Where Colors Die – Leseprobe

Kingdoms of Pentharos 1: Where Colors Die

Prolog

Yara

Der beste Ehemann ist ein toter, wiederholte ich in meinem Kopf und lief stur weiter den steinernen Gang hinab, auf meinen Zukünftigen zu.

Der weiße Tüll raschelte, während das rote Band um meine Taille mir die Luft abschnürte. Das Unterkleid lag so eng an meinen Beinen an, dass ich meine Füße kaum voreinander setzen konnte. Als hätten meine Eltern die Schneiderin angewiesen, mir das Rennen unmöglich zu machen. Vielleicht ahnten sie, dass ich eine Flucht in Erwägung zog.

Dafür blieb allerdings keine Zeit mehr. Denn der Mann, der vor dem Altar auf mich wartete, sah auf und fixierte mich – und sein Blick ließ mich nicht mehr los. Der Fremde lächelte nicht. Er zeigte keinerlei Anzeichen von Freude oder Zuneigung. Doch vielleicht verlangte ich damit von einem Sturmherrscher, den ich erst seit wenigen Stunden kannte und der für seinen Jähzorn und seine unbeugsame Macht bekannt war, auch zu viel.

Ach ja, die Hochzeit war wahrhaftig der glücklichste Tag seines Lebens!

Die schwarzen Haare meines Bräutigams fielen ihm in die hellgrauen Augen, die sich mit jedem meiner Schritte eine Nuance weiter verdunkelten, und seine Kleidung spiegelte meine Stimmung wider. Eine schwarze Hose, die weit an seinen langen Beinen hinabfiel. Ein schwarzes Hemd, das sich eng an seine berüchtigten breiten Schultern anschmiegte, über die Barden bereits Lieder verfasst hatten. Dabei waren Muskeln, die der Tod gestählt hatte, es nicht wert, besungen zu werden. Selbst seine Krone war schwarz. Sie bestand aus düsterem Obsidian, nur die Zacken schimmerten golden und spalteten das Schmuckstück mit haarfeinen Blitzen, die sich in das darunterliegende Metall fraßen. Wie ein Nachthimmel bei Gewitter. Als wolle er die Welt daran erinnern, worüber er herrschte.

Mein eigenes Diadem hatten sie mir abgenommen. Heute wurde ich zwar die Frau von Jareth Katarga – aber nicht seine Königin. Noch nicht. Ich konnte nur vor einem seiner Priester in seinem Land gekrönt werden. Dieses hieß ebenfalls Katarga. Der Mann hatte wohl zwangsläufig arrogant werden müssen, wenn schon ein ganzes Land nach ihm benannt war.

Ich reckte das Kinn und erwiderte ungerührt seinen Blick. Schritt die Reihen an Gästen entlang, deren Gesichter eher zu einer Trauerfeier statt einer Hochzeit passten, und ignorierte meinen nervösen Ziehvater und meine weinende Mutter in der ersten Reihe. Sie hatten diese Entscheidung für mich gefällt, ich war es, die Ja sagen musste. Sie durften keine Emotionen zur Schau tragen, solange ich es nicht tat.

Ich erreichte den Altar. Die Musik verstummte. Die Menge auf den Holzbänken um uns herum tuschelte. Und mein Verlobter verneigte sich kaum merklich vor mir.

»Freut mich, dich wiederzusehen, Prinzessin«, sagte er dunkel. Seine Stimme nichts als ein Kratzen über meinen Nacken, das sämtliche Härchen dort aufrichtete.

Ich sank in einen Knicks. Tief, mit geradem Rücken. Wie ich seit dreiundzwanzig Jahren lernte, einen König zu begrüßen. Ich würde für mein Volk die Traditionen und das Bild aufrechterhalten. Sie stahlen mir meine Heimat, meine Willensfreiheit, mein Glück. Doch niemand konnte mir meine Worte nehmen.

»Meine letzten beiden Ehemänner sind tot. Vielleicht solltest du dich etwas weniger freuen, Hoheit«, erwiderte ich kühl.

Ich erhob mich und schaute zurück in sein Gesicht. Ich hatte gehofft, ihn zu schockieren, doch er zog nur eine dunkle Augenbraue hoch.

»Meine Geliebten behaupten, ich würde sie sehr viel glücklicher als ihre Ehemänner machen. Vielleicht solltest du dich also mehr freuen.«

Hitze stieg in meine Wangen, doch ich erlaubte es mir nicht, wegzusehen. »Den Worten der Menschen, die du bezahlst, solltest du wirklich keinen Glauben schenken.«

Einen Augenblick lang, einen Wimpernschlag, meinte ich, ein Lächeln über sein Gesicht huschen zu sehen. Doch dann flüsterte er rau: »Ich zahle täglich für meine Entscheidungen, meine Vergangenheit und meinen teuren Geschmack – aber ich habe noch nie auch nur eine Münze im Schlafzimmer gelassen.«

»Du brauchst mich nicht an deinen Reichtum zu erinnern. Er ist zweifelsohne einer der Gründe, aus denen ich jetzt hier stehen muss.«

»Redest du bei jeder deiner zahlreichen Hochzeiten so viel? Oder bin ich was Besonderes?«

»Ich glaube, das haben dir bereits zu viele Menschen versichert. Ich will dich nicht mit weiteren Lügen langweilen.«

»Und da erzählte man mir, mit einer Ehefrau würde mein Ego jeden Tag gestreichelt werden.«

»Ich werde überhaupt nichts von dir streicheln, Hoheit.«

»Meintest du nicht, du warst schon zweimal verheiratet?«, fragte er interessiert, und seine Augen blitzten auf. »Dann solltest du mit den Pflichten einer Ehefrau vertraut sein.«

Die Hitze in meinen Wangen brannte, doch ich schürzte nur die Lippen. »Meine Pflicht gilt allein meinem Volk und umfasst ein Ja, ich will. Nicht mehr und nicht weniger.«

»Mhm«, meinte er ausdruckslos. »Mit den Worten Ja und Ich will kann ich mich anfreunden. Du kannst sie in unserer Hochzeitsnacht so oft du magst wiederholen. Und wenn ich eine Empfehlung aussprechen darf: Bitte und Mehr sind meiner persönlichen Erfahrung nach ebenfalls Klassiker.«

Mein Herz flatterte nervös auf, und ich öffnete den trockenen Mund … doch der Priester trat an uns heran und begann zu sprechen. Vielleicht war es besser so. Ich wollte nicht an meine Hochzeitsnacht denken. Nicht an die Kutsche vor der Kapelle. Nicht an das fremde Leben, das mich erwartete. Nicht an die Ketten, die mir auferlegt wurden.

Ich wandte mich dem Priester in buntem Gewand zu, der eine Reihe von Floskeln über eine in allen Farben schillernde Zukunft herunterleierte, so wie es bei der traditionellen Hochzeitszeremonie der Regenbogenfae üblich war. Doch ich spürte den Blick meines Verlobten noch immer auf mir. Ich war mir bewusst, dass er auf mich herabschauen musste, weil mein Kopf kaum bis zu seinen Schultern reichte. Dass sein Hemd ihm perfekt passte und jeden einzelnen seiner Muskeln betonte, während mein Kleid für deutlich schmalere Hüften genäht worden war. Alles an ihm verlangte nach Aufmerksamkeit. Ich hörte das Knistern, das von ihm ausging, roch seine ganz persönliche rauchige Note, spürte seine Macht, die die Decke der weißen Kapelle anzuheben schien … und fragte mich, ob er sie nicht besser verstecken konnte oder ob er vor meinem Volk einen Punkt verdeutlichen wollte. Dass wir stark waren, aber er stärker. Dass wir ihn brauchten. Dass er es war, der uns einen Gefallen tat und guten Willen zeigte, nicht andersherum.

»Prinzessin?«, echote die Stimme des Priesters, und ich blinzelte.

Tief atmete ich durch und sprach die Worte, die ich verpasst hatte und dennoch in- und auswendig kannte. »Ich verspreche meinem Ehemann Treue«, flüsterte ich hastig und stieß die nächsten Sätze so schnell aus, dass ich Anfang nicht von Ende unterscheiden konnte.

Denn es waren die traditionellen Worte der Regenbogenfae, die seit Jahrtausenden diesen Bund besiegelten, und ich hatte sie schon zweimal gesprochen … doch nur ein einziges Mal ernst gemeint. Ihnen nur ein einziges Mal Bedeutung in meinem Herzen gegeben. Und dabei würde es bleiben.

Der Priester nickte und forderte Katarga auf, es mir gleichzutun.

Ich erwartete, dass er die Worte an ihn richtete oder aber auch an die Menge hinter uns. Dass er stur und stumpf seine Versprechen wiederholte. Doch stattdessen wandte er ruckartig den Kopf und schaute auf mich herab.

»Sieh mich an«, forderte er schroff, und zögerlich folgte ich seinem Befehl. Seine Miene war ernst, ebenso wie seine Worte … doch seine Stimme glich keinem Donnergrollen. Sie klang sanft wie prasselnder Regen. »Ich verspreche dir Treue. Ich schwöre, dich mit meinem Leben zu schützen und dich aufzugeben, sobald ich meine Aufgabe nicht mehr erfüllen kann. Ich gelobe, dir mehr Farben zu schenken, als der Regenbogen malen kann, und die schweren Zeiten zu behandeln, als wären es unsere guten.« Er hielt inne. Die offiziellen Worte hatte er gesprochen, doch sein scharf geschnittener Kiefer verhärtete sich, als ringe er mit sich selbst. Und schließlich fügte er so leise, dass nur ich ihn verstand, hinzu: »Und ich schenke dir die Freiheit, die der Wind mit sich bringt und die niemandem verwehrt bleiben sollte.«

Mein Puls schlug hektisch an meinem zugezogenen Hals. War der letzte Satz Tradition des Sturmvolkes? Oder … kam er von ihm? Wusste er, dass er mir soeben etwas versprochen hatte, von dem ich längst aufgehört hatte zu träumen?

»Wundervoll«, sagte der Priester. »Möget ihr in Liebe vereint den Rest der Zeit …«

Ich schnaubte leise und ignorierte seine anderen Lügen.

»Was denn, Prinzessin – bist du dir deiner Gefühle mir gegenüber noch nicht sicher?«, wisperte Katarga spöttisch.

»Oh, ich bin mir sicher«, erwiderte ich trocken. »Ich denke, zurzeit hasse ich dich.«

»Und doch schwörst du, mich ewig zu lieben?«

»Ich schätze, wir sind beide Lügner.«

»Welch harmonisches Paar wir doch bilden«, murmelte er unbeeindruckt und trat vor, sobald der Priester verstummte.

Ein einzelner Sonnenstrahl fiel durch das runde Loch an der höchsten Stelle des Kapellendachs und warf einen gelb funkelnden Kreis auf den Altar, in dessen Mitte wir uns einander gegenüberstellten. Der Kreis symbolisierte die Ewigkeit der Ehe, die ich schon zweimal eines Besseren belehrt hatte. Als Nächstes würde ein Sprühregen aus Wasser folgen, der die schlechten Tage repräsentierte, die das helle Licht unser Liebe in Regenbögen verwandeln konnte.

Als Kind hatte ich die Symbolik furchtbar romantisch gefunden. Ich hatte Stunden damit verbracht, die Zeremonie in unseren Gärten zusammen mit Kyrah nachzuspielen und von dem Tag zu träumen, an dem mir ewiges Glück versprochen wurde.

Doch ich war erwachsen geworden. Weder die Ehe noch die Liebe waren für die Ewigkeit bestimmt. Die schlechten Tage überwogen die guten. Und Freiheit, so wie Katarga sie versprochen hatte, war das Letzte, was man in den Armen eines Mannes fand.

Ich atmete durch und wartete darauf, dass feuchte Tropfen meine Frisur ruinierten, doch sie kamen nicht … gleichwohl Feuchtigkeit den Boden um uns herum dunkel färbte.

Die Menge tuschelte, und verwirrt sah ich auf. Wie erwartet sprühte falscher Regen durch das Loch über uns, doch bevor er mich erreichte, änderte er seine Flugbahn und fiel in weichem Bogen um mich und Katarga herum.

Beinahe hätte ich gelacht. Der mächtige Sturmherrscher war sich zu fein, nass zu werden.

»Ich bin beeindruckt, dass du einen Regenschirm imitieren kannst, Hoheit«, sagte ich. »Aber es ist Teil der Zeremonie, dass wir nass werden.«

Mein Gegenüber zog die dunklen Brauen zusammen. »Ihr Fae pflegt eine andere Beziehung zu Regen als ich«, murmelte er, doch im nächsten Moment fielen die dicken, schweren Tropfen auch schon auf uns herab. Sie hinterließen glockenhelle Töne auf seiner Krone. Sammelten sich in seinen schwarzen Haaren, rannen seine Schläfen und seinen starken Hals hinab, durchtränkten den Stoff seines Hemdes und brachen das Sonnenlicht auf seiner Haut. Bis Dutzende Regenbögen darauf tanzten und Wellen zwischen uns schlugen.

Mein Körper kribbelte, mein Blut floss schneller, und mein Atem beschleunigte sich.

Du brauchst uns. Also benutze uns. Befehlige uns.

Das vertraute Flüstern saß wie eine Zecke in meinem Ohr und sog sich an meinen Trommelfellen fest. So viele Farben, so viel Macht … so viele Möglichkeiten …

Du willst uns. Du wartest nur darauf, von uns zu kosten.

So viele Fehler … so wenig Kontrolle … so viel Zerstörung.

Ich streckte die Schultern durch und zwang das Kribbeln nieder. Mühsam ignorierte ich die Stimmen, um mich wieder auf meinen Verlobten zu konzentrieren. Wasser verklebte meine Wimpern und kitzelte meine Lippen, doch nahm Katargas Blick nichts an Hitze.

»Heb deine Hände«, flüsterte ich und wünschte fast, er würde mir den Wunsch abschlagen. Dass er mir erklärte, die Geste sei zu defensiv für einen Mann seiner Stellung. Stattdessen tat er wie geheißen und streckte mir seine Handflächen entgegen. Als wolle er mich von seiner Unschuld überzeugen, obwohl das Blut aus zwanzig Jahren Krieg, nicht zu vergessen das seines eigenen Vaters, an seinen Fingern haftete.

Ich tat es ihm gleich und legte meine Kuppen an seine. 

Seine Handflächen waren groß und rau und schwielig. Als baue er Häuser, anstatt sie niederzureißen. Doch die elektrischen Impulse, die über seine Haut huschten und wie Vorboten der Zerstörung auf meine flohen, verrieten ihn.

Lang atmete ich aus und ignorierte das Prickeln, das seine Berührung mit sich und meinen Körper in Aufruhr brachte, bevor ich kaum merklich in die Luft blies.

Sofort folgten die tanzenden Regenbögen meinem Befehl. Sie fielen zusammen mit den Tropfen auf unsere Hände und umschlossen sie in einem Band aus Rot, Orange, Gelb, Grün, Hellblau, Indigo und Violett. Die Menschen schlossen eine Hochzeitszeremonie immer noch mit Ringen, doch wir brauchten keine. Die wenigsten Schmuckstücke überdauerten die normale Lebensspanne einer Fae. Gerade wenn man gegen zwei Völker kämpfte, die über Feuer und Blitze herrschten. Seit dem Krieg der Fünf schlossen wir unsere Ehen also nur noch mit Licht und Regen. Der Krieg war vorbei und diese Hochzeit nichts anderes als die Sicherung des Friedens, doch die Tradition hatte angehalten.

Die Regentropfen versiegten, und sofort ließ ich die Hände fallen, während der Priester erneut anfing zu sprechen: »Wollt Ihr, Jareth Katarga, König der Sturmlande …«

»Wartet«, unterbrach Katarga ihn scharf, den Blick noch immer auf mich gerichtet. »Es gibt eine einzige Tradition des Sturmvolks, auf die ich bestehen muss. Ohne diese wäre unsere Verbindung nicht gültig.«

Er wartete nicht auf Einverständnis. Er presste Daumen und Zeigefinger zusammen und zog sie langsam wieder auseinander. Ein flackernder, goldener Blitz spannte sich zwischen seinen Kuppen und ließ seine helle Haut orange glühen. Im nächsten Moment griff er nach meiner Hand und zog mich heran. Instinktiv wollte ich zurückzucken, doch seine Muskeln dienten nicht nur der Dekoration. »Es tut nicht weh«, murmelte er dunkel, spreizte meine Finger und legte den Blitz langsam um meinen linken Ringfinger.

Ich keuchte, als sich die Energie in meine Haut fraß und ein scharfes Brennen auslöste.

Katarga hob die Mundwinkel. »Na ja. Es tut kaum weh«, korrigierte er sich tonlos. »Wir sind nun einmal kein besonders sanftes Volk.«

Ich beachtete ihn nicht. Der Schmerz verflog so schnell wieder, wie er gekommen war, und an seiner Stelle glänzte ein schwarz-goldener Ring. Wie mit Tinte in meine Haut gestochen. Gezackt, nicht symmetrisch, und doch erinnerte er an die Krone auf Katargas Kopf. Und noch während ich auf meine Finger starrte, hielt er mir seine eigene gebräunte Hand hin, um deren Ringfinger sich das gleiche Mal abzeichnete. Wärme flutete meinen Körper und entspannte meine Muskeln. Tausend kleine Funken vermengten sich mit meinem Blut, und ein Schauder überkam mich. Ein wohliger, vertrauter Schauder, der den Geruch nach nassem Stein und verbrannter Glut mit sich brachte. Mein Kopf fühlte sich an, als sei er ein Windspiel, das in einem heftigen Luftstoß schwankte.

Mit geweiteten Augen schaute ich in Katargas Gesicht, dessen Blick wie ein Schatten über meines huschte.

»In Ordnung«, murmelte er, offenbar zufrieden mit seinem Werk, und ließ mich los. »Fahrt fort.«

Ich blinzelte, und das Gefühl verschwand augenblicklich. Doch die Wärme …

Der Priester räusperte sich vernehmlich. »Wollt Ihr, Jareth Katarga, König der Sturmlande, die hier Anwesende Yara Cartiz von Neradia, Prinzessin der Feenlande und Hüterin der Farben, zu Eurer rechtmäßigen Frau nehmen?«

»Ja. Ich will«, sagte er ruhig, und ich wünschte, er würde mich nicht ansehen. Wünschte, ich würde den Druck seiner Finger nicht immer noch auf der Haut spüren. Wünschte, ich könnte diesen Moment in die Länge ziehen, mich noch ein wenig länger mit den Fingerspitzen an mein altes Leben klammern.

Doch der Priester wiederholte seine Frage, und ich spürte die Blicke Hunderter auf mir ruhen. Die Hoffnung Tausender auf meinen Schultern lasten.

Die Zukunft von Millionen von Seelen lag in meiner Verantwortung, hing an den drei Worten, die an meinem Gaumen klebten und nicht über meine trockenen Lippen wollten.

Doch was blieb mir für eine Wahl? 

Also hob ich das Kinn, blickte in die hellgrauen Augen, die mich für immer an den Beginn eines Sturms erinnern würden, und sagte laut: »Ja, ich will.«

Die Anwesenden in der Kapelle brachen in erleichterten Beifall aus. Ich hätte schwören können, dass ich meinen Ziehvater seufzen und meine Mutter noch immer weinen hörte.

Und ich stand da und sah in Jareth Katargas arrogantes Gesicht. Noch immer kein Lächeln, noch immer keine Zuneigung darauf zu erkennen.

»Ich glaube, das ist der Moment, in dem wir uns küssen«, raunte er und legte seine Hand federleicht in meinen bloßen Nacken.

Gänsehaut kletterte meine Wirbelsäule hinab, und mein Atem verfing sich in meinem Hals. Ich wusste, dass er recht hatte. Dass wir die Hochzeit mit einem Kuss besiegeln mussten. So verlangten es Tradition und Gesetz.

»Worauf wartest du dann?«, flüsterte ich. »Worauf …«

Er beugte sich zu mir herunter und presste die Lippen auf meine. Er küsste, wie er laut all der sich um ihn rankenden Mythen und Geschichten auch lebte.

Kompromisslos. Hart. Besitzergreifend.

Genüsslich. Entspannt. Als würde die Zeit ihm genauso gehören wie die Welt.

Hitze zuckte durch meinen Körper, während er mit dem Daumen fast sacht mein Kinn anhob … und dann erwiderte ich den Kuss auf die Art, wie ich vorhatte, jede unserer Unterhaltungen zu führen: mit einer Menge Biss.

Ich grub die Zähne in seine Unterlippe. Nicht zärtlich, nicht so, wie es sich für eine Prinzessin ziemte.

Doch er gewöhnte sich besser sofort daran, dass ich nicht nach seiner Pfeife tanzen würde.

Jareth löste sich von mir – und lächelte. Das erste Mal. Ein Grübchen schlug sich in seine Wange, und seine Augen funkelten, schimmerten fast blau, doch seine Hand lag noch immer dominierend in meinem Nacken … während er sich langsam einen einzelnen Blutstropfen von der Lippe leckte und sich zu mir herunterbeugte. »Wenn man dich so ansieht, könnte man meinen, der Tod wartet nur darauf, deine Befehle entgegenzunehmen«, sagte er leise.

Er wusste nicht, wie nah er der Wahrheit kam.

Denn alle hielten sie sich für mächtig. Und alle liefen sie davon, sobald ich ihnen zeigte, was wahre Macht war.

»Oh, Entschuldigung«, sagte ich gespielt naiv. »Tat das weh?«

Sein Lächeln wurde breiter. »Es stört mich nicht. Ich hab es dir gesagt: Ich bin nicht für meine Sanftmut bekannt.« Mit den Lippen strich er über meinen Kiefer. »Aber ich habe nicht das Gefühl, dass du an Zärtlichkeit interessiert bist. Ist es nicht so?« Mein Atem stockte, als ich seinen warm an meinem Ohr spürte. »Auf in den Kampf, Yara«, flüsterte er. »Ich muss dich warnen: Ich bin kein leichter Gegner.«

»Das denkst du nur, weil du noch nie gegen mich angetreten bist.«

»Ich baue darauf.«

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