Das hier ist der Epilog, den ich geschrieben und wieder verworfen habe.
Ich liebe die „Geheimnis der Götter“-Reihe mit ganzem Herzen, auch wenn sie meines an die dutzend Mal gebrochen hat. Dementsprechend schwer ist es mir gefallen, ein passendes Ende zu finden. Doch meiner Meinung nach passte zu der Geschichte einfach kein richtiges Happy End.
Für mich ist demnach immer noch das aktuelle Ende im Buch das richtige Ende. Aber vielleicht freut sich ja der ein oder andere über einen kleinen Einblick in Nyms und Levis Leben.
Epilog
Grundlegendes Gesetz
Denk nach. Sieh hin. Lebe. Liebe.
Die Welt war seltsam.
Nym strich mit ihren Fingern über die trockene Erde und malte Blumen hinein.
Die Zeit verging. Stetig. Müßig. Immer.
Die Sekunden verstrichen, wurden zu Minuten, streckten sich zu Stunden. Stunden verwandelten sich in Tage, Tage wurden zu Wochen …
„Es wird leichter.“
Überrascht zog Nym ihre Finger aus der Erde und blickte auf. Sie sah Filia auf sich zukommen.
Die Blondine ließ sich neben ihr auf den Boden sinken und betrachtete den mit Blüten umrahmten grauen Stein vor sich. Sie fuhr mit ihren Fingern die Spuren nach, die Nyms Hand bereits hinterlassen hatte, und ergänzte das Bild um ein paar weitere gemalte Blumen.
„Das Gefühl wird nicht verschwinden“, flüsterte sie. „Aber es wird leichter.“
Nym nickte, schluckte und zerrieb die Erde zwischen ihren Fingern. „Danke.“
Vea hatte immer nach Oyitis kommen wollen. Und jetzt hatte Nym ihr diesen Wunsch erfüllt.
„Es tut mir leid, Nym“, murmelte Filia. Bedauern füllte ihre Stimme. „Das alles. Mein Verhalten …“
Nym nickte und hielt den Kopf gesenkt. „Ich weiß. Ich mache dir keine Vorwürfe.“
„Das solltest du aber.“
„Nein. Sollte ich nicht.“ Nym lächelte leicht und hob den Blick. Sie sah in Filias herzförmiges Gesicht, in ihre warmen Augen und schüttelte sacht den Kopf. „Was passiert ist, ist passiert, Filia. Jeder tut Dinge, auf die er nicht stolz ist – aber ich werde es dir nicht zum Vorwurf machen, dass du Gefühle besitzt. Wenn ich aufhören kann, mir selbst Vorwürfe zu machen, dann kann ich es auch bei dir.“ Und sie arbeitete hart daran.
Tränen füllten Filias Augen und sie presste die Lippen aufeinander. „Danke sehr. Du bist wirklich ein guter Mensch, Nym.“
Sie lachte. Das hatte Vea auch gedacht. Und vielleicht – irgendwann – würde Nym es selbst glauben.
„Nym!“
Die beiden Mädchen schraken auf. Liri rannte auf sie zu. Ihr gelbes Kleid und ihre zwei blonden Zöpfe flatterten im Wind. Hinter ihr konnte Nym Levi, Ro und Nika erkennen. Levi blickte griesgrämig drein, Ro äußerst selbstzufrieden und Nika amüsiert. Manche Dinge änderten sich nicht.
„Nym!“, wiederholte Liri atemlos. „Hilf mir, ja? Du bist die Einzige, die helfen kann!“
Nyms Augenbrauen flogen in die Höhe und sie rappelte sich vom Boden auf. „Womit helfen?“, wollte sie wissen und klopfte sich den Dreck von der Hose.
„Ihn daran zu hindern, mich weiter zu nerven!“, stellte Liri klar und deutete mit einem vorwurfsvollen Finger auf ihren Bruder. „Er ist unerträglich. Er macht seit kaum einem Monat Pause, und ihm ist jetzt schon so langweilig, dass er mit mir zum Kampfunterricht kommt!“, regte sie sich auf. „Er hätte das Angebot annehmen und Provos Platz einnehmen sollen! Dann hätte er wenigstens ein eigenes Leben, um das er sich jetzt kümmern könnte.“
„Hey“, beschwerte sich Levi. „Ich habe ein eigenes Leben. Ich habe eine Freundin, eine Schwester und ein Haus. Und ich tauge nicht zum Politiker.“
„Warum nicht?“, wollte Ro irritiert wissen. „Aus deinem Mund kommt nur Schwachsinn. Ist das nicht die Berufsbeschreibung?“
„Ro“, sagte Levi düster. „Wenn ich deine Meinung hören will, frage ich dich danach.“
„Ah, du willst immer meine Meinung hören! Du bist nur zu schüchtern, um mich darum zu bitten.“
„Ich zeig dir gleich, wofür ich nicht zu schüchtern bin“, meinte Levi trocken.
„Nym! Siehst du das!? Das muss ich den ganzen Tag ertragen!“ In Liris Stimme lag eine solch dramatische Note, dass Nym sich sicher war, dass das Mädchen die Pubertät endgültig erreicht hatte. „Mach, dass er damit aufhört, mir zu folgen“, forderte Liri. „Bitte!“
Nym biss sich auf die Unterlippe, um ein Lächeln zu unterdrücken. „Ist das so, Levi? Nervst du deine Schwester?“
Levi schnaubte. „Ihr Lehrer hat keine Ahnung, was er tut!“
Das bezweifelte Nym. Liris Lehrer war Ro.
„Was sagst du dazu, Ro?“, wollte sie wissen. „Bist du mitgekommen, um deine Ehre zu verteidigen?“
„Oh, nein.“ Ro hob nur eine Schulter. „Als könne Levi meiner Ehre etwas anhaben. Aber diese Diskussion versprach, unterhaltsam zu werden, und bislang wurde ich nicht enttäuscht.“
Liri kicherte und Levi warf ihr einen bösen Blick zu.
„Schön, ich langweile mich!“, gab er zu. „Ich hatte mir Pause machen nicht so … ereignislos vorgestellt. Aber mir ist ohnehin gerade eine Idee gekommen, wie sich das ändern ließe.“
Ein Glitzern erschien in seinen Augen, und Nym machte augenblicklich einen Schritt zurück. „Wieso habe ich das Gefühl, dass diese Idee mit mir zu tun hat?“, fragte sie misstrauisch.
„Weil du eine intelligente Frau bist.“ Levi neigte den Kopf zur Seite, bevor er bemerkte: „Du schuldest mir noch eine Revanche, Nym.“
„Levi, keiner hier sieht dir gerne dabei zu, wie du von einem Mädchen vermöbelt wirst“, gab Ro zu bedenken.
Levi schnalzte missbilligend mit der Zunge und fixierte Nym. „Du hast mir die Revanche versprochen.“
„Habe ich?“ Gespielt nachdenklich tippte Nym sich mit dem Zeigefinger ans Kinn. „War das damals, als ich dich ausgeknockt habe?“
„Nein, das war damals, als du mit unfairen Mitteln gegen mich gewonnen hast.“
Nika stöhnte laut auf. „Meine Güte, sind die beiden immer so?“
„Immer“, bestätigte Ro und legte ihr einen Arm um die Schultern. „Aber warte, bis Nym Levi niederstreckt. Dann lernst du das Ganze zu schätzen.“
„Sie wird mich nicht niederstrecken!“, meinte Levi augenverdrehend. „Richtig, Süße?“
„Ich weiß nicht. Du hast mich gerade Süße genannt. Das, finde ich, ist schon Grund genug.“
„Hau ihn um, Nym!“, forderte jetzt auch Filia. „Ich könnte auch ein wenig Spaß gebrauchen.“
„Also schön“, sagte sie und nickte. „Dann los, Levi. Oder willst du dich noch umziehen?“
„Wir müssen den Kampf nicht unbedingt hier austragen“, sagte Levi sanft und sah bedeutungsschwer auf das Blütenmeer neben ihm.
„Doch, müsst ihr!“ Nika sah ihn verständnislos an. „Vea und Janon sollen auch was zu lachen haben!“
Levi stöhnte auf und legte den Kopf in den Nacken. Auf Nyms Gesicht breitete sich ein Lächeln aus. Ein ehrliches, glückliches Lächeln.
„Ist dir die Erde hier zu hart, Schatz?“, wollte sie unschuldig wissen.
Levis Miene verdüsterte sich, bevor er einen Schritt nach vorne machte und ihr einen festen Kuss auf den Mund gab. „Schön. Fangen wir an. Aber nicht schummeln! Du darfst deine Fähigkeiten nicht benutzen.“
Nyms Lächeln vertiefte sich. „Natürlich nicht! Wo denkst du hin?“
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