in der Hölle ist ein Zimmer mit seinem Namen an der Tür frei.«

Gareth schnaubte amüsiert und ließ das Blatt sinken. Er hatte kein Problem mit dem Arschloch-Gefasel. Da war wenigstens noch ein Fünkchen Wahrheit dran. Aber Malcolm Smith sollte wirklich keine dreisten Lügen erzählen, nur weil der Flügelstürmer sauer war, dass Gareth ihn ausgetauscht hatte. Klar, er wäre auch angepisst, wenn er statt der kalifornischen Sonne jetzt den kanadischen Frost erdulden müsste, aber das war kein Grund, es gleich persönlich zu nehmen.

Keine von Smiths fünf Aussagen entsprach der Wahrheit. Erstens: Gareth war nur Teilbesitzer, da er die Eishockeymannschaft zusammen mit seiner Schwester führte. Zweitens: Er suchte sich seine Krawatten nicht selbst aus. Er zog an, was seine persönliche Einkäuferin in seinen Schrank hängte. Warum sollte er sich an einem Kommentar über seine modischen Unzulänglichkeiten stören, wenn er sein Stilgefühl wortwörtlich kaufte, weil er eingesehen hatte, dass er kein eigenes besaß? Drittens: In der Hölle wartete eine verdammte Suite auf ihn, kein mickriges Zimmer. Viertens: Er liebte mehr Dinge als sein Geld. Viele sogar. Na gut, ein paar. Übersichtliche, farbcodierte Terminkalender und Excel-Tabellen zum Beispiel. Seine Schwester Penny. Sehr harte Matratzen. Frootloops. Seine besten Freunde und seine Patentochter. Eishockey. Milky Way. Sudokus. Fünftens: Gareth führte keine persönlichen Vendetten. Er hatte Smith verkauft, weil er die letzte Saison über kaum auf dem Eis gestanden, eine beschissene Arbeitseinstellung – und Probleme mit einer Frau als Chefin gehabt hatte. Dass er den Kerl wirklich nicht ausstehen konnte, war nur ein glücklicher Zufall gewesen. Gareth traf keine geschäftlichen Entscheidungen allein aus einem Groll heraus. Er blieb sachlich und rational, wenn es um die Mannschaft ging. Na ja, mit einer einzigen Ausnahme. Aber Ausnahmen bestätigten die Regel. 

Sein Blick rutschte zur letzten Zeile auf der Seite, um das Interview zu beenden – er machte keine halben Sachen, er musste Dinge abschließen, wenn er sie angefangen hatte –, und sein Kiefer verhärtete sich.

Hazel Barrow, CEO von Barrow Sports Agency, wollte sich nicht zu dem Verkauf oder dem Statement ihres Klienten äußern.

Er hatte fast vergessen, dass Smith bei Hazel unter Vertrag stand. Aber Shit, es wunderte ihn nicht. Vielleicht hatte sie ihm die Worte sogar in den Mund gelegt.

Er rieb sich übers Gesicht und verdrängte das süßlich-scharfe Gefühl in seiner Brust. Das überfiel ihn jedes Mal, wenn er Hazels Namen las, hörte oder aussprach. Vermutlich nur Sodbrennen. Er konzentrierte sich lieber wieder auf Smiths Worte, die ihn ernsthaft zum Lachen brachten. Der Kerl hatte der Presse gesteckt, dass ein Krawatten-Kommentar sein Aus bei den Hawks bedeutet hatte, und niemand hatte es angezweifelt?

»Ist alles okay? Geht es Ihnen gut?«

Gareth blickte auf und sah Freddie Cravitz in der offenen Bürotür stehen. Hm. Vielleicht lachte er zu wenig, wenn sein Assistent schon an seiner Gesundheit zweifelte, sobald seine Mundwinkel zu lang nach oben zeigten.

Ach, es gab Schlimmeres.

»Ja, alles bestens«, murmelte er. »Was machen Sie noch hier, Cravitz?«

»Ich gehe immer erst, wenn Sie weg sind, Sir«, erwiderte der Rothaarige peinlich berührt. »Falls Sie noch was brauchen.«

Oh Mann. Der Kerl konnte nicht viel Schlaf bekommen. Vielleicht war es Zeit für eine Gehaltserhöhung. Cravitz war eigentlich der Assistent des General Managers gewesen, doch nachdem Gareth drei Assistenten innerhalb einer Woche abgesprungen waren – allesamt mit der albernen Begründung, dass seine Ansprüche zu hoch seien, die Arbeitszeiten unzumutbar und Gareth im Allgemeinen unerträglich –, hatte Thomas Lyle die Geduld verloren und ihm Freddie gegeben. Weil er nicht so leicht zu vergraulen wäre.

»Das ist nicht nötig«, sagte Gareth und strich den Artikel abwesend mit den Fingern glatt. »Wirklich, Cravitz: Gehen Sie nach Hause.«

»Nein, nein!« Er winkte ab. »Wir müssen ohnehin noch die Termine für die nächsten Tage besprechen und …« Er stockte, als sein Blick auf den Zettel in Gareths Händen fiel. »Oje. Den Artikel sollten Sie wirklich nicht lesen … da stehen unschöne Dinge über Sie drin!«

Gareth schnaubte belustigt und verschränkte die Hände im Nacken. »Freddie, wenn ich nur Dinge lesen würde, in denen Gutes über mich steht, wüsste ich in zwei Jahren nicht mehr, wie Buchstaben aussehen.«

Der Kopf seines Assistenten schaffte es schneller auf Rot als eine Ampel auf dem Sunset Boulevard. »Smith war nur wütend, dass er rausgeworfen wurde. Er hätte Sie nicht als Arschloch bezeichnen sollen.«

»Also denken Sie nicht, dass ich ein Arschloch bin?«

Interessiert hob er die Augenbrauen. Denn abgesehen von seiner Schwester Penny, die einfach ein zu gutes Herz hatte, waren sich in dem Punkt immer alle einig. Was Gareth nicht im Geringsten störte. Er persönlich sah es als etwas Gutes an. Zumindest erleichterte ihm sein Ruf den Job enorm.

»Ich … also, ich … nein«, stammelte Freddie, trat hastig ins Büro und setzte sich auf den Stuhl vorm Schreibtisch. »Ich glaube, die Leute würden es ausnutzen, wenn Sie zu freundlich wären.«

Mhm. Gareth neigte den Kopf. Eine überraschend weitsichtige Tatsache. Auch wenn er sie nicht weiter kommentieren würde. Das wäre zu freundlich. »In Ordnung. Sie wollten die Termine für die nächsten Tage durchgehen?«

Cravitz nickte geschäftig und zog ein iPad aus seiner Aktentasche. »Morgen ist die Hochzeit von Madison James und Flügelstürmer Matthew Payne. Sie sollten mindestens zwei Stunden bei der Feier bleiben, um nicht unhöflich zu sein. Am Sonntag haben Sie wie immer frei.«

Ja, und wie immer würde er trotzdem arbeiten.

»Montag um acht Uhr findet die Pressekonferenz bezüglich der diesjährigen Kaderneuheiten statt, um neun haben Sie einen Termin mit Ihrem Vater, er hat allerdings keinen Grund genannt.«

Oh, sein Vater würde jede seiner Geschäftsentscheidungen kritisieren. Das musste Gareth nicht in seinem Kalender stehen haben, um es zu wissen.

»Um zehn Uhr dreißig war das Treffen mit Leon Alvarez’ Agenten angesetzt, der jedoch gefragt hat, ob wir das Meeting eine halbe Stunde nach hinten verschieben …«

Gareth hob eine Augenbraue.

Freddie räusperte sich und machte eine Notiz am iPad. »Ich sag ihm, dass das unmöglich ist«, korrigierte er sich hastig. »Sie haben um zwölf ein Lunchmeeting mit dem Marketingteam, um zwei Uhr möchte Ihre Schwester gern über neue Investitionsmöglichkeiten in verschiedene Charity-Organisationen sprechen …«

Gareth nickte, hörte mit einem Ohr zu und tippte parallel eine Nachricht in den Gruppenchat mit seinen zwei besten Freunden, die er nach dem Harvardstudium einfach nicht losgeworden war.

Haben wir ein Hochzeitsgeschenk für Matt und Maddie?

Er erinnerte sich nämlich nicht daran, eins in Auftrag gegeben, geschweige denn selbst besorgt zu haben.

»Außerdem hätte Coach Gray gern einen Termin, um über die Snackautomaten im neuen Team-Gemeinschaftsraum zu reden«, fuhr Freddie fort.

Blinzelnd sah Gareth auf. »Was ist damit?«

»Einige Spieler haben sich beschwert, dass es kein Snickers mehr gäbe. Es ist durch Milky Way ersetzt worden.«

»Und das ist mein Problem, weil …?«

»Ihre Schwester meint, sie würde sich nicht um Snackautomaten kümmern. Die statistische Wahrscheinlichkeit, von einem erschlagen zu werden, sei unwahrscheinlich groß. Sie behauptet außerdem, die Milky-Way-Sache sei ohnehin Ihre Schuld?«

Er zog eine Grimasse. Das war korrekt. Trotzdem hatte er keine Zeit für so einen Mist. »Milky Way ist objektiv besser als Snickers«, erklärte er sachlich. »Die Erstickungsgefahr ist geringer. Schreiben Sie das in eine Rundmail und dann hat sich die Sache.«

»Ähm, ich glaube nicht, dass die Spieler …«

»Freddie, war es das?«, unterbrach er ihn ungeduldig und gestikulierte zu seinem Bildschirm. »Ich hab noch zu tun.«

»Nein, es gibt noch eine letzte Sache.« Er räusperte sich und rutschte auf seinem Stuhl herum. Gareth wunderte es nicht. Der Sitz war absichtlich ungemütlich, damit Gäste nicht gern länger blieben als unbedingt nötig. »Lyle möchte wissen, ob Fox’ Vertrag endlich verlängert wurde. Er kann weder dem Coach noch dem Marketingteam genaue Anweisungen geben, ohne zu wissen, ob der Mannschaftskapitän uns erhalten bleibt oder nicht.«

Gareth stieß einen Schwall Luft aus, während Unruhe sich tief in seine Knochen setzte. Er hatte gehofft, das Fox-Problem noch eine Weile ignorieren zu können. Weil es eng mit einem gänzlich anderen, sehr viel schlimmeren Problem zusammenhing, das mit H anfing und mit azel aufhörte. Das er seit fast einem Jahrzehnt versuchte zu vergessen. »Der Vertrag wird verlängert. Ich verhandele gerade noch über die Konditionen.«

Eine leichte Röte kroch Cravitz’ Hals hinauf, bevor er kaum hörbar flüsterte: »Lyle meinte, dass Sie das sagen würden und ich Ihnen ausrichten soll, dass Sie … mit einem Körperteil von ihm in einem Körperteil von Ihnen rechnen müssen, sollte das innerhalb der nächsten zwei Wochen nicht geregelt sein.«

Fuck. »Ich werdees regeln.«

»Er will, dass Sie heute noch bei … bei ihranrufen, um einen Termin für die finale Verhandlung auszumachen.«

Klasse. Genau das, was sein zu hoher Blutdruck heute noch brauchte. Wenigstens hatte Cravitz gelernt, dass es besser war, ihren Namen nicht zu benutzen.

Gareth schob seinen Unterkiefer hin und her und schielte auf seine Handyuhr. Kurz nach zehn. Scheiße. Das bedeutete, dass Hazel noch im Büro war. Sie nutzte den Freitag gern, um alle liegengebliebene Arbeit der Woche aufzuholen. Weil das Wochenende kein Wochenende für sie war, wenn noch zu viel auf ihrer To-do-Liste stand. Und er hasste es, dass er das wusste. Er hasste es, dass er sie praktisch an ihrem Schreibtisch sitzen sah, die Brille auf der Nase, mit der sie um kurz nach acht ihre Kontaktlinsen ersetzt hatte, die um diese Zeit immer anfingen zu brennen …

»Schön«, sagte er knapp und rieb sich den plötzlich sehr steifen Nacken. »Schön, schön. Ich ruf sie gleich noch an. Sagen Sie das Lyle.«

»Lyle ist schon zu Hause und … ehrlich gesagt war ich überrascht, Sie heute hier zu sehen. Waren Sie nicht um zehn mit Ihrer Freundin zum sehr späten Essen verabredet?«

Gareths Herz übersprang einen Schlag. Oh, Shit. Oh, nein, nein, nein … Er hatte es vergessen. Gott, er war ein Mistkerl! Vielleicht hatte Smith doch recht in seinem Artikel.

Er zog sein Handy heran. »Freddie, gehen Sie nach Hause. Ich regle alles.«

»Gut. Lyle möchte Montag genaue Infos zu Fox, also …«

»Raus«, sagte er schroff und deutete zur Tür. Das ließ sich Freddie nicht zweimal sagen. Innerhalb von Sekunden war Gareth allein, das Handy an seinem Ohr.

»Hey.« Lacey hob mit sanfter Stimme nach dem zweiten Klingeln ab.

»Hi, Lacey, es tut mir leid, ich bin noch auf der Arbeit, ich hab die Zeit vergessen«, gestand er seufzend und fuhr sich mit der Hand durch die raspelkurzen Haare.

»Oh, kein Problem. Das dachte ich mir schon! Ich weiß doch, dass es vor Saisonstart immer stressig für dich ist.«

Vor Saisonstart, während der Saison, nach Saisonschluss …

»Es tut mir trotzdem leid.«

»Ich weiß. Mach dir keine Gedanken darüber.«

»Danke. Ich muss jetzt noch einen letzten Anruf tätigen, dann könnte ich mich auf den Weg machen, aber …« Er zögerte.

»Es ist schon sehr spät, Gareth. Ich bin nicht so die Nachteule wie du und mein Flieger geht morgen früh. Lass es uns doch einfach auf nächste Woche Freitag verschieben. Da bin ich wieder da. Wirklich, das ist kein Problem. Dann kannst du dich heute noch ein wenig ausruhen.«

Erleichtert seufzte er. »In Ordnung. Das klingt gut.« Sie tauschten noch zwei Minuten Smalltalk aus und legten schließlich auf.

Ohne dass Gareth ein schlechtes Gewissen hatte. Ohne dass irgendwer wütend geworden war.

Und das war der Grund, warum sie die perfekte Frau war und sie in der perfekten Beziehung steckten! Sie waren seit einem halben Jahr zusammen und es war immer noch alles … leicht. Sie stritten nicht. Sie gaben sich ihren Freiraum. Sie erwarteten nicht zu viel voneinander. Sie verbrachten gern Zeit miteinander, aber wenn etwas dazwischenkam, drehte niemand dem anderen einen Strick daraus. Lacey war freundlich, klug, elegant, gebildet, erfolgreiche Opernsängerin, wunderschön und viel unterwegs. Was bedeutete, dass sie seinen vollen Terminkalender nicht verurteilte. Lacey brauchte keine Gefühlsbekundungen. Keine ständige Aufmerksamkeit. Alles an ihr war nett und einfach.

Gott, er wünschte, alle Menschen wären so umgänglich wie sie.

Sein Handy vibrierte und er sah aufs Display.

Natürlich haben wir ein Hochzeitsgeschenk, du Pfosten, trudelte die liebliche Antwort von Connor ein. Ich wollte einen Gutschein für eine kostenlose Scheidung schenken. Aber Cian meint, das wäre zu makaber. Obwohl sie wirklich keine besseren Scheidungsanwälte als uns kriegen könnten.

Prompt kam Cians schlichter Kommentar: Ihr seid zwei miserable romantische Analphabeten. Ich hab das Geschenk besorgt, werde mir aber nicht die Mühe machen, euch zu beschreiben, was es ist. Es interessiert euch sowieso nicht.

Der Kerl kannte sie gut.

Danke, tippte Gareth zurück, bevor er Daumen und Zeigefinger auf seine Augen presste und tief durchatmete, um sich mental auf das nächste Telefonat vorzubereiten.

Aber keine Meditationsapp und keine Zeit der Welt würden helfen, also wählte er einfach die Nummer, während er innerlich sein Mantra wiederholte: Ich werde ruhig bleiben. Ich werde professionell bleiben. Ich werde freundlich bleiben. Ich werde mich nicht provozieren lassen. Ich werde all die Kontrolle und kühle Distanz bewahren, die mich laut der Presse so unsympathisch macht, also …

»Barrow Sports Agency, Amber Thorne, was kann ich für Sie tun?«, meldete sich Hazels Assistentin nach einer halben Ewigkeit. Als hätte sie gehofft, dass er wieder auflegte.

Gareth verengte die Augen und seine Schultern spannten sich an. Es war jedes Mal dasselbe. »Ms Thorne«, sagte er ruhig. »Hier ist Gareth Clark. Ich möchte mit Ms Barrow sprechen.«

»Sagten sie Quark? Ich kenne keinen Mr Quark.«

Er biss die Zähne aufeinander. Amber fand ihn scheiße, das war ihm schon klar. Vermutlich, weil Hazel ihr erzählt hatte, warum sie ihn scheiße fand. »Amber, es ist verdammt spät. Gib sie mir einfach«, sagte er schroff.

Einige Sekunden lang herrschte Stille auf der anderen Seite, dann: »Hazel ist schon nach Hause gegangen.«

»Ist sie nicht.«

»Doch, schon vor zwei Stunden.«

»Nein. Ist sie nicht«, wiederholte er steinern.

»Mr Quark, ich weiß nicht, was Sie von mir hören wollen, aber sie ist nicht hier!«

Vielleicht hätte er ihr geglaubt. Vielleicht wäre er nicht wütend geworden, sondern professionell und kontrolliert geblieben, so wie geplant. Doch er hörte ein leises Lachen im Hintergrund … und er hätte Hazels Lachen unter Tausenden und mit einem Tinnitus im Ohr wiedererkannt.

»Sie sitzt direkt neben dir, oder?«, flüsterte er gefährlich leise.

»Äh … nein?«

»Amber, verdammte Scheiße«, fuhr er sie an. »Gib sie mir!«

»Mhm. Hazel meint, ich soll auflegen, wenn Sie anfangen zu schreien.«

»Ich schreie nicht«, knurrte er. »Ich bringe meine Gefühle nur lautstark zum Ausdruck.«

»Oh, komm schon. Welche Gefühle?«, kam es genervt aus dem Off, bevor es raschelte und er im nächsten Moment von einem schweren Seufzen begrüßt wurde. »Was zur Hölle willst du, Gareth? Es ist nach zehn. Meine Arbeitszeit ist vorbei.«

Seine Nackenhaare richteten sich auf und schon hing seine Kontrolle nur an einem seidenen Faden. »Und trotzdem bist du noch im Büro«, sagte er abgehackt.

»Du auch!«

»Ja, aber ich behaupte nicht, dass meine Arbeitszeit vorbei ist und lass meine Assistentin für mich lügen.«

»Das liegt nur daran, dass Freddie körperlich nicht dazu in der Lage ist, eine Unwahrheit von sich zu geben. Sonst würdest du ihn dauernd dazu zwingen, mir zu erzählen, dass du gerade nicht erreichbar bist. Weil du einen Salsa-Tanzkurs belegst oder was auch immer.«

Sie hatte vollkommen recht. »Das ist Schwachsinn. Und es ist Breakdance, kein Salsa«, erwiderte er trocken.

»Oh, die Vorstellung, dich auf dem Boden herumkriechen zu sehen, erwärmt mir das Herz. Danke dafür. Und warum hast du mir immer noch nicht gesagt, was du willst?«

Er kreiste seine Schultern und kniff die Augen zusammen, damit seine Stimme ruhig und gelassen blieb. Aber Gott, diese Frau … »Fox’ Vertrag.«

»Ah, Lyle wird ungeduldig. Das trifft sich gut, ich nämlich auch.«

Seine Zähne schabten übereinander. »Fox möchte bleiben, Hazel. Das wissen wir beide.«

»Ja, aber es gibt dir nicht das Recht, ihm drei Millionen weniger anzubieten, als er wert ist.«

»Oh, aber ich bin mit einem Silberlöffel im Mund und dem Recht geboren, mir alles zu nehmen, was ich will. Weil ich ein reicher Bastard bin. Ist es nicht das, was du mir gesagt hast?«

Sie lachte trocken. »Wenn deine Manieren nur halb so gut wären wie dein Gedächtnis, Gareth, dann hätten wir beide vielleicht überhaupt kein Problem.«

»Oh, bitte. Als wären meine Manieren je unser Problem gewesen!«, sagte er verächtlich. »Weißt du, es gab eine Zeit, da hast du es gemocht, wenn ich mir genommen habe, was ich wollte.«

Einen Herzschlag lang herrschte absolute Stille auf der anderen Seite. Dann murmelte Hazel süßlich: »Nun, zu der Zeit hast du mir auch gegeben, was ich wollte. Aber wir sind nicht mehr auf dem College, Mr Quark. Ihr wollt Fox genauso dringend behalten, wie er bleiben will. Du hast meinen Vertragsentwurf vorliegen, Gareth. Ich wüsste nicht, was es noch zu besprechen gibt.«

»Ich habe einen unzumutbaren Vertragsentwurf vorliegen, den niemand unterschreiben wird. Und der außerdem mehrere Rechtschreibfehler beinhaltet. Als wäre er von einem Grundschulkind verfasst worden.«

»Na, ich dachte, ich bleibe auf deiner intellektuellen Ebene. Du bist schließlich nur Zweitbester deines Jahrgangs in Harvard gewesen. Nach mir, wenn ich mich recht erinnere, also …«

»Hazel«, blaffte er. »Hör auf, es persönlich zu machen.«

»Ich bin überrascht, dass du das Wort persönlich kennst. Und ich würde gern professionell sein, aber das kann ich nicht, wenn du meine Assistentin anschreist.«

»Ich müsste sie nicht anschreien, wenn du mich nicht jedes Mal der Qual aussetzen würdest, mich erst von ihr durchstellen zu lassen.«

»Ich hab nur Qual gehört und das hat mich spontan glücklich gemacht und mich in der Meinung bestärkt, dass ich alles richtig mache«, erklärte sie sachlich.

»Oh ja, du bist unfehlbar.«

»Ich gebe mir wenigstens Mühe, zumindest noch zu Anfang unserer Gespräche professionell zu sein.«

»So professionell, dass du deinen Klienten Malcolm Smith anweist, mich öffentlich als Arschloch zu bezeichnen?«

Die Stille, die sich diesmal auf der anderen Seite der Leitung ausbreitete, war nicht still. Sie brodelte gefährlich laut in seinen Ohren.

»Ich hab nichts mit dem zu tun, was er bei diesem verdammten Interview gesagt hat, Gareth«, sagte Hazel scharf.

Na, wenigstens hörte sie sich jetzt so wütend an, wie er sich fühlte. »Ja, das glaube ich dir natürlich.«

»Mir ist egal, ob du es glaubst. Es ist die Wahrheit.«

»Wenn es dir egal ist, warum bist du es dann plötzlich, die schreit?«, fragte er interessiert. »Und wenn es falsch von ihm war, warum hast du dann als seine Agentin keinen Kommentar abgegeben?«

»Fick dich, Gareth«, erwiderte sie kühl und jeder Humor war aus ihrer Stimme verschwunden. »Ich hab Smith gekündigt. Er ist nicht länger mein verdammter Klient. Deswegen habe ich mich nicht zu seinen Aussagen geäußert. Ich hab eine Klausel im Vertrag, die es mir erlaubt, Arschlöcher rauszuwerfen. Und sobald ich gehört habe, als was er Penny bezeichnet hat, war er weg vom Fenster. Es war dein gutes Recht ihn zu verkaufen, mir könnte der Grund egaler nicht sein – aber es ist nicht dein verdammtes Recht, mir vorzuwerfen, dass ich absichtlich schlechte Presse fabriziere, nur um dir eins auszuwischen. Das hab ich überhaupt nicht nötig, es ist lächerlich einfach, dich aufzuregen. Egal, was die Presse über deine so beeindruckende Kontrolle berichtet. Aber danke, dass du mir diese Ebene von Scheiße zutraust. Wie schön.«

Im nächsten Moment legte sie auf. 

Fuck. Gareth zerknüllte das Interview in seiner Hand und warf das Handy mit einem dumpfen Ton zurück auf den Schreibtisch.

Wie konnte er schon wieder das Arschloch sein, obwohl sie doch in Fox’ Vertrag eine Süßigkeiten-Klausel inkludiert hatte, die eine Packung Gummibärchen pro erzieltem Tor verlangte?

Gott, jedes Mal, wenn er mit ihr sprach, sie sah, sie hörte, sie roch … jedes Mal hatte er das Gefühl, zu verlieren. Vielleicht auch etwas zu verlieren. Größtenteils seinen Verstand.

Hazel war schon immer die einzige Person auf der ganzen Welt gewesen, die dazu in der Lage war, ihm diesen zu rauben. Doch früher hatte er es wenigstens genießen können.

Weiterlesen?*

*Die mit * gekennzeichneten Links sind sogenannte Affiliate Links. Kommt über einen solchen Link ein Einkauf zustande, werde ich mit einer Provision beteiligt. Für dich entstehen dabei keine Mehrkosten. Wo, wann und wie du ein Produkt kaufst, bleibt natürlich dir überlassen.