Anna & Lucas – Leseprobe

Love and Hockey 4: Anna & Lucas

Prolog

Juli

»Alle reden nur über seine dummen Statistiken und den vermeintlichen Heiligenschein auf seinem Kopf!«

»Dax …«

»Aber er ist nicht besser als ich! Sein Spiel ist unpräzise, und wenn der Mistkerl nicht in die Hölle kommt, werde ich …«

»Dax! Tu mir und der Welt einen Gefallen und halt deine hübsche Klappe, okay?«, sagte Anna theatralisch und sah kopfschüttelnd zu ihrem Bruder. »Du hast mir einen Abend voller Spaß versprochen. Dass ich abschalten könnte. Die ganze Lernerei und alles, was auch nur ansatzweise mit Medizin zu tun hat, für einen Abend vergessen könnte. Nur deshalb bin ich mitgekommen!«

Missmutig hielt Dax ihr die Hoteltür auf. »Das kannst du alles auch.«

»Weißt du, was Spaß ist, Dax? Denn dir dabei zuzuhören, wie du über Jack herziehst, ist ungefähr genauso witzig wie eine Darmspiegelung.«

Düster sah Dax sie an. »Du bist die Einzige, mit der ich darüber reden kann, Anna! Gott, wenn Jack zu uns wechselt, ich schwöre dir …«

»Ich weiß! Aber ich will heute trinken und mit ein paar heißen Hockeyspielern herumwitzeln, Dax«, unterbrach sie ihn ungeduldig. Denn das hatte sie sich verdient! »Und mich nicht mit noch einem Wutanfall rumschlagen, weil du Jack mehr hasst als diese PR-Beraterin Lucy, von der du andauernd redest.«

Denn ihm dabei zuhören zu müssen, war wie einen offenen Bruch mit Barbie-Pflastern zu verarzten. Sinnlos und unnötig schmerzhaft.

Niemand außer ihnen wusste, dass sein ärgster Rivale Jack West ihr Bruder war. Also verstand sie durchaus, warum Dax sich über seine derzeitigen Transferverhandlungen zu den L.A. Hawks ausschließlich bei ihr beschwerte. Doch er brachte sie damit in eine unmögliche Lage. Sie liebte Dax – aber sie liebte Jack auch! Sie waren beide ihre Brüder und sollten sich endlich vertragen. Diese jahrelange Fehde zwischen ihnen musste ein Ende haben. Weshalb sie persönlich es gar nicht so schlecht fände, wenn Jack nach L.A. ziehen würde. Was sie Dax selbstverständlich nicht sagen würde. Wenn sie sich einen Trommelfellschaden zuziehen wollte, konnte sie sich auch in irgendeinem Club direkt neben den Bass stellen.

»Lucy ist der Teufel!«, fuhr Dax auf. »Ich weiß, alle nennen mich so, aber nur weil sie sie nicht kennen! Sie …«

Anna blendete ihn aus. Sie war übermüdet, gestresst, panisch und hatte seit Wochen das Gefühl, dass ihr die Arbeit und das Leben über den Kopf wuchsen. Sie wollte eine Pause. Zwanglosen Spaß! Keine weiteren Familiendramen. Das hier war also reine Zeitverschwendung. Sie sollte zu Hause an ihrem Schreibtisch sitzen und lernen. Oder die E-Mail beantworten, die seit Monaten ein Loch in ihren Laptop brannte. Bis zu ihrer finalen Facharztprüfung hatte sie nur noch ein halbes Jahr – und dann wäre alles vorbei. Dann würden sich die zehn Jahre harte Arbeit endlich lohnen und sie konnte anfangen zu leben.

Mist, sie hätte sich nie von Dax zum Ausgehen überreden lassen sollen. Offene Bar hin oder her. Sie verlor gerade kostbare Stunden. Das hier half nicht gegen ihren Stress. Es verschlimmerte ihn nur.

»Weißt du was? Ich geh wieder nach Hause«, meinte sie und blieb mitten in der Eingangshalle stehen. »Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich den Herd angelassen habe, ich …«

»Oh nein.« Ihr Bruder schraubte den Arm um ihre Schultern und schob sie in Richtung der Garderobe, neben der an einer langen Theke ein pickeliger Jungspund Drinks mixte. »Ist ja gut. Ich hör schon auf. Aber du wirst heute freimachen. Spaß haben. Und wenn ich dich dazu zwingen muss.«

»Aber mein Herd!«, beschwerte sie sich und versuchte, sich loszumachen. »Was, wenn meine Wohnung abfackelt?«

»Das wäre kein großer Verlust für alle«, knurrte Dax und zog ihr die Jacke von den Schultern, um sie bei der Garderobe abzugeben. Sie würde ja versuchen, sich zu wehren, aber es wäre zwecklos. Es hatte seine Nachteile, einen Profisportler als Bruder zu haben. Denn seine Muskeln waren nicht aufgemalt.

Die junge Frau hinter der Theke seufzte und schmachtete Dax unverhohlen an, doch er beachtete sie gar nicht. Das musste Anna ihrem Bruder zugutehalten. Wann immer sie dabei war, riss er keine Frauen auf. Doch jetzt gerade wäre ihr die Ablenkung ganz recht gewesen. Denn sie hätte sie nutzen können, um wieder aus der Tür zu schlüpfen.

»Meine Wohnung ist toll!«

»Um einen Besen abzustellen, ja«, bemerkte Dax abwesend und lotste sie an der Bar, der sie nur einen sehnsüchtigen Blick zuwerfen konnte, vorbei zu der Flügeltür, die zum Bankettsaal des Hotels führte. Dahinter drang bereits laute Musik hervor. »Wenn du einfach mein Geld annehmen würdest, könntest du dir etwas weitaus Besseres leisten.«

Sie presste die Lippen aufeinander. »Ich will dein Geld nicht. Schlimm genug, dass du mir andauernd Einkäufe vorbeibringst.« Sie war ihr ganzes Leben lang abhängig von ihren Brüdern gewesen. Abhängig davon, dass sie sie herumkutschierten, weil ihre Mutter arbeitete und ihr Vater zu betrunken war. Abhängig davon, dass sie sie vor ihren Mitschülern schützten, die sie die ganze Highschool über für ihre abgetragenen Klamotten gehänselt hatten. Abhängig von ihrer Unterstützung während der College-Zeit.

Anna hatte genug davon. Sie war sechsundzwanzig Jahre alt und würde bald Ärztin sein. Dann wäre sie endlich mehr als nur Dax Temples Schwester.

»Du würdest sonst vergessen zu essen!«

Sie verdrehte die Augen, widersprach jedoch nicht. Vielleicht, weil es stimmte. Ihr Kopf war voll mit medizinischen Fachbegriffen und komplizierten Prozeduren. Wer hatte da noch die Zeit oder den Nerv, um einkaufen zu gehen, geschweige denn zu kochen?

Dax stieß die Tür auf und für einen Augenblick hielt sie den Atem an. Sie vergaß immer wieder, wie viel Geld Dax’ Eishockeyverein besaß.

In dem Bankettsaal der Saison-Abschlussfeier der L.A. Hawks hätten locker zwei Herden Elefanten, eine Krankenstation und das Hubble-Teleskop Platz gefunden. Oder eben die Egos von zweiundzwanzig Eishockeyspielern und ihrem Management.

Goldene Kronleuchter hingen von der Decke und runde Stehtische, verkleidet mit schweren, dunkelblauen Leinentüchern, sprossen aus dem Boden. Ausnahmslos alle Männer trugen einen Smoking und automatisch fragte Anna sich, wie viel Quadratmeter Stoff wohl dabei draufgegangen war, all diese breiten Schultern zu verdecken. Aber diesen Stoffverbrauch machten die meisten anwesenden Frauen mit ihren knappen Kleidern wieder wett.

Anna zog eine Grimasse, während sie über ihr schlichtes schwarzes T-Shirt-Kleid strich und versuchte, ihre schulterlangen braunen Locken zu ordnen. Wunderbar. Sie sah aus wie ihre Wohnung. Klein, ein wenig unordentlich und einfach nicht besonders. Sie war nur deutlich schlechter darin, einen Besen zu halten. Spritzen mochte sie lieber.

»Ah, du hast Anna aus ihrer Höhle bekommen«, bemerkte jemand von links und drückte ihre Schultern.

Sie verdrehte die Augen. »Ich bin kein Bär, Matt.«

»Und trotzdem haben Dax und ich dich schon zweimal dabei erwischt, wie du auf dem Boden eingeschlafen bist, in der Hand ein Stück Hühnchen«, erwiderte Dax’ bester Freund kopfschüttelnd und schnalzte missbilligend mit der Zunge.

Es waren drei Mal gewesen, aber sie war froh, dass er nicht mitzählte.

»Nimm deine Finger von ihr, Matt!«, sagte Dax unzufrieden und zog an seinem Arm.

Anna prustete. Dax’ Beschützerinstinkt war fünf Nummern zu groß, nicht zu vergessen völlig unbegründet. Sie hatte schon genug arrogante Eishockeyspieler in ihrem Leben, da musste sie nicht noch mit einem ausgehen oder ins Bett springen. Denn sie gaben keinen guten festen Freund ab. So viel war ihr dank der Verwandtschaft zu Dax und Jack zumindest klar. An Matt hegte sie also ungefähr das gleiche Interesse wie an einem Zootier. Es machte Spaß, ihn anzusehen, aber es störte sie nicht sonderlich, dass sie ihn nicht berühren durfte. Sie mochte ihn, er war witzig. Aber das waren Affen auch und über die wollte sie ebenso wenig herfallen.

»Das ist deine Schwester?«, fragte eine weitere Stimme und ein kritisch dreinblickender, südländisch aussehender Mann trat neben sie. »Ihr seht euch gar nicht ähnlich. Sie ist viel hübscher als du.«

Sie lachte und musterte den Neuankömmling. Er war Leon Alvarez, ein Verteidiger. Sie besuchte viele Heimspiele der L.A. Hawks und kannte die Gesichter der Spieler. »Vielen lieben Dank. Das höre ich zum ersten Mal.« Denn laut dem Internet war Dax nur so gut im Hockey, weil er die gegnerischen Spieler mit seiner Schönheit blendete.

Der Verteidiger zwinkerte ihr zu. »Das kann ich mir nicht vorstellen. Mit den …«

»Was habe ich dir dazu gesagt, mit meiner Schwester zu flirten, Alvarez?«, unterbrach Dax ihn unwirsch.

»Dass du mir für jedes schmierige Kompliment einen Zahn ausschlägst?«

»Exakt.«

»Na, deswegen habe ich ihr extra ein unschmieriges gemacht! Ich …«

»Du hast ihm was gesagt?«, unterbrach Anna Leon ungläubig. »Das kann nicht dein Ernst sein, Dax!« Ja, sie hatte kein Interesse daran, einen Eishockeyspieler zu daten, aber sie könnte, wenn sie wollte!

»Ich habe nur eine freundliche Warnung ausgesprochen«, sagte Dax unschuldig. »Damit dich niemand anmacht.«

»Und was ist, wenn ich angemacht werden will?«, fragte sie scharf. »Wenn ich heute Abend nur mitgekommen bin, weil ich dachte: Hey, ich will ein wenig ungezwungenen, dreckigen Spaß haben. Denn bei Gott, der würde mir gegen den Stress helfen!« 

»Oh, ich biete mich freiwillig an«, sagte Leon sofort und trat mit erhobener Hand vor.

Dax schnaubte nur und verengte die Augen. Als sei er nicht sicher, ob Anna es ernst meinte. »Du willst nicht angemacht werden«, stellte er fest. »Du bist viel zu jung, um …«

»Ich bin sechsundzwanzig, Dax!«

Ihr Bruder runzelte die Stirn. »Das kann nicht sein. Zweiundzwanzig höchstens.«

»Oh mein Gott!« Frustriert fuhr sie sich mit den Händen in die Haare. »Du bist weder mein Aufpasser noch mein Vater – und ich kann so viel Sex haben, wie ich will!«

Und jetzt, da sie darüber nachdachte, wäre eine heiße Nacht mit einem dämlichen Hockeyspieler wirklich keine so schlechte Idee. Sie hatte seit Ewigkeiten keinen Sex mehr gehabt. Was, wenn es nicht wie Fahrradfahren war und sie irgendwann einfach vergaß, was wohin gehörte? War es nicht ihre Pflicht als angehende Ärztin, alle paar Monate ihre Anatomiekenntnisse aufzufrischen? Abgesehen davon war sie es so leid, dass Dax sie bevormunden wollte. Ja, er und Jack hatten einen Großteil zu ihrer Erziehung beigetragen, weil man sich auf ihre Eltern nicht hatte verlassen können, aber sie brauchte ihn nicht mehr.

Also wandte sie ihm gezielt den Rücken zu und lächelte Leon breit an. »Wie gut bist du im Bett, Leon?«

»Ich bin eine Zehn von Zehn«, antwortete er ernst. »Ich hab Diagramme studiert und alles. Alle meine Ex-Freundinnen waren sehr zufrieden mit meiner Leistung.«

»Vielversprechend.« Sie nickte. »Ich werde übrigens Ärztin, ich kenne mich sehr gut mit dem menschlichen Körper aus. Falls du also Fragen haben solltest, kannst du sie jederzeit stellen.«

»Cool. Ich lerne immer gern was Neues dazu«, meinte Leon anerkennend.

Matt lachte laut. »Wo ist das Popcorn, wenn man es braucht?«

»Hört auf damit!«, blaffte Dax genervt und zog sie an den Schultern ruckartig nach hinten. »Du hast deinen Punkt verdeutlicht, vielen lieben Dank für die schrecklichen Bilder in meinem Kopf. Ich wollte nur sagen: Du solltest dir jemand Netten suchen, der dich auf Händen trägt und den Rest deines Lebens glücklich macht. Also verdammt noch mal keinen Eishockeyspieler! Das sind allesamt Idioten, die unnötig viel rumvögeln.«

»Du bist auch Eishockeyspieler.«

»Und der beste Beweis«, meinte er vielsagend.

Sie schnaubte. »Gott, ich brauche einen Drink.« Ruckartig wandte sie sich um und lief zurück in Richtung Bar.

»Aber keinen mit Alkohol drin!«, rief Dax ihr hinterher. »Du bist noch zu jung, um zu trinken!«

Anna zeigte ihm über die Schulter den Mittelfinger.

»Ich verstehe es nicht ganz«, hörte sie Leon noch sagen. »Haben deine Schwester und ich jetzt einen Deal, oder nicht?«

»Alvarez«, knurrte Dax. »Ich schwöre dir, wenn du auch nur einen weiteren unsittlichen Gedanken über Anna hast, werde ich …«

Anna stieß die Tür zum Eingangsbereich auf und ließ sie geräuschvoll wieder ins Schloss fallen.

Seufzend rieb sie sich übers Gesicht. Sie liebte Dax. Aber immer, wenn sie mit ihm unterwegs war, wurde ihr eine eigene Identität abgesprochen. Sie war nicht mehr Anna, sie war Dax Temples Schwester. Und das ging ihr so auf den Geist!

Gott, sie war so unendlich erschöpft. Sie hatte keine Lust mehr zu lernen, zu kämpfen, zu diskutieren. Würde sie ernsthaft erst in einem Jahr, wenn ihre letzte Prüfung vorbei war, wieder abschalten können?

Kopfschüttelnd überlegte sie, ob sie einfach ihre Jacke holen und gehen sollte. Noch ein paar Stunden in ihren Medizinbüchern büffeln und dann schlafen gehen. Aber die Garderobe war derzeit unbesetzt, also wandte sie sich nach rechts zur Bar – die nicht mehr leer war. Ein Mann saß auf einem der Hocker direkt an der Theke. Er war schwer zu übersehen, denn selbst im Sitzen war er riesig.

Zögerlich biss sie sich auf die Unterlippe und schluckte. Er trug keinen Smoking. Nur ein weißes Hemd und eine dünne, schwarze Krawatte. Doch im Vergleich zu ihm sahen alle anderen Männer im Bankettsaal aus, als würden sie Mülltüten tragen.

Anna konnte nicht sagen, woran es lag, aber für einen Moment vergaß sie zu atmen. Vielleicht waren es seine breiten Schultern, an die sich das Hemd anschmiegte, als wären sie Geliebte, die sich seit Ewigkeiten nicht gesehen hatten. Vielleicht waren sein muskulöser Rücken oder die braungebrannten Unterarme schuld, die unter seinem hochgekrempelten Ärmel hervorlugten und deren Sehnen und Adern deutlich hervorsprangen, während er eine Bierflasche in der Hand drehte.

Es könnte an seinen Haaren liegen. Schwarz wie Tinte. Sie fielen ihm in die Stirn, aber waren an den Seiten kurz. Oder es war schlichtweg die düstere, knisternde Energie, die er ausstrahlte. Die sie davon abhalten wollte, ihm zu nah zu kommen – und sie gleichzeitig anzog wie ein Magnet.

Sie wusste sofort, wer er war. Lucas Moreau. Goalie der Hawks.

Vor ein paar Monaten hatten Reporter versucht, ihm den Spitznamen »Killer« zu geben. Weil er die Ausstrahlung eines Serienkillers hatte und jeden Torversuch killte. Doch seit er den Spitznamen mit einem geknurrten Er gefällt mir nicht kommentiert hatte, traute sich keiner mehr, ihn zu benutzen.

Moreau hatte das Kinn gesenkt und die Augen geschlossen. Drehte stetig die Bierflasche in seinen Händen, die ein schabendes Geräusch auf der Holztheke hinterließ, und atmete tief ein und aus. Sie sah, wie sich seine Brust gleichmäßig hob und senkte, während der Barkeeper ihm ängstliche Blicke zuwarf.

Anna verstand ihn. Denn es wirkte, als versuche der Goalie, sich zu beruhigen. Und es war noch unklar, ob er Erfolg hatte.

War er wütend?

Sie konnte es nicht sagen. Sein Gesicht lag im Schatten und war schwer zu erkennen. Also machte sie vorsichtig einen Schritt nach vorn und betrachtete sein Profil. Seinen scharf geschnittenen Kiefer, der von dunklen Bartstoppeln übersät war. Seine hohen Wangenknochen und seine großen Hände. 

Er sah müde aus. Gestresst. Ein wenig … verloren.

Wenn Anna genauer darüber nachdachte, sah er exakt so aus, wie sie sich fühlte.

Vielleicht war das der Grund, warum sie zögerlich an die Bar trat. Warum sie den Blick noch immer nicht von ihm abwenden konnte … als er plötzlich die Augen öffnete.

Ihr Mund wurde trocken. Er starrte geradeaus an die verspiegelte Rückseite der Bar. Zuerst dachte Anna, er würde sich selbst betrachten, doch als sie ebenfalls zwischen den etlichen Alkoholflaschen hindurch seine Reflektion suchte, bemerkte sie, dass sie falschlag.

Er sah sie an. Als hätte er gespürt, dass sie ihn anstarrte.

Sofort zog sich ihr Zwerchfell heiß zusammen und ihr Herz machte einen Hüpfer. Doch sie konnte den Blick nicht abwenden. Denn seine hellgrauen Augen waren so klar und herausfordernd …

»Hey«, sagte sie langsam und trat neben ihn, bevor sie dem Barkeeper zunickte und einen Gin Tonic bestellte. Der Jungspund nickte hektisch und machte sich an die Arbeit. Sichtbar erleichtert darüber, dem Goalie der Hawks den Rücken zukehren zu dürfen.

Anna sank langsam auf den Hocker zu seiner Rechten und wandte den Kopf. Moreau sah nicht mehr in den Spiegel – sondern direkt in ihre Augen. Und die Nachricht, die sie darin las, war unmissverständlich klar: Warum zur Hölle setzt du dich neben mich?

Nun, sie hatte einen schlechten Tag und würde sich heute von keinem Mann erzählen lassen, was sie zu tun und zu lassen hatte. Weder von ihrem Bruder noch von dem breitschultrigen Halbgott vor ihr, in dessen grauen Augen sich das schummrige Licht spiegelte.

»Alles okay?«, wollte sie leise wissen. Wusste nicht, ob sie fragte, weil sein Kiefer so angespannt war, oder weil er irgendwie … einsam wirkte.

So oder so antwortete er nicht.

Stattdessen ließ er seine Bierflasche los und neigte kaum merklich den Kopf. Seelenruhig sah er an ihr hinab. Als wäre es sein gutes Recht, nachdem sie ihn ebenfalls schamlos angestarrt hatte.

Eine Gänsehaut kletterte ihren Rücken hinab, während sein Blick über ihren bloßen Hals wanderte und kurz an der Stelle hängen blieb, an der ihr Puls viel zu schnell schlug. Dann arbeitete er sich ihren Oberkörper und die Beine hinab, bis zu ihren flachen Ballerinas vor. Hitze sammelte sich in ihrem Unterleib und Anna presste die Oberschenkel zusammen. Das schwarze Kleid war hochgeschlossen und reichte ihr bis zu den Knien. Es war weder besonders aufreizend noch eng. Trotzdem hatte sie das Gefühl, dass ihr Gegenüber zu viel sah. Sie fühlte sich nackt unter seinem Blick.

Auf die … beste Art und Weise.

Die Hitze strömte nun auch in ihre Brust und Wangen. Großer Gott. Seit wann war ihr Körper so leicht zu beeinflussen?

Sie räusperte sich vernehmlich und war froh, als der Barkeeper ihr den Gin Tonic über die Theke reichte, sodass ihre Hände etwas zu tun hatten. Hastig nahm sie einen Schluck, während sie aus den Augenwinkeln sah, wie Moreau es ihr gleichtat. Er setzte die Bierflasche an die Lippen und nahm einen tiefen Zug. Sein Adamsapfel hob und senkte sich dabei und ihr Griff ums Glas wurde fester.

Anna machte ihren Facharzt in einem Krankenhaus, das speziell auf Sportverletzungen ausgerichtet war. Sie wurde tagtäglich mit muskulösen Männern konfrontiert, die schamlos mit ihr flirteten. Sie war immun gegen äußerliche Reize! Zumindest hatte sie das bis gerade eben geglaubt.

»Du bist Lucas Moreau, nicht wahr?«, fragte sie mit unangenehm heiserer Stimme. Einfach, um die Stille zu füllen. »Der Goalie der Hawks.«

Er reagierte nicht. Ließ die Bierflasche nur langsam wieder auf die Theke sinken.

»Also, ich bin …«

»Anna«, sagte er ruhig.

Sie öffnete die Lippen und ein Schauder lief ihren Rücken hinab. Es war nur ein Wort gewesen. Nur ihr Name. Aber seine Stimme … Sie war rau, als würde er sie selten benutzen. Aber gleichzeitig so weich. So dunkel. Fühlte sich an wie schwarzer Samt, der sich um ihre Schultern legte.

»Nun, ja«, erwiderte sie langsam.

Er nickte. »Ich weiß.«

»Aber wieso? Kennen wir uns? Ich dachte nicht, dass …« Sie brach ab und ihre Schultern sackten nach unten. »Oh mein Gott. Dax hat euch ein Foto von mir gezeigt und euch gewarnt, dass ich komme, oder? Damit niemand auf die Idee kommt, auch nur mit mir zu flirten.«

Moreau antwortete nicht, doch das war gar nicht nötig.

»Fantastisch«, quetschte sie zwischen den Zähnen hervor und stürzte den Rest ihres Gin Tonic in einem Zug hinunter. Heute war so ein Abend. »Der Arsch hat mir einen verbalen Keuschheitsgürtel verpasst!«

Moreaus Mundwinkel zuckten, doch er schwieg weiter.

»Und keiner von euch Helden hat Dax den Vogel gezeigt und ihm erklärt, dass ich ein Mensch bin, nicht etwa sein Hund oder Goldschatz?«

»Nein«, erwiderte ihr Nebenmann unbeteiligt.

»Warum nicht? Habt ihr alle Angst vor ihm?«

Das kommentierte Moreau nur mit einem leisen Lachen, gefolgt von einem Kopfschütteln.

Sie seufzte. Ein wenig, weil ihr Bruder wirklich das Letzte war. Ein bisschen auch, weil Moreaus Lachen in ihrem Nacken prickelte. Unterm Strich brauchte sie dringend noch etwas zu trinken! Sie klopfte auf die Theke, um dem Barkeeper zu bedeuten, dass sie einen weiteren Gin wollte.

»Entschuldigung. Wir haben hier keinen Gin mehr, Ma’am. Drinnen an der Hauptbar bestimmt, aber … ähm, soll ich neuen holen?«, fragte er hastig, als er ihren unzufriedenen Blick sah.

»Ja. Am besten zwei Flaschen.«

Der Jüngling nickte und verließ im nächsten Moment die Bar.

»Er hat mich Ma’am genannt, hast du das gehört?«, wollte sie von Moreau wissen. »Weise Frauen, die Ma’am genannt werden, können selbst entscheiden, mit wem sie in die Kiste hüpfen wollen und mit wem nicht, oder?«

»Das ist mit Sicherheit ein Kriterium«, erwiderte der Goalie trocken.

Sie unterdrückte ein Lächeln. »Eben! Und wenn ich so viel herumvögeln wollte wie ihr dämlichen Hockeyspieler, dann könnte ich das!«

Er prostete ihr zu. »Danke.«

Anna zog eine Grimasse. »Du weißt, was ich meine.«

Er sagte nichts und erneute Stille überfiel sie.

Anna konnte nicht gut mit Stille umgehen. In ihrer Jugend hatte sie zu oft die Ruhe vor dem Sturm bedeutet. Also fragte sie: »Willst du nicht rein zu der Feier?«

»Nein.«

»Warum bist du dann hier?«

»Pflichtveranstaltung.«

»Ah.«

Wieder kam die Unterhaltung zum Stillstand.

»Du redest nicht viel, oder?«

Er schwieg.

»Hat dir schon einmal jemand gesagt, dass du eine sehr düstere, autoritäre Ausstrahlung hast, die ängstlichere Menschen vermutlich zum Verstummen bringen würde?«

Er wandte ihr langsam den Kopf zu und hob eine einzelne Augenbraue.

Sie grinste breit. »Das deute ich als Ja. Ich bin ein wenig neidisch. Dir würde niemand verbieten, mit deinen Teamkollegen zu flirten.«

Moreau schüttelte kaum merklich den Kopf. »Ich flirte nie.«

Sie lachte. »Nie? Aber wie bekommst du dann Frauen ins Bett?«

Moreau sagte nichts. Stattdessen hob er gemächlich einen Mundwinkel und sah erneut an ihr hinab. Doch diesmal verdunkelten sich seine Augen. Sie wurden zu unheil- und doch erwartungsvollen Gewitterwolken, während er sie mit dem Blick abtastete. Und es fühlte sich an, als wären es seine Hände, die über ihre Haut fuhren. Unter den Saum ihres Kleides. In prickelnden Schlieren ihre Beine hinab. Ihre Konturen wieder herauf. Bis er an ihren Lippen hängen blieb, die augenblicklich anfingen zu brennen.

Neue Hitze flutete ihren gesamten Körper und ihr Atem beschleunigte sich. Ja, es war wirklich viel zu lang her, dass jemand sie berührt hatte, und das hier war lächerlich. Trotzdem erschauderte sie auf ein Neues. Wie zur Hölle machte der Kerl das?

»Ah. So also«, meinte sie heiser, wischte die Handflächen an ihrem Kleid ab und leckte sich über die plötzlich trockenen Lippen.

Moreau nickte nur und sein Blick huschte ein letztes Mal zu ihrem Mund, bevor er sich abwandte und nach seinem Bier griff. Sie folgte seiner Bewegung. Sah, dass seine Knöchel weiß hervortraten, als er die große Hand um die Flasche legte. Fragte sich, wie es sich anfühlen würde, wenn sie an ihrer Stelle wäre. Wenn Moreau sie anfasste. Wenn sein Daumen über ihren, nicht über den Flaschenhals fuhr. Fragte sich, ob seine Berührungen rau oder weich waren. Grob oder sanft. Hoffte auf beides.

Etwas Süßes, Schweres sank ihren Unterleib hinab, sodass sie ihre Hände im Schoß verschränkte und die Oberschenkel noch enger zusammenpresste. Denn allein die Vorstellung machte sie an. Und als sie aufsah, merkte sie, dass Moreau ihrer Geste mit dem Blick gefolgt war – seine Iriden noch eine Spur dunkler als zuvor.

Ihr Puls schoss weiter in die Höhe und sie öffnete die Lippen. Hatte das Gefühl, sonst nicht genug Luft zu bekommen.

Scheiße, seine Blicke waren gefährlich.

Hastig wandte sie ihren ab und fragte leise: »Deiner professionellen Meinung nach: Ist Dax nur ein Idiot, wenn er mit mir zusammen ist, oder ist das ein allgemeines Problem?«

Moreaus Mundwinkel zuckten und ihr verräterischer Unterleib gleich mit. »Letzteres.«

»Das dachte ich mir.« Sie hob ihr Glas an die Lippen und erinnerte sich daran, dass es leer war. Seufzend stellte sie es zurück und redete weiter, einfach weil Moreau es nicht tat. »Weißt du, Dax will, dass ich mir meinen Traumprinzen suche und mein Happy End finde. Als wäre es meine Pflicht als Frau oder zumindest als seine Schwester, ein monogames Leben zu führen und für immer glücklich mit einem langweiligen Kerl zu werden. Dabei glaube ich nicht an Für immer glücklich. Glück existiert immer nur für kurze Zeit. Und ich darf so oft kurzfristig glücklich sein, wie ich will!«

Sie spürte Moreaus Blick auf ihrem Gesicht. Fühlte mehr, als dass sie es sah, wie er sie anstarrte.

Sie schluckte und wandte langsam den Kopf. »Oder … Lucas?«

Sein kantiger Kiefer arbeitete, bevor er dunkel murmelte: »Niemand nennt mich Lucas.«

»Wäre dir Killer lieber?«

»Nein.«

»Also bleiben wir bei Lucas«, entschied sie. Denn ihr ging es auf die Nerven, dass sich all die Hockeyspieler nur mit Nachnamen ansprachen. Als würden sie ständig ihr eigenes Spiel kommentieren. »Wenn du irgendwelche Einwände hast, rede jetzt ununterbrochen fünf Minuten lang.«

Erwartungsvoll sah sie ihn an. Sekunden verstrichen, bevor Lucas das Kinn senkte … sodass der Schatten seiner Nase beinahe sein breites Lächeln verschluckt hätte. Beinahe.

Aber Anna sah es. Sie spürte es. Überall. Wie Schmetterlinge in ihrer Brust. Fingerkuppen, die ihre nackten Arme hinauffuhren und Brandspuren überall dort hinterließen, wo sie sie berührten.

Denn sein Lächeln war wundervoll. Es ließ ihr Herz stolpern und erhitzte die süße Schwere in ihrem Unterleib, bis nichts anderes mehr auf der Welt existierte als seine Lippen.

 »Du bist deinem Bruder doch ähnlicher, als alle denken«, murmelte Lucas nach einer Weile kaum hörbar und sein Blick verhakte sich mit ihrem. »Du spielst dreckig.«

Dreckig. Das Wort hing zwischen ihnen und brachte die Luft zum Knistern. Hallte scheinbar hundertfach wider.

»Ich weiß nur, was ich will«, erwiderte sie leise und ihre Hände verkrampften sich im Saum ihres Kleides. Denn es war die Wahrheit. Jetzt gerade wusste sie, was sie wollte.

Und auf einmal fühlte sie sich mutig. Sorglos. Waghalsig. Denn als Lucas’ Blick zurück zu ihren Lippen wanderte, wusste sie, dass alles möglich war. Dass sie nicht würde warten müssen, bis sie endlich etwas leben konnte. Dass die Auszeit aus ihrem Kopf, aus ihrem Leben, nach der sie sich seit Ewigkeiten sehnte, ihr direkt gegenübersaß.

Sie schluckte, während Lucas wieder in ihre Augen sah. Seine Iriden ein dunkles Grau, das den Sturm widerspiegelte, den er in ihrem Inneren losgetreten hatte.

»Und was ist das?«, fragte er rau. »Was willst du?«

»Küssen, wen ich will. Nach Hause gehen, mit wem ich will. Denn das ist meine Entscheidung, oder?«

»Sicher.«

Sie rutschte von ihrem Hocker, ging zu seinem … zog seinen Kopf zu sich herunter und presste ihre Lippen auf seine.

Bevor sie den Mut verlor. Bevor ihr müdes Gehirn ansprang und Tu es nicht! schrie. Einfach, weil sie wollte. Weil Adrenalin und Verlangen den Stress, die Unruhe, die Panik einfach aus ihrem Körper spülten. Und weil dieser Mann es schaffte, sie mit nur einem einzigen Blick fühlen zu lassen, als wäre sie nicht nur die Schwester von irgendwem. Sondern einfach nur eine Frau. Nicht mehr und nicht weniger.

Seine Lippen trafen auf ihre … und die Zeit stand still. Knisternde Sekunden, in denen sich niemand von ihnen bewegte, streckten sich zu brennenden Stunden.

Und dann spürte Anna seine große, warme Hand in ihrem Nacken. Seinen Daumen, mit dem er ihr Kinn hochdrückte. Seine Lippen, die ihren entgegendrängten, während er den Kuss vertiefte.

Anna trat zwischen Lucas’ Beine. Öffnete den Mund unter seinem, schmeckte Bier und Mann und Freiheit, schlang die Arme um seinen Hals und ließ sich in seine Wärme sinken. Ein längt vergessenes Gefühl der Leichtigkeit durchfloss sie und lähmte ihre Gedanken. Ein erstes Mal in ihrem Leben war sie unfähig dazu, sich Sorgen zu machen. Die nächsten zehn Schritte zu planen. Für ein paar selige Augenblicke hob sich die Last von ihren Schultern. Der Stress wurde von Hitze und Verlangen und Lucas’ Händen in ihren Haaren verdrängt.

Sie krallte die Nägel in seine Haare und ihre Zunge traf seine. Der Geruch nach etwas Süßem – Honig? – drang in ihre Nase. Die ganze Welt trat in den Hintergrund, da war nichts mehr außer sein Geschmack und seine Berührung, die heiße Schlieren auf ihrer Haut hinterließ. Auf ihren Armen, ihrer Taille, am Saum ihres Kleides. Es fühlte sich an, als würden sie beide ertrinken – und sie waren das einzig Verlässliche, an dem sie sich festhalten konnten.

Es war das perfekte Glück. Doch es war nur kurzfristig.

»Fuck«, keuchte Lucas an ihrem Mund und im nächsten Moment löste er sich ruckartig von ihr. Seine Stirn nur Zentimeter von ihrer entfernt. Die Pupillen riesig, der Atem schwer. »Nein. Fuck, nein. Nicht mich.«

Annas Lunge arbeitete hektisch und noch immer etwas durcheinander vom Kuss blinzelte sie ihn an. »Was? Warum nicht?«

»Weil ich nicht lebensmüde bin.« Sie hörte ihn schlucken, bevor er sie grob an der Hüfte packte und nach hinten drängte. Weg von ihm.

»Was? Aber …«

»Du bist Dax’ Schwester«, wisperte er heiser und schloss die Augen.

»Und? Mein Bruder hat mir befohlen, heute Spaß zu haben …«

Er lachte trocken. »Nicht so

»Woher willst du das wissen? Er war sehr vage.«

»Anna …« Sein Blick huschte wieder zu ihren Lippen – doch er schüttelte den Kopf. Umfasste ihre Schultern und schob sie noch ein Stück weiter von sich. Als bräuchte er den Abstand.

Die Hitze in ihrem Inneren ebbte nicht ab. Doch sie wandelte sich. Von Verlangen zu Wut.

Sie war also doch nur noch Dax’ Schwester.

»Ah.« Sie nickte hart und presste die Lippen zusammen. »Also hast du doch Angst vor Dax?«

Lucas lachte heiser, als wäre allein die Vorstellung absurd … und plötzlich kroch Unsicherheit in ihren Kragen. Der Wagemut von vorhin verpuffte. Wenn er keine Angst vor Dax hatte, dann …

Gott, was tat sie hier? Natürlich hatte das nichts mit ihrem Bruder zu tun und alles mit ihr. Er war ein berühmter, heißer Hockeyspieler und sie … nur die Schwester eines seiner Teamkollegen, die sich ihm gerade an den Hals geworfen hatte.

Scheiße. Was war nur über sie gekommen? Sie schluckte mehrfach. »Okay, sorry. Ich verstehe. Ich wollte nicht … es war nicht mein Plan, dich …« Sie schüttelte den Kopf und sah zu Boden. »Natürlich. Du … willst nicht. Du bist nicht interessiert. Entschuldigung.«

Sie trat einen Schritt zurück und presste die Lippen aufeinander.

Moreau atmete lang und tief aus. Als sie den Blick hob, bemerkte sie, dass er die Kante der Theke umfasste und seine Knöchel erneut weiß hervortraten. »Es ist egal, was ich will.«

Sie blinzelte. Verstand nicht, was er sagte.

»Du hast mich geküsst, weil dein Bruder meinte, dass du es lassen sollst.«

Einige Sekunden lang starrte sie ihn nur wortlos an – dann sank ihr Herz, während ihr Blutdruck in die Höhe schoss. Was bildete der Kerl sich eigentlich ein?

»Na, vielen Dank auch. Wenn du denkst, dass ich alle meine Entscheidungen auf Dax’ Wünschen basiere, bist du nicht besser als der Rest«, erwiderte sie kühl. Sie wandte sich von ihm ab, hatte genug von all diesen arroganten Männern, die das Gefühl hatten, bestimmen zu können, was sie dachte und was sie tun und lassen sollte, und wollte sich an ihm vorbeidrängen.

Doch sie kam nicht weit. Mit zwei rauen Fingern umschloss Lucas ihr Handgelenk und zog sie unsanft zurück.

»Okay«, sagte er schroff und verengte die Augen. »Ich spiel mit: Warum hast du mich sonst geküsst?«

»Weil ich es wollte«, meinte sie ungerührt und entwand ihm ihre Hand. »Weil es seit langer Zeit das Erste war, das ich wirklich wollte … und von dem ich einen flüchtigen Moment lang dachte, dass ich es tatsächlich haben kann.«

Lucas sah sie schweigend an.

Wundervoll. Sie seufzte und schloss die Augen. »Schade. Ich finde, wir waren ganz kompatibel, und habe ein wenig gehofft, zusammen mit dir etwas Stress abbauen zu können. Aber …« Sie rieb sich mit der Faust über das noch immer schnell hämmernde Herz und atmete tief durch. »Weißt du, mein Leben besteht zurzeit aus Arbeit, Prüfungen und Lernen. Da wäre es ganz nett, ab und zu eine Ablenkung zu haben. Zwanzig Minuten die Woche, in denen ich nicht denken muss. Aber ich bin offensichtlich nicht die Einzige, die sich Regeln von Dax Temple auferlegen lässt.«

Ruckartig trat sie zurück und lief in Richtung der unbesetzten Garderobe. Sie wollte gerade nach der hüfthohen Tür greifen, um sich ihre Jacke einfach selbst zu holen, als sich eine besitzergreifende Hand auf ihre legte und sie schon wieder zum ruckartigen Stillstand zwang.

»Ablenkung«, wisperte eine dunkle Stimme an ihrem Ohr und ihr Atem verfing sich in ihrem Hals, als sanfte Lippen darüberstrichen. »Ist das alles, was du willst?«

Sie spürte Lucas’ Hitze an ihrem Rücken. Seine freie Hand auf ihrer Hüfte, mit der er sie langsam zurückzog, und ihr Herzschlag beschleunigte sich. »Ja. Das ist alles.«

»Kurzfristiges Glück?«

»Ja.«

»Dax …«

»Wird es nie erfahren.«

Sie spürte, dass er nickte. Merkte es daran, dass seine Lippen dabei federleicht über ihren Hals fuhren, bevor sein Bart über die empfindliche, gereizte Haut kratzte.

Ihr leises Keuchen wurde von Lucas’ Worten aufgefangen. »Ich hab nur eine Regel.« Er schob die Hände ihre Hüfte hinab, schlüpfte mit den rauen Fingern unter ihren Rocksaum, bis er bloße Haut fand. Kreise auf der Innenseite ihrer Schenkel zog. Höher glitt.

»Welche?«, hauchte sie und schloss die Augen. Ließ sich gegen seine harte Brust sinken. Spürte an ihrem Hintern, dass er groß und bereits hart war. Ihretwegen.

»Keine Lügen. Kein Gerede. Nur Sex.«

»Kein Gerede? Was soll das denn bedeuten, ich …«

Er biss ihr sacht in den Hals, bevor er mit dem Zeigefinger die Umrisse ihres Slips nachfuhr, immer die Mitte ausließ.

Sie unterdrückte ein Stöhnen. »Okay«, keuchte sie. »Kein Gerede. Noch etwas?«

»Ja.«

»Was?«

»Kein Drama.«

»Was meinst du?«

»Ich will, dass du mir sagst, dass es nichts gibt, was dich – und deshalb mich – in die Presse bringen könnte. Sie lassen mich in Ruhe. Das bleibt so. Das werde ich für keine Frau der Welt riskieren.«

Sie zögerte.

Die Presse interessierte sich für Dax – aber nicht für sie. Und das würde sich nur ändern, wenn … ihre Familiensituation näher untersucht würde. Wenn herauskäme, dass Dax’ größter Konkurrent ihr Bruder war. Dann würden die Journalisten auch sie befragen. Sie verfolgen.

Ja, das könnte Lucas Moreau missfallen. Dass sie noch einen zweiten Bruder hatte, der professionell Hockey spielte und womöglich bald zu den Hawks wechselte … dessen Beschützerinstinkt ebenso groß war wie der von Dax. Und der die Macht besaß, den größten Medienzirkus ihres Lebens loszutreten.

Aber niemand wusste es! Niemand würde es erfahren. Dafür würde Dax sorgen.

»Kein Problem«, murmelte sie. »Es gibt nichts.«

»Gut.« Seine Lippen fanden ihr Ohrläppchen, ihren Kiefer. »Nur noch eine letzte Sache.«

»Welche?«

»Zwanzig Minuten reichen mir nicht.« 

Im nächsten Moment drängte er sie in die Garderobe, drehte sie in seinen Armen und senkte den Mund erneut auf ihren. Küsste ihr die letzten Bedenken und vielleicht auch den Verstand aus dem Kopf, bevor sie das erste Mal seit Monaten abschaltete und nur noch fühlte.

Das Examen rückte in weite Ferne. Die unbeantwortete Mail in ihrem Postfach verpuffte zu Rauch. Und die Sorge, dass jemals jemand erfahren könnte, dass Jack West ihr Bruder war, war völlig unbegründet …

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