Prolog
Du hast mich mal gefragt, worüber ich am meisten weiß.
Es war unser drittes Date. Wir saßen in irgendeiner schäbigen Bar, Johnny Cash sang von seinem Leid und du wolltest wissen, auf welchem unerwarteten Gebiet ich Expertin bin. Worüber ich ohne Vorbereitung einen zehnminütigen Vortrag halten könnte.
Ich bin rot geworden, habe am Kerzenwachs auf der Tischplatte geknibbelt und schließlich mit den Schultern gezuckt. Ich hatte keine witzige, tiefsinnige oder intelligente Antwort auf diese Frage. Ich war zu unsicher. Zu jung. Zu verliebt in dich, um zu riskieren, dich mit einem Vortrag über Wolkengattungen und ihre Erkennungsmerkmale oder Goethes Farbenlehre abzuschrecken.
Doch gerade habe ich dein altes Beatles-Shirt übergezogen – das zerschlissene graue Ding, das du jeden zweiten Tag getragen hast und das deinen Geruch trotzdem schon vor Monaten verloren hat – und mich an diese Frage zurückerinnert.
Weißt du was, Phil? Ich kann sie nun beantworten.
Es gibt etwas, über das ich durch dich – ohne dich – eine Menge gelernt habe. Etwas, worüber ich mehr weiß als jeder andere …
Stille.
Ich hatte im letzten Jahr eine Menge Zeit, über ihre Bedeutung nachzudenken. Ihre Vielfalt zu ergründen. Die Last, die Freude, die Hoffnung und den Schmerz zu analysieren, den sie mit sich bringen kann. Ich könnte Hunderte von Worten finden, um Stille zu beschreiben. Hunderte Arten der Stille benennen. Ich bin mittlerweile Expertin darin, sie heraufzubeschwören. Sie zu ertragen. Sie ungenutzt an mir vorbeiziehen zu lassen. Sie zu genießen. Mich nach ihr zu sehnen und vor ihr wegzulaufen.
Sie hat Tausende Gesichter … Tausende Farben.
Sie ist zartrosa, so wie damals kurz vor unserem ersten Kuss. Verheißungsvoll und süß hing sie zwischen uns in der Luft, bevor du deine Hand in meinen Nacken gelegt und geflüstert hast: „Ich warte seit Monaten darauf, das hier zu tun, Ellie Montgomery.“
Sie ist sonnengelb, erwartungsvoll und gespannt, als du mich gefragt hast, ob ich dich heiraten will und ich um Worte gerungen habe. Obwohl doch eigentlich klar war, dass die Antwort auf diese Frage „Ja, natürlich, du Dummkopf! Ich liebe dich“ hätte lauten müssen und nicht etwa „Okay, wenn du schon so höflich fragst.“
Die Stille hat uns begleitet, schwarz und hässlich, als wir auf dem Rückweg vom Krankenhaus im Auto saßen, um ungesagte Worte und so viel Zeit betrogen.
Sie klammerte sich an mir fest, grau, schwer und unnachgiebig, als du aufgehört hast zu atmen. Sie hat sich nachtschwarz in den Ritzen meines gebrochenen Herzens versteckt. Ist in die Löcher gekrochen, die du hinterlassen hast. Hat sich auf meiner Zunge festgesetzt und sich in meine Gedanken gedrängt.
Sie hing tiefblau in unserer Wohnung, in der du mich allein zurückgelassen hast. Sie kam zu mir ins Bett, hielt mich mit Erinnerungen an dein Gelächter warm und trieb mich mit ihrer drückenden Hoffnungslosigkeit in den Wahnsinn. Sie dröhnte in meinen Ohren und verschluckte meine Tränen. Sie war mein Feind und mein Freund und sie verfolgt mich noch heute.
Du würdest es albern finden, dass ich angefangen habe, ihr Farben und Schattierungen zuzuordnen. Du hast die Dinge schon immer schwarz und weiß gesehen. Hättest der Stille nicht denselben Facettenreichtum zugestanden wie ich.
Doch Stille zu analysieren und zu versuchen, ihre Bedeutung auf der Leinwand einzufangen, hat mir dabei geholfen, mich abzulenken. Diese womöglich sinnlose Aufgabe hat meine leeren Stunden gefüllt und meine nutzlosen Finger beschäftigt. Sie hat mir etwas gegeben, an dem ich mich festhalten konnte, wann immer die Einsamkeit zu kalt und meine Gedanken zu laut wurden.
Mittlerweile finde ich Stille tröstlich. Denn jede einzelne ihrer Farben erinnert mich an dich. Sie nimmt mir die Angst davor, dich komplett zu verlieren. Eines Tages aufzuwachen und nur noch den Schatten einer Erinnerung an dich in meinem Herzen zu finden.
Die Farben helfen mir, deinen Geruch oder dein Lachen nicht zu vergessen. Dich festzuhalten. All die kleinen sinnlosen Details, die ich über dich weiß, geliebt oder gehasst habe, nicht in dem Durcheinander meiner Gedanken zu verlieren.
Denn mir ist nicht mehr viel von dir geblieben, Phil.
Dein graues Shirt. Gesprächsfetzen aus unseren gemeinsamen Jahren. Die ohne dich viel zu leere Wohnung.
Die Stille.
Die Stille und die Farben, die sie mit sich bringt.
Kapitel 1
Nachtschwarz
Die Stille, die du hinterlassen hast.
„Ich verstehe nicht.“ Das Holz des Stuhls knarzte, als ich mich mit gerunzelter Stirn nach vorne lehnte. „Was soll das heißen … er hat mir ein Haus in Wales hinterlassen?“
„Nun, eben genau dies“, sagte Herr Thebor mit seiner ruhigen, tiefen Stimme. Sie erinnerte mich immer an ein schweres Leintuch, das man über eine zu helle Lampe wirft. Sie umgibt mich weich, dämpft den Schmerz – aber irgendwie regt sie mich auch auf. „Er hat Ihnen ein Cottage etwa siebzig Kilometer von Cardiff in einem Ort namens …“ Er blätterte in dem Papierstapel auf dem Tisch. „… Swan Haven vermacht.“
„Aber …“ Ich blinzelte verwirrt und schüttelte den Kopf. „Phil hatte kein Haus in Wales.“
„Doch. Er hat es kurz vor seinem Tod gekauft.“
Ein trockenes, falsches Lachen drang meinen Hals hinauf und polterte über meine Lippen. „Ach, hat er das? Na, dann hat er wohl einfach vergessen, es zu erwähnen. Sein Kopf war ja auch recht voll mit dem Gehirntumor!“, fuhr ich ihn an und sprang auf.
Herr Thebor zuckte zurück und riss dabei beinahe den Papierfriedhof vor ihm zu Boden. „Frau Stahl, beruhigen Sie sich!“
„Mein Name ist Montgomery, ich habe ihn nie ändern lassen“, erwiderte ich gereizt. Das war etwas, das Philip immer aufgeregt hatte, doch ich war nie bereit gewesen, meine britischen Wurzeln komplett hinter mir zu lassen. „Und ich fühle mich nicht danach, mich zu beruhigen! Mein toter Ehemann hat offenbar ein Haus gekauft und es mir verschwiegen und Sie haben ein verdammtes Jahr gebraucht, um es mir gegenüber zu erwähnen!“
„Okay“, schaltete sich Leonie ein, die neben mir saß. Mit sanfter Gewalt zog meine Freundin mich zurück auf den Stuhl. „Es ist offensichtlich, dass diese Neuigkeit dich aufwühlt. Aber lass Herrn Thebor doch erst einmal erklären, bevor du sein Gesicht deformierst, in Ordnung?“
Wütend sah ich sie an. Sie hatte gut reden. Wenn ihr Ehemann ein Haus in Wales kaufen würde, ohne es mit ihr zu besprechen, könnte sie ihn anschreien oder auch umbringen. Meiner aber war schon tot! Meiner hatte mir immer und immer wieder erklärt, wie sehr er Geheimnisse hasste und wie wichtig ihm Ehrlichkeit war … und jetzt erzählte mir der Anwalt, der für sein Testament zuständig war, dass Phil mich belogen hatte? Dass er ein ganzes Haus vor mir geheim gehalten hatte?
„Wie kann es überhaupt sein, dass Ihnen das erst jetzt auffällt?“, verlangte ich zu wissen und verschränkte krampfhaft die Hände im Schoß. „Ein Jahr nach … ein Jahr nach seinem Tod?“
Herr Thebor besaß den Anstand, den Blick zu senken und nervös an seiner Krawatte zu zupfen. „Es tut mir aufrichtig leid, Frau Montgomery, aber auch ich habe erst vor ein paar Tagen von dem Haus erfahren. Wie es scheint, hat Ihr Mann kurz vor seinem Tod ein neues Testament verfasst. In seinem alten wird das Haus nicht erwähnt. Doch vor ein paar Wochen haben Ihre Schwiegereltern das aktualisierte Testament in einem ihrer Fotoalben entdeckt und es mir zugeschickt.“
Verblüfft öffnete ich den Mund, wollte etwas sagen – doch die Worte blieben mir am Gaumen kleben.
„Wie bitte?“, fragte Leonie an meiner Stelle und ließ abrupt meinen Arm los. „Aber warum haben Herr und Frau Stahl Ellie denn nicht Bescheid gegeben?“
„Ich gehe davon aus, dass sie Sie nicht unnötig durcheinanderbringen wollten, falls das aktualisierte Testament nicht legitim ist“, sagte Herr Thebor langsam und warf mir einen weiteren entschuldigenden Blick zu. „Gerade in Anbetracht der Tatsache, dass gestern …“ Er räusperte sich vernehmlich und senkte die Stimme, als er weitersprach: „Dass gestern sein Todestag war.“
Meine Hände wurden klamm und die bleierne Luft, die meine Lungen füllte, drückte auf meinen Magen. Warum sagte er das so vorsichtig? Als würde er mir ein Geheimnis verraten.
Er redete, als ob ich es nicht wüsste. Als ob mir nicht klar wäre, dass Phil vor genau einem Jahr und einem Tag gestorben war.
Ich schloss die Augen und schluckte den dolchförmigen Stein in meinem Hals hinunter. Ich hatte den gestrigen Tag allein in meinem Atelier verbracht. Umgeben von Farbdämpfen und Erinnerungen, die mich gleichermaßen betäubten. Den Anruf von Herrn Thebor hatte ich erst heute Morgen gesehen.
Zwölf Monate und einen Tag war es her …
Gott, wie konnte es sein, dass dieses neue Testament erst jetzt aufgetaucht war? Warum hatte Phil es nicht offensichtlicher deponiert? Oder hatte er gehofft, dass seine Eltern erst später darauf stoßen würden? Dass ein wenig Zeit vergangen war, in der ich mich beruhigen, seinen Tod verarbeiten … und schließlich einen Neuanfang in Wales wagen konnte? Allein? Vielleicht hatte er gehofft, dass ich mich ein paar Monate nach seinem Tod darüber freuen würde, plötzlich ein Haus zu besitzen … und nicht etwa wütend sein würde, dass mein Ehemann dieses Geheimnis mit in sein verdammtes Grab genommen hatte!
Ich musste ein Schnauben zurückhalten. Wahrscheinlich hatte er allen Ernstes geglaubt, dass ich die Fähigkeit verlieren würde, sauer auf ihn zu sein, nur weil er nicht mehr existierte.
Nun, da hatte er sich geirrt. Ich hatte nichts vergessen. Nichts verloren. Nichts überwunden. Dieses Haus … es änderte nichts. So wie keiner der letzten 366 Tage etwas geändert hatte.
Ich atmete tief durch, während die entstandene Stille feuerrot in meinen Ohren brannte. Es war eine heiße, prickelnde Stille, die neue Wut entfachte und alte Wunden aufriss.
Wales. Ausgerechnet Wales.
Ich hatte Jahre davon geträumt, dass Phil zusammen mit mir nach Großbritannien zurückkehrte … aber was brachte es mir jetzt, ein Haus dort zu haben, wenn er nicht mehr da war? Was sollte ich mit einem Cottage ganz für mich allein, das ich nicht mit gemeinsamen Erinnerungen füllen konnte?
„Schön“, sagte ich heiser und hob den Blick. „Also ist es das? Legitim? Das Testament.“
„Ja, ist es“, meinte Herr Thebor und nickte, bevor er die Papiere vor sich zusammenschob und in eine Mappe legte. „Hier sind alle Unterlagen, die Sie brauchen. Lageplan, Kaufvertrag, Energieausweis, Schlüssel.“ Er tippte auf einen klobigen Schlüsselbund mit grünem Herzchen-Anhänger aus Leder, der in einer Bronzeschale neben der Mappe lag. „Das Haus gehört nun Ihren.“
Ich biss auf meine Unterlippe, steckte den Schlüssel ein, nahm den Hefter entgegen und nickte.
Ich besaß ein Haus in Wales. In meinem Heimatland, nicht weit von meiner Familie in Cardiff entfernt.
Noch nie hatte ich es weniger gewollt.
Erst als ich auf dem Bürgersteig vor den Büroräumen stand, wurde mir klar, wie warm und stickig die Luft bei Phils Anwalt gewesen war. Die beißende Februarkälte begrüßte mich mit einem zärtlichen Schlag ins Gesicht und ließ mich leichter atmen.
Die Mappe über den Hauskauf wog schwer, doch gleichzeitig war sie unsichtbar. Was sollte das hier?
Leonie stand neben mir und rang unschlüssig die Hände. „Er … er wollte dich bestimmt damit überraschen“, murmelte sie zögerlich und legte den Arm um mich. „Deswegen hat er es dir nicht erzählt. Weil er dich selbst aus dem Grab heraus noch glücklich machen wollte.“
„Er hat Überraschungen gehasst, Leonie“, stellte ich tonlos fest.
„Ja. Aber er wusste, dass du sie liebst.“
Ich biss auf meine Unterlippe und nickte. Zumindest das stimmte.
Philip hatte Spontaneität und Geheimnissen nie viel abgewinnen können. Er war Informatiker gewesen, sein Herz ein Taschenrechner, sein Kopf ein Arbeitsspeicher – mit dieser absurden Aktion schien er sich fast ein wenig über mich lustig zu machen. Schließlich hatte er immer mal wieder amüsiert bemerkt, ich hätte mir den falschen Ehemann gesucht, wenn ich spontane Gesten und romantische Überfälle bräuchte.
Trotzdem hatte er meinen verrückten Impulsen hin und wieder nachgegeben und seine Pläne von mir durcheinanderwerfen lassen. Wenn auch mit einem gespielt gequälten Gesichtsausdruck und dem Kommentar „Weil ich dich liebe“.
Ich wusste jedoch, dass er es insgeheim genossen hatte, von mir aus seinem Alltag gerissen zu werden. Dass er es gebraucht hatte, um neue Energie zu tanken. Den Kopf freizubekommen. So wie ich seine Sicherheit und Ruhe gebraucht hatte, um nicht über das Ziel hinauszuschießen.
„Gott, was soll ich mit einem Cottage in Wales, Leonie?“, stöhnte ich und legte den Kopf in den Nacken.
„Ist das dein Ernst?“, erwiderte meine Freundin ungläubig. „Ich würde mich sehr über ein Ferienhaus in Großbritannien freuen!“
„Ich kann es mir nicht leisten, ein Ferienhaus zu unterhalten“, meinte ich seufzend. In meinem Portemonnaie befanden sich zwanzig Euro, ein Pfandbon über fünfundsiebzig Cent, eine rostige Büroklammer und zwei Knöpfe. Mein Konto sah leider nicht viel besser aus – und soweit ich wusste, waren Knöpfe keine gute Wertanlage.
Ich hatte das letzte Jahr nur so viel gearbeitet wie unbedingt nötig und schon die Miete für die große Wohnung, die ich jetzt allein bezahlen musste, hatte nach und nach meine Ersparnisse geschluckt.
Phil hatte mir ein bisschen Geld hinterlassen – als App-Programmierer und Informatikprofessor verdiente man um einiges besser als als mittelmäßige Künstlerin und halbherzige Webdesignerin –, doch ich hatte es nicht über mich gebracht, auch nur einen Cent davon anzurühren.
„Dann verkauf es eben“, meinte Leonie und zuckte mit den Achseln. „Flieg hin, putz einmal durch und verscherbele es an den Höchstbietenden.“
Nachdenklich kratzte ich mich im Nacken. Das wäre natürlich eine Idee. Aber … dann würde ich Aachen verlassen müssen. Nur kurz, für ein paar Tage, vielleicht ein paar Wochen – dennoch.
Seit Phils Tod hatte ich keine Nacht mehr in einem fremden Bett verbracht. In fremder Umgebung. Ohne die wohlige Wärme, die meine lebendigen Erinnerungen an Phil in unserem Zuhause mir gaben.
Unwohl hob ich die Schultern. Der Gedanke, das zu ändern, gefiel mir nicht. Es würde sich anfühlen, als würde ich Phil … zurücklassen. Was, wenn ich zurückkehrte, und sein Geruch endgültig aus der Wohnung verschwunden war? Wenn die Erinnerungen an ihn verblassten, sobald ich sie mir nicht jeden Tag mit Hilfe unserer Einrichtung und seiner alten Kleidung ins Gedächtnis rief?
Mein Leben hier funktionierte. Ich befand mich nicht mehr in einem schwarzen Loch. Ich konnte arbeiten, ohne die Sinnhaftigkeit einer Website für lustige Toilettensitze zu hinterfragen, und traf mich für den nötigen sozialen Kontakt einmal die Woche mit Leonie. Die einzige Freundin, die nicht aufgehört hatte, mich zu ihren Partys einzuladen, weil ich die Stimmung drückte.
Und wenn sich die nachtschwarze Stille, die Phil hinterlassen hatte, unnachgiebig um mich zusammenzog, fand ich in jedem Möbelstück, jedem Bild, jedem Gegenstand auf meiner Fensterbank eine Erinnerung an ihn, die sie durchbrach. Das hier war unsere Stadt. Nicht meine, aber unsere. Und dieses Wort war in den vergangenen zwölf Monaten unbezahlbar wertvoll geworden.
„Warte, ist ein Foto dabei?“
Leonie schien von meiner inneren Unruhe nichts bemerkt zu haben. Sie nahm mir die Mappe ab und blätterte sie durch. „Ah, wow.“ Anerkennend hob sie die Augenbrauen. „Sieht wunderschön aus. Schau mal.“
Widerstrebend senkte ich den Blick auf das Bild, das sie mir unter die Nase hielt.
Ein graues Natursteinhäuschen mit von Efeu bewachsenen Wänden, einer roten Tür und einem weitläufigen, wild zugewucherten Garten lächelte mir entgegen. Hölzerne Fensterrahmen, ein kleiner Schornstein, aus dem dichter weißer Rauch drang, ein niedriges, verwittertes Mäuerchen, das den Garten umschloss. Es sah aus wie der Ort, der die Urahnen der irischen Mythologie dazu gebracht hatte, an Feen zu glauben.
Mein Herz zog sich schmerzlich-süß zusammen. Das Haus in Wales war … mein Traum. Der Einzige, den Philip nie mit mir geteilt hatte.
„Ja, es ist ganz hübsch“, gab ich zu, zog ihr die Unterlagen aus den Händen und setzte mich in Bewegung. Ich hatte auf einmal das Bedürfnis, möglichst schnell nach Hause zu kommen. An unsere gemeinsamen Träume zu denken und all die Streitereien zu vergessen, die wir wegen meinem geführt hatten.
Leonie folgte mir zögerlich und hakte sich bei mir unter. Sie öffnete mehrmals den Mund, sagte jedoch nichts.
Die Sonne stand mittlerweile hoch am Himmel, wärmte mein Gesicht und ließ die Kondenswölkchen glitzern, die vor unseren Mündern hingen. Eine träge Stille begleitete uns auf dem Weg durch die Altstadt. Grau und nichtssagend. Nicht schlecht, nicht gut, einfach nur da. Doch der Weg war nicht lang.
Wenn man so wie ich in der Aachener Innenstadt wohnte, brauchte man eigentlich kein Auto. Alle wichtigen Dinge sprangen einem praktisch vor der Tür ins Gesicht. Abgesehen davon fuhr ich ohnehin lieber Fahrrad oder Bus.
Herrn Thebors Kanzlei lag keine zehn Minuten Fußweg von meiner und Phils Wohnung entfernt, die sich in den obersten zwei Etagen eines schmalen, gelben Hauses befand, das im Zweiten Weltkrieg zerbombt und dann notdürftig mit Spucke und gutem Willen wieder zusammengeklebt worden war.
Als wir eingezogen waren, hatte Phil mir versprochen, dass ich die etlichen Treppenstufen zu unserer Wohnungstür bald gar nicht mehr merken würde. Ich müsse mich nur dran gewöhnen.
Als ich heute ächzend am obersten Absatz ankam und meine Beine sich anfühlten wie Wackelpudding, zog ein Lächeln an meinen Mundwinkeln.
Oh, Phil, du hattest in so vielen Dingen unrecht!
„Die Treppe wird auch jedes Mal länger, oder?“, meinte Leonie und schüttelte schweratmend den Kopf, die Hände in die Seiten gestemmt.
Ich nickte, sog hektisch Sauerstoff ein und suchte nach dem Wohnungsschlüssel. „Ich weiß. Und es hilft meiner Kondition nicht, dass ich im letzten Jahr über fünfzehn Kilo zugenommen habe.“
„Ach was.“ Leonie winkte ab. „Du siehst zauberhaft aus. Du hast halt Vorräte für schlechtere Zeiten angesammelt.“
Schnaubend schüttelte ich den Kopf. Nein, die schlechtesten Zeiten hatte ich gerade hinter mir. Ich war depressiv gewesen und hatte meine Einsamkeit in Schokoladentorte erstickt. „Du bist Polizistin, Leonie. Du solltest nicht lügen“, bemerkte ich trocken. „Und ganz ehrlich: Noch schlechtere Zeiten? Mann, was soll denn noch auf mich zukommen?“
Sie zog eine Grimasse und klopfte auf meine Schulter, sagte jedoch nichts. Ich nahm es ihr nicht übel. Jede denkbare Antwort auf meine Frage wäre schrecklich unsensibel gewesen. Also öffnete ich die Wohnungstür und trat über die Schwelle.
Im Flur begrüßte mich das Hochzeitsbild von Phil mit einem bitteren Fauststoß in den Magen, bevor Phils glückseliges Lächeln mit sanfter Hand darüberstrich und alles wieder besser machte.
Leonie seufzte kopfschüttelnd und warf mir einen skeptischen Blick zu. „Wie ich sehe, hast du die letzte Woche genutzt, um noch ein wenig zu … malen?“ Es fiel ihr offensichtlich schwer, dieses Wort für die Bilder zu benutzen, die in Massen im schmalen Flur und dem geräumigen Wohnzimmer standen und hingen. Überall, wo wir hinsahen, blitzten uns Farben in den unterschiedlichsten Schattierungen entgegen. Facetten von Kobaltgrün und Preußischblau. Zusammenspiele aus Zitronen- und Kadmiumgelb. Elfenbeinschwarz mit Spuren von Indigo.
Nie zwei verschiedene Farben auf derselben Leinwand. Immer nur Variationen desselben Farbtons in ruhigen Pinselstrichen oder wilden Spritzern auf ein einzelnes Bild gebannt. Oder auch einfach in mehreren dicken Schichten wie Putz aufgetragen.
„Jap. Ich habe vier … Stillleben beendet“, sagte ich knapp und schlängelte mich an den Leinwänden vorbei, um meine Jacke auf den einzigen noch freien Platz im Wohnzimmer zu legen – den roten Ohrensessel, den Philip mehr geliebt hatte als ein alphabetisch geordnetes Bücherregal. Ich hatte zu große Angst, den Sessel womöglich mit Farbe zu beschmieren, daher hielt ich die Bilder von ihm fern.
Leonie stieß gequält einen Schwall Luft aus, folgte mir jedoch.
„Ist das neu?“, fragte sie und nickte zu dem grauen Bild, das die Couch effektiv von ihrer Aufgabe abhielt, gemütlich und benutzbar zu sein.
Ich nickte. „Hab ich gestern Nacht gemalt.“
„Hübsch. Grau auf grau. Mäuse und Elefanten auf der ganzen Welt werden begeistert sein.“
„Du darfst die Koalas und Waschbären nicht vergessen“, erinnerte ich sie und drängte mich an ihr und der Couch vorbei, um in die Küche zu gelangen.
„Ellie, das hier ist ein Leinwand-Friedhof!“, rief Leonie mir hinterher. „Und die meisten Bilder sind einfach nur … na ja, langweilig! Es sieht aus, als hättest du eine hübsche Farbe genommen und sie dann in verschiedenen Schattierungen immer und immer wieder auf eine Leinwand geschichtet!“
Damit kam sie der Wahrheit erschreckend nahe. Aber wenn ich die Leinwände betrachtete, sah ich nicht einfach Farbe. Ich sah bedeutende Momente und flüchtige liebevolle Gesten. Hörte warme Worte und spürte sanfte Berührungen.
Doch jedes Mal, wenn ich das meinem Spiegelbild erzählte, zweifelte es an meiner geistigen Gesundheit – wie würde erst Leonie darüber denken?
Ich seufzte schwer und füllte zwei Gläser mit Wasser. Ich wusste ja selbst, dass ich diese Bilder nicht verkaufen konnte, und das wollte ich auch gar nicht. Trotzdem konnte ich nicht aufhören, sie zu malen. Sie beruhigten mich.
„Ich verstehe diese Bilder ehrlich gesagt nicht, Ellie“, sprach Leonie weiter. „Was willst du mit all diesen verschiedenen Farben und Formen ausdrücken?“
Stille.
Nichts als Stille.
Doch bis jetzt hatte ich es noch nicht geschafft, die Empfindungen, die die verschiedenen Arten der Stille in mir auslösten, auf einer Leinwand festzuhalten – und ich bezweifelte, dass es mir jemals gelingen würde. Stille war zu flüchtig, zu wechselhaft, um sie in eine Form zu sperren.
Stattdessen schrieb ich die Bedeutung, die für mich hinter jeder einzelnen Farbe stand, akribisch genau auf. Die Wissenschaft hinter den Farben von Stille würde irgendwann mal mein trauriges, einsames Vermächtnis sein.
„Kannst du nicht mal wieder ein paar Wolken malen?“, fragte Leonie hoffnungsvoll. „Ein paar deiner legendären Himmelsbilder?“
Ich kehrte aus der Küche zurück, reichte Leonie das Glas und schüttelte den Kopf. „Ich fühle mich nicht danach.“
Es machte keinen Spaß, den Himmel zu malen, wenn man den Glauben daran verloren hatte, ihn jemals zu erreichen.
„Na schön.“ Erneut seufzte Leonie und diesmal mischte sich auch etwas Sorge in den langgezogenen Ton. „Dann räum die Bilder doch wenigstens mal weg. So kannst du doch hier nicht leben.“
Ich hob eine Schulter. „Ich hab keinen Platz.“
Leonie presste die Lippen aufeinander und hob eine Augenbraue. „Ach, tatsächlich nicht?“
Im nächsten Moment lief sie schnurstracks an mir vorbei und stieß die Tür gegenüber der Küche auf.
„Was zum Beispiel ist mit diesem Platz?“
Meine Zehen kribbelten und das Blut schwappte in hektischen Wellen durch meinen Körper. Bei jedem neuen Schwall brannte mein Herz.
„Komm da raus, Leonie“, bat ich sie leise.
„Nein!“, erwiderte meine Freundin. „Du hast diesen Raum seit einem Jahr nicht mehr benutzt und das ist lächerlich.“
Ich atmete schwer durch, bevor ich ihr widerwillig ins Bürofolgte.
Es sah noch exakt so aus, wie Philip es zurückgelassen hatte … nur dreckiger und unbenutzter.
Zu meiner Rechten befand sich eine Wand aus Aktenordnen, vor mir Phils riesiger Schreibtisch, auf dem gleich drei Bildschirme Platz fanden. Graue Schlieren zogen sich über ihre Oberflächen, so als hätten sie Staub geweint. Der PC-Tower unter dem Tisch wirkte genauso einsam und traurig wie die diversen alten Laptops, die sich auf dem Sekretär zur Linken stapelten.
Das hier war Phils Heiligtum gewesen. Natürlich hatte ich es nicht angerührt.
„Ellie“, sagte Leonie, wobei die Geduld langsam aus ihrer Stimme schwand. „Ich weiß, wie schwer das hier für dich ist, aber du wirst nicht über Phils Tod hinwegkommen, wenn du weiterhin seinem Schrein huldigst.“ Sie machte eine ausladende Bewegung in den Raum hinein.
Ich biss auf meine Unterlippe und kniff die Augen zusammen. Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Denn wenn ich ihr die Wahrheit sagte – dass ich überhaupt nicht vorhatte über Philips Tod hinwegzukommen, weil es unmöglich war – würde sie mich mit einer Mischung aus Schock und Mitleid ansehen, die ich nicht ertragen könnte.
Leonie schien zu wissen, dass ich für die nächsten Minuten mit betretenem Schweigen kommunizieren würde, deswegen sprach sie weiter, um die Sache zu verkürzen: „Ellie, du brauchst Geld, die Computer müssen Tausende von Euro wert sein. Warum verkaufst du sie nicht?“
Ich weitete die Augen. „Was? Nein! Das kann ich nicht! Die Dinger waren ihm wichtiger als sauberes Trinkwasser. Da befindet sich seine Arbeit von zehn Jahren drauf. Die Programme auf den PCs waren sein Beweis dafür, dass man mit Logik und Vernunft alles im Leben vorherbestimmen kann. Wenn man nur den richtigen Algorithmus schreibt.“
„Aber genau darüber hast du doch andauernd mit ihm diskutiert!“, bemerkte Leonie ungläubig.
„Es ist egal“, sagte ich scharf und wandte den Blick ab. „Diese Computer sind sein Leben und seine Religion gewesen. Ich kann ihre Festplatten nicht einfach löschen und sie weggeben. Das ist so, als würde ich … als würde ich Phil selbst auslöschen!“
Leonie rieb sich mit der Hand über die Augen, nickte langsam und atmete schließlich tief durch. „Darf ich dich was fragen?“, wisperte sie nach einer Weile und legte einen Arm um meine Schultern. „Was machst du noch hier, Ellie?“
Überrascht hob ich die Augenbrauen. „Was?“
„Was du noch hier in Aachen machst“, wiederholte sie. „Ich meine, ich liebe dich und fände es furchtbar, wenn du gingst. Du bist meine beste Freundin, du bist die Einzige, die versteht, warum ich Ohren eklig finde – das kann nicht einmal Fabian nachvollziehen, obwohl er gelobt hat, mich zu lieben und zu ehren und all den anderen Kram. Aber …“ Zögerlich drückte sie mich an sich. „Na ja, deine Familie lebt in Cardiff, die Wohnung ist viel zu groß und teuer für dich allein … und jetzt hat Phil dir ein Haus in den Schoß geworfen, das die optimale Möglichkeit bietet, dein altes Leben zumindest für eine kurze Zeit hinter dir zu lassen. Du bist hier nicht glücklich, Ellie. Du steckst fest. Das kann so nicht weitergehen.“
„Ich bin glücklich“, widersprach ich sofort. Drei eingeübte Worte, die ich innerhalb der letzten Monate perfektioniert hatte. „Na ja, so glücklich, wie ich eben sein kann“, fuhr ich gereizt fort, als ich Leonies Blick bemerkte.
„Ich weiß, das redest du dir ein“, sagte sie mit schrecklich sanfter und verständnisvoller Stimme. „Aber ich glaube, du versuchst gar nicht wirklich, weiterzumachen. Es ist ein Jahr her, Phil wird seine Gründe gehabt haben, dir das Haus zu schenken … Warum fährst du nicht einfach hin und guckst es dir an? Ich zahl dir das Flugticket, vielleicht können wir die Wohnung untervermieten, du kannst dich ein paar Wochen oder vielleicht sogar Monate entspannen, das Cottage verkaufen … und mit dem Geld einen Neuanfang starten.“
Ich schluckte schwer.
Ich hasste jedes einzelne ihrer rationalen und vernünftigen Worte. Jede logische Schlussfolgerung, die gegen mich arbeitete. Jede gütige Geste, die mir meine Ausreden stahl.
Wenn Leonie das sagte, hörte es sich so furchtbar leicht an, einfach meine Sachen zu packen, die Wohnung in fremde Hände zu geben, die Stadt hinter mir zu lassen und mein Glück anderswo zu versuchen.
Doch es war alles andere als das.
Es war nicht die Ungewissheit des Neuen, die mir Angst machte. Das Gehen bereitete mir Schwierigkeiten. Denn ich würde nicht nur die Wohnung und die Stadt verlassen – ich würde Phil zurücklassen. All unsere gemeinsamen Erinnerungen in dieser Stadt. Seinen Geruch, den ich manchmal noch in unserem Schrank aufschnappte. Seine Nähe, die ich in jeder Ecke der Wohnung spürte. Die gemütliche Vertrautheit, die ich unter seinem Blick oder in seinen Armen verspürt hatte.
Ich würde sie für immer verlieren …
Andererseits: Eigentlich hatte ich sie schon längst verloren. Wenn ich ehrlich war, machte ich mir möglicherweise nur etwas vor.
Wahrscheinlich machte ich mir etwas vor.
„Fahr hin, Ellie“, drängte Leonie mich, ihre Stimme eine flehende Bitte.
„Aber …“
„Es gibt kein Aber“, murmelte sie. „Keine Ausreden. Ich lasse sie nicht mehr gelten. Du musst endlich einen Schritt nach vorn machen, sonst versinkst du in deiner Einsamkeit und kämpfst dich nie wieder daraus hervor. Phil hätte nicht gewollt, dass du dich so an der Erinnerung an ihn festklammerst und darüber vergisst, dein Leben zu leben.“
Ich senkte den Blick und schloss die Augen.
Ich wusste, dass sie recht hatte, denn Phil hatte es mir immer und immer wieder gesagt. Dass sein Tod zwar das Ende seines, aber nicht meines Lebens war. Dass ich meins doppelt und dreifach leben müsste. Für ihn.
Er hatte mir tausende Versprechen abgenommen, von denen ich kein einziges einhalten wollte. Aber was hatte ich schon für eine Wahl? Wollte ich etwa für immer in dieser Wohnung bleiben und Stille malen?
Ich hasste sie dafür, aber Leonie hatte recht. Stillstand war keine Option mehr. Ich konnte ihn mir schlichtweg nicht leisten – weder emotional noch mit den Knöpfen in meinem Portemonnaie.
„Okay“, murmelte ich und atmete tief durch. „Aber die Computer gebe ich nicht weg. Die bleiben, wo sie sind. Damit müssen die Untermieter klarkommen.“
Ich wollte schließlich einen kleinen Schritt nach vorn machen – keinen Kopfsprung.
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